aufmerksam, feminin, glaubhaft

Warum ich meine Kirchengemeinde liebe

Heute nach dem Gottesdienst.

Während Christian* die Noten vom Bösendorfer sammelt, gehe ich zu ihm hinüber und frage ihn, ob er Zeit hat, uns am 35.89.2014 bei der Trauung musikalisch zu begleiten.
Daraufhin geht ein Strahlen über sein Gesicht, er versichert mir, dort keinesfalls vorzuhaben in den Urlaub zu fahren und gerne die Orgel und den Flügel für uns zu spielen. Voller Begeisterung beglückwünscht er mich zu dem anstehenden Ereignis, notiert es sich sofort im Taschenkalender, und schwärmt anschließend von Hochzeiten und wie gern er für uns das Musikalische übernimmt und wie gern er an die Hochzeit seiner Tochter im letzten Jahr denkt. Und was ich so vorhabe und wie man das instrumentieren könne und dass wir uns bald etwas Passendes dafür ausdenken sollten. Und wer sich noch so alles anbieten würde, zum Beispiel Louise* mit der Violine, und die bekäme doch sicher aus ihrem Orchester noch SpielerInnen dazu organisiert.
Da Christian voller Begeisterung mit der Planung loslegt und ich nicht zu meinem Verlobten zurückkehre (der bisher gemütlich in der Kirchenbank saß), schlendert er nun doch zu uns hinüber und wird von Christian mit großer innerer Anteilnahme beglückwünscht. Angesichts Christians Rührung (der als Wissenschaftler nun wirklich ein gestandener Mann ist, der stets die Ruhe weg hat), werde ich selbst ganz ergriffen.

Wir gehen Richtung Foyer.
Ich nähere mich zwei älteren Damen im Gespräch, warte kurz, bis sie ihre Aufmerksamkeit auf mich richten und begrüße sie: „Guten Morgen Ingrid*, guten Morgen Gertrud*, ich schleiche mich hier so an, weil ich ein Attentat auf euch vorhabe.“
Gertrud, lachend: „Na, Marie, das habe ich mir schon gedacht!“
Ich: „Ja, folgendes: Wir heiraten am 35.89.2014 und ich würde mich freuen, wenn ihr mir beim Sektempfang helft – als Braut kann ich ja schlecht selbst servieren.“ Dann erkläre ich kurz den Ablauf des Tages und werde herzlich von beiden mit Freude überschüttet:
Ingrid: „Ach, das ist aber schön! Wie freu ich mich da für euch! Wir haben hier auch geheiratet…“
Gertrud: „…und wir auch. Da war der Clubraum gerade fertig, aber da passten nur 40 Gäste rein…“
Ingrid: „- ach, aber wir hatten auch nur 40 Gäste und das ging doch alles gut….“
Beide schwelgen in Erinnerungen und freuen sich, wie gut Vergangenheit und nahe Zukunft zusammen passen. Dann werden sie praktisch:
Ingrid: „Ja, dann komme ich so gegen 13.00 Uhr, das schreib ich mir gleich auf. Und ach, die Ingelore* kannst du auch gleich fragen, ob sie mitmacht.“ (Besagte Ingelore hatte mich vor dem Gottesdienst bei der gleichen Bitte liebevoll gedrückt und versprochen, sollte sie nicht mit Ingrid auf Korsika sein, natürlich beim Servieren mitzumachen. Und wie gern sie das doch täte, wo sie sich doch so genau daran erinnert, wie sie damals die Woche vor ihrer Trauung die ganze Zeit Servietten gefaltet hat.)
Gertrud: „Ja, ich bin auch dabei. Was sagst du, Ingrid? 13.00 Uhr? Ist gut, notier ich mir.“
Beide kritzeln eifrig in ihre winzigen Taschenkalender und fühlen sich kein bißchen zu einem pflichtschuldigen Arbeitseinsatz genötigt.

Anschließend treffen wir im Gemeindesaal auf die anderen Gottesdienstbesucher, wo es zu Ehren eines Missionarspaares Dias von ihrer Arbeit, Franzbrötchen und Brezeln für alle (statt nur Kaffee wie sonst) gibt. Die beiden werden seit vielen Jahren von unserer Gemeinde unterstützt, nun sind sie im Rentenalter und immer noch viel im Einsatz. Während die Ehefrau des Missionars die Dias erläutert, zeigt mir Katja* das Fotoalbum ihrer Hochzeit aus dem letzten Jahr. Natürlich war ich bei der Trauung dabei, aber als angehende Braut hat Frau auf die Dekoration der Kirche und die nötigen „Umbaumaßnahmen“ in Gottesdienstraum und Foyer doch einen anderen Blick. So zeigt sie mir eifrig Bilder und wir tauschen uns sehr offen aus, wie viel Budget für welche Posten zu veranschlagen sind.
Beim Hinausgehen werde ich von Annika* umarmt, die ständig überall in der Welt unterwegs ist und gerade mit ihrem englischen Mann für eine Familienfeier nach Deutschland gekommen ist. Ihr erzähle ich kurz, dass ihr Vater mir letzten Sonntag ihr Hochzeitsalbum mitgebracht und gezeigt hat, damit wir uns besser vorstellen können, wie wir das Ganze planen. Daraufhin berichtet sie mir, was für großartige Ideen sie von einer anderen Hochzeit mitgenommen hat (leider war ihre eigene da schon vorbei…). Aber vielleicht ist es für uns das Richtige?

Mein Verlobter auf der Rückfahrt mit der U-Bahn: „Also ihr Baptisten habt schon eine ganz eigene Euphorie, wenn es um die Gemeinschaft geht. Bei uns Katholiken hätten sich auch alle gefreut, aber die Gemeinde hier sprudelt ja vor Begeisterung, bloß weil wir heiraten!“

Darum liebe ich meine Gemeinde:
Wir bilden ein großes Gefüge, in dem JedeR einen Platz findet. Demnächst gibt es wieder eine Gemeindeversammlung: Dann wird es um Finanzielles und die Pläne für das neue Jahr gehen. Die Wellen werden hochschlagen, es werden alle Plädoyers für ihren Standpunkt halten, es wird heftige Streitgespräche und herzliche Dankesreden geben. Eine schier endlose Reihe an Abstimmungen erfolgt ebenfalls. Das nennt man Basisdemokratie, und die ist uns Freikirchlern wichtig.
Zum Schluss werden wir hungrig und etwas sehr erschöpft zu einem verspäteten Mittagessen nach Hause gehen.
Doch letztlich zählt, dass wir uns im Herzen doch trotz der persönlichen Macken alle gern haben und wissen, dass DER, wegen dem wir uns in der Kirche versammeln, uns noch viel mehr liebt, als das Gemeindeglieder untereinander tun können.

 

*Alle Namen wie immer geändert.

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