aufmerksam, feminin

Typberatung einmal anders

Vor sehr vielen Jahren habe ich meinen Jahresurlaub gespart, um die Zeit für eine Ausbildung zur Farb- und Stilberaterin zu nutzen. Damals reiste ich als überzeugter Frühlingstyp an und musste mich zu Beginn mit meinem Los, ein Sommertyp mit warmen Anteilen zu sein, erst anfreunden. Zu der Zeit trug ich seit Längerem Orangetöne in sämtlichen Varianten und liebte Maigrün heiß und innig. Da ich dazu oft Naturtöne kombinierte, die aus dem Spektrum des Sommers kamen, fiel es meist nicht weiter auf, dass ich zwar warme und kühle Anteile in mir vereine, die kühlen jedoch deutlich überwiegen. Mit der Zeit dunkelten meine honigblonden Haare immer mehr nach, sodass ich mich auf das Urteil der Ausbilderin verließ: Jetzt ist Jetzt, und wenn meine Haare noch vor drei Jahren deutlich warm-golden waren, so lag diese Tatsache nun einmal in der Vergangenheit.
In meiner Jugend war ich dem Irrtum aufgesessen, dass mir sympathische Farben auch zu mir passende Farben sind – und dass die Selbstdiagnose einer damals Sechzehnjährigen nicht unbedingt die Wahrheit trifft, versteht sich wohl von selbst. Nach wie vor erkenne ich mich in meinem damaligen Erleben wieder, am liebsten klare, leuchtende, vitale und durchsetzungsstarke Farben zu wählen. Es entspricht meinem Temperament und dem Wunsch, frei und tatkräftig zu sein.
Auch heute noch wählte ich diese Farben um ihrer Aussage willen, wenn ich nicht längst wüsste, dass sie sich mit meinem Teint einfach nicht vertragen: Je mehr ich arbeite, und das stets drinnen, weshalb meine Haut sehr hell bleibt, fast nie bräunt und meine Haare nur noch selten goldene Strähnen von der Sonne bekommen; desto wichtiger ist es, mich in den Farben des Sommertyps zu bewegen und die warmen Anteile dosiert einzusetzen.
Wie jede Person, die eine Farbberatung erlebt hat, musste ich mich zu Beginn streng umerziehen, beim Kleidungskauf die richtigen Farben zu wählen und das „Hinterher-Weinen“ nach dem, was ich früher trug, bald bleiben zu lassen.
Längst erlebe ich, dass meine Ausstrahlung keineswegs darunter leidet, wenn ich kühle Farben trage – im Gegenteil, da ich sehr offen und herzlich agiere, tun mir die distanzbetonenden Nuancen oft gut. Speziell im professionellen Umfeld genieße ich es, zu besonders „hakeligen“ Terminen in kaltem Anthrazit und elegantem Petrol zu erscheinen. Ich liebe Power-Dressing – es gibt nichts Besseres, als sich Durchsetzungskraft buchstäblich anzuziehen.

Da die eigene Wohnung mit meinem Teint nichts zu tun hat, darf ich hier sämtliche Apricot-Töne, alle Arten von warmem Braun, sattes Gelb und frisches Grasgrün einsetzen. Im Herbst gibt es mehr Kissen und Sofa-Polster in abgestimmten Rostrot- und Orange-Nuancen, als ich sie jemals am Körper tragen könnte. Ich vermisse also nichts.

 

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Dennoch passiert es manchmal, dass traumhaft schöne Kleidung genau in den für mich falschen Farben hergestellt wird – gut für all die Frühlingstypen, von denen ich hoffe, dass sie es zu schätzen wissen… Aber schade für mich, wenn es ausgerechnet diese Bluse oder dieser Pulli nicht in einer Sommer-Typ-tauglichen Variante vorhanden ist.
Da ich zu Gunsten der Umwelt und meines schmalen Gehalts vorrangig Second-Hand kaufe, ist es einfach Glück oder Pech, was gerade im Angebot ist. Ein schönes Stück gibt es grundsätzlich nur einmal in genau diesen Farben, entweder es harmoniert oder eben nicht.
Vor Kurzem entdeckte ich diese zauberhafte Bluse in meinem Lieblings-Second-Hand-Geschäft und musste sie leider dort lassen, weil sie derart warmtonig ist, dass ich sie im Leben nicht tragen kann. Ihr wunderbares Muster ließ mir jedoch während der Flitterwochen keine Ruhe, sodass ich sie, in Hamburg wieder angekommen, doch kaufte.
Nun trägt meine Schneiderbüste, genannt „die Dame“ dieses traumhafte Muster, das aus jedem Pigment „Sommerzeit!“ trompetet. „Die Dame“ steht im Schlafzimmer und hat normalerweise unfertige Kreationen von mir am Leibe, nun dient sie der Dekoration.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie morgens anschaue und das perfekt komponierte Blumenmuster genießen kann…

 

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