aufmerksam, glaubhaft

Mit einem Flüchtling unterwegs

Vor Kurzem fuhren meine Gefühle heftig Achterbahn, und das kam so:
An meinem freien Tag schaute ich mich in „meiner“ Bücherhalle (einer von vielen Bibliotheken der Hamburger Stadtteile) nach Lektüre um. Dabei kam ich an einem jungen Mann aus Eritrea vorbei, der an einem Tisch saß und offensichtlich Übungen aus seinem Deutschbuch zu lösen versuchte. In solchen Situationen biete ich gerne Hilfe an, weil ich als Sprachtherapeutin niemanden hilflos sitzen lassen kann. Nur um damit einen Teil meines freien Tags zu verschenken und mich im Nachhinein über mein Helfersyndrom zu ärgern… So zwang ich mich, einfach weiter zu gehen und mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Das klappte insofern nicht, da ich innerlich nicht in der Lage war, den Raum zu verlassen, ohne den jungen Mann anzusprechen. Ich weigerte mich, dem inneren Drängen nachzugeben und wollte einfach nur meine Ruhe haben. Keine Chance, ich fühlte mich aus tiefster Seele gezwungen, zu ihm zu gehen.
Er freute sich tatsächlich, stellte sich als Yohannes (Name geändert) vor und wir vertieften uns in sein Arbeitsheft. Dabei regte ich mich (vorrangig innerlich) über das schlecht konzipierte Deutschheft auf. Es sollte auf dem Sprachlevel B1 der Berufsvorbereitung dienen. Tatsächlich waren die Aufgaben in derartigem Amtsdeutsch geschrieben, dass ich behaupte, selbst muttersprachlich Deutsche mit Hauptschulabschluss können nicht verstehen, was genau von ihnen verlangt wird. Ganz ehrlich, wer die schwer formulierte Aufgabe kapiert, braucht sie nicht mehr zu lösen – sie oder er hat auf dem Stand von B1 bereits mehr als genug geknobelt!

Anschließend unterhielten wir uns darüber, dass er aktuell fünf Tage die Woche einen Kurs zur Berufsvorbereitung besucht. Eigentlich sollte er derzeit im Praktikum sein, hatte aber keinen Platz bekommen. Leider fiel mir keine Möglichkeit ein, ihn mit einer Empfehlung  unterzubringen. So tauschten wir Mailadressen aus und ich brach auf.
Abends kam mir der wunderbare Gedanke, dass er eine Woche später bei „Ora et Labora / Beten und Arbeiten“ in Mölln mitmachen könnte. Fünf Tage ehrenamtliche praktische Arbeit zur Renovierung eines Freizeitheims, unterbrochen von Gebetszeiten und Mahlzeiten, mitten im Grünen und mit netten Leuten. Wenn ihm die Chefin anschließend einen kurzen Bericht mitgab, welche handwerklichen Aufgaben er absolviert hatte, würde das seine Aussichten auf einen Praktikumsplatz in Zukunft sicher erhöhen. Denn wie es in Deutschland so oft ist: Wer hat, dem wird gegeben – und wer nicht hat, der hat auch weiterhin Pech. In Konkurrenz mit Haupt- und Realschülern haben die Flüchtlinge bei Bewerbungen auf Praktikumsplätze natürlich den schlechtesten Stand. Wenn sie zumindest vorweisen können, in Deutschland erste praktische Erfahrungen gesammelt zu haben, kann das nur helfen.

Daraufhin begann ein fieberhafter Mailwechsel in alle Richtungen, da innerhalb von vier Tagen vor Ostern das Ganze klappen musste. Noch dazu ließ sich die Schule, an der Yohannes eventuell ein verkürztes Praktikum absolvieren konnte, zu keinen genauen Angaben herab. Würde er in der Woche nach Ostern in Hamburg Anwesenheitspflicht haben oder nicht? Und wie sah seine Aufenthaltserlaubnis aus? Residenzpflicht – ja, nein oder unter bestimmten Vorgaben? Was hielten die Damen im Büro der Flüchtlingsunterkunft davon? Verstand er in aller Konsequenz, dass er fünf Tage außerhalb Hamburgs ehrenamtlich für ein kirchliches Freizeit-Zentrum arbeiten konnte? Wollte er das wirklich? Hatte er feste Schuhe für die Arbeit vor Ort? Gab es eine Person, die ihn begleiten wollte, damit er jemanden hatte, mit dem er sich notfalls auf tigrinja verständigen konnte? Würde er allein von hier nach Mölln kommen?
Ich arbeitete tagsüber und rotierte in meiner Freizeit innerlich und äußerlich.
Es fühlte sich an, als hätte ich plötzlich ein Baby bekommen, das ich innerhalb von sieben Tagen fit für eine Klassenreise machen sollte.
Karfreitag kam er zu uns und wir konferierten, wo Hamburg liegt und wo Mölln und wie er von hier nach dort kommt und wo er umsteigt und wie teuer die Fahrkarte ist und wo er sie her bekommt.
Ostermontag rief er plötzlich an und fragte eine Stunde vor der Abfahrt, ob doch ein Kumpel mitkommen könne. Klar, meinte ich, und telefonierte schnell nach Mölln, um mich abzusichern. Später erhielt ich von der Chefin die Nachricht, dass er allein, aber pünktlich angekommen sei. Während es draußen plötzlich schneite, fragte ich mich, ob er wohl eine dicke Jacke dabei hatte und mit der Arbeit, den Gebetszeiten, den Leuten und den harten Betten zurecht kam. Nicht, dass er sich zurück nach Hamburg durchschlug…
Naja, während ich selbst mit einem dicken Infekt im Bett lag, führte mich auf wie eine Mutter, deren Kind das erste Mal allein unterwegs ist… Da ich selbst vor zwei Jahren für „Ora et Labora“ in Mölln war, weiß ich, wie schlecht im Naturschutzgebiet die Mobilverbindung ist, also wunderte ich mich nicht weiter, dass meine SMS nicht beantwortet wurde.
Nun scheint er gut wieder zurück gekommen zu sein und schreibt, er habe Spaß gehabt und sei entspannt. Na denn.

In diesem Sinne:
Wer mit Teenies eine aktive Woche im Frühling an der frischen Luft verbringen will oder einen Flüchtling begleitet, ist zum „Beten und Arbeiten“ jedes Jahr in der Woche nach Ostern im Tannenhof willkommen. Für den ehrenamtlichen Einsatz in Haus und Hof gibt es kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Auch ganze Familien reisen an und die Kinder sind stolz wie Bolle, wenn sie mit ihren kleinen Werkzeugen mitmachen dürfen.

 

1 thought on “Mit einem Flüchtling unterwegs

  1. Liebe Marie,

    es ist wundervoll, dass du nicht auf deinen Verstand gehörst hast und deinem Herzen gefolgt bist. Ich hoffe, dein „Junge“ konnte schöne Erfahrungen machen, die ihm auch weiterhelfen. Ich bin selbst ehrenamtllich tätig, und manchmal, wenn man kann und die Zeit hat, ist ein dankbares Lächeln tausend Mal erfüllender als freie Zeit für sich.

    Alles Liebe

    Mila

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