aufmerksam, feminin, glaubhaft

Von überlebensgroßen Vorbildern und dem Blick auf uns selbst

Kennt ihr das auch: Es gibt bestimmte Menschen, von denen wir ständig Gutes hören und die wir doch nie kennenlernen.
Einer davon ist T. J. (Tii-Tschäi) aus meiner Kirche. In letzter Zeit höre ich gefühlt ständig „Da kümmert sich T. J. drum,“, „Lass uns mal T. J. fragen“ und „Das wollte T. J. doch organisieren.“ Letzte Woche im Gebetskreis bei mir im Viertel erfuhr ich plötzlich, dass T. J. der Arbeitskollege des Gastgebers ist und sie sich in der Agentur zum Beten verabreden. Jetzt ist noch nicht mal mehr der Stadtteil T. J.-freie Zone!
Offensichtlich ist T. J. in quasi allen Lebenslagen kompetent, sehr zuverlässig, federführend bei diversen Aktionen, super intelligent und kinderlieb. Kurz, er ist perfekt und auch noch super hip, weil er englisch als Muttersprache hat. Entsprechend stellte ich ihn mir vor: Ein sehr großer (geschätzte 2,13 m) muskelbepackter Afroamerikaner mit spiegelnder Glatze und blendend weißen Zähnen. Stark, schlau, geduldig und unverwüstlich. Der Mann, dem einfach alle vertrauen.

Heute putzte ich den Jugendraum in der Kirche, während diverse Kinder und drei Väter noch am Kicker spielten und Karten zockten. Am Ende blieb nur noch eine Familie übrig, das Mädchen sprach ihren Vater mit Daddy an und er antwortete konsequent auf englisch. Erst dachte ich mir nichts dabei, während ich meterweise Spinnweben von der Decke holte und die Fenster putzte. Schließlich haben wir immer wieder Briten zu Besuch.
Bis ich irgendwann dachte: „Könnte DAS vielleicht T. J. sein? Und wenn nicht, könnte er T. J. kennen, so Expats unter sich?“ Als er also kurz vor dem Aufbrechen in meiner Nähe beschäftigt war, fragte ich ihn, ob er T. J. sei. Zu meinem größten Erstaunen bejahte er, dabei sah er völlig normal aus. Wie quasi jeder Hamburger mit Regenjacke, Turnschuhen und Drei-Tage-Bart. Ich war so perplex, dass ich ihm natürlich mein zusammenfantasiertes Bild darlegte. Wie es immer so ist: Marie macht den Mund auf, raus kommt die ungeschminkte Wahrheit, und anschließend gucken wir mal, wie wir das halbwegs zivil entschärft bekommen. Ähem. Er nahm es zum Glück sportlich und meinte, ganz offensichtlich sei er ja das Gegenteil meiner Vorstellung.

Ich stellte mich natürlich auch vor und zu meinem großen Entsetzen meinte er, er habe meinen Namen auch schon öfter gehört. Ich hoffe ja schwer, dass er jemand Anderes meint – denn im Gebetskreis sage ich natürlich, was letzte Woche gut gelungen ist, aber noch viel mehr und viel öfter, was gerade so richtig blöd läuft. Ähem. Da liegt der Verdacht nahe, dass er jede Menge Katastrophen von mir gehört hat – andererseits, wen interessieren die in irgendeiner millionenschweren Agentur?

Und die Moral von der Geschicht:
– Ganz normale Menschen werden manchmal so von ihrem Umfeld geschätzt, dass sie wie HeldInnen auf andere wirken. Dabei sind sie genauso unspektakulär wie wir selbst. Wir selbst dagegen sind oft gar nicht so klein, unbedeutend, machtlos und langweilig, wie wir mit einem Blick auf unsere Unsicherheiten und Schwächen meinen. Wer weiß, was andere über uns erzählen, sodass wir in den Ohren unbeteiligter Dritter wie Wunderwaffen klingen? Vielleicht sind wir viel stärker, als wir selbst glauben.

– Und was die Angst angeht, von anderen, die über uns reden, als Depp wahrgenommen zu werden: In unserer Schwäche liegt eine Kraft und Ehrlichkeit, die anderen Mut machen kann. Wenn wir anderen von unseren Niederlagen erzählen, sind die anschließenden Siege mit Gott umso eindrucksvoller. Und sich gegenseitig in Zeiten von Frust oder Trauer beizustehen, kann wichtiger und wirksamer sein, als immer die Unkaputtbare vom Dienst zu sein. Vielleicht sind wir in unserer Begrenztheit wertvoller, als wir meinen.

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