Atemfreude, aufmerksam

Inspirationen für neue Atemfreude-Stunden aus einem schwedischen Kinderbuch

Im Urlaub auf den finnischen Schären fand ich auf einem „Loppis“ (schwedisch für Flohmarkt) dieses Gymnastikbuch für Kinder. Es erschien ursprünglich auf ungarisch unter dem Titel „Jatékos Torna Kisgyermekeknek“, dieses Exemplar stammt als Übersetzung aus dem Deutschen aus dem Jahr 1968. „Vi leker gymnastik“ bedeutet „Wir spielen Gymanstik“.

Mich begeisterten auf den ersten Blick die Zeichnungen. Auf den zweiten Blick inspirierten mich die Übungen, auch wenn die Frage ist, welche davon heute noch als physiologisch sinnvoll für Kinder im Wachstum angesehen werden.


Vielleicht lassen sich daraus, stark abgewandelt, Ideen für meine SeniorInnen entwickeln. Schließlich brauche ich für jede neue „Atemfreude“-Stunde ein motivierendes Thema, das als moderierte Geschichte durch die lockernde Gymnastik und die Atemübungen führt.
Viel mehr Lust weckt das Buch in mir, „Atemfreude“ für Kinder zu gestalten. Verglichen mit dem sehr eingeschränkten Bewegungsradius der SeniorInnen sind so viel mehr Übungen möglich…

Atemfreude, kreativ

„Karneval der Tiere“ als Atemgymnastik mit Senioren

Für heute Vormittag habe ich einen „Atemfreude“-Kurs in der Senioren-Residenz unter dem Motto „Karneval der Tiere“ geplant. Mein Ziel in der Stundenplanung ist, während der interaktiven Atemübungen so viele Tiere wie möglich auftreten zu lassen, damit es richtig lebendig wird. Und Karneval garantiert schon als Begriff Lebensfreude und Ausgelassenheit.
Aus meinen Kinder-Party-Kisten brauchte ich nur diverse Verkleidungsutensilien ziehen. Außerdem hatte ich mehrere Masken im Fundus, von denen ich zwei bemalte: Die Katze und den Schmetterling. Sie dienen als Bühnenbild, das ich auf einem großen künstlichen Fell arrangieren werde. Der Überblick zu Hause gefällt mir bereits, ich bin gespannt, wie es aufgebaut wirken wird.
Die SeniorInnen werden mit mir die Arme als Schwingen ausbreiten und sich gedanklich in die Luft erheben. Das weite Öffnen der Arme dehnt den Brustkorb, um der Atmung Raum zu geben. Als Storch werden wir auf einem Bein stehen und die Balance trainieren. Als Pfau werden wir unseren Oberkörper in einem Halbkreis strecken, um ein Rad zu schlagen, und die Zwischenrippenmuskulatur dehnen. Wir werden uns von Ast zu Ast hangeln wie Affen und räkeln wie die Katze… Bis alle Körperbereiche gedehnt und gelockert sind und wir schnauben wie Pferde oder pfeifen wie Vögel, um den Atem zu locken.

Vor der Atemfreude findet die Morgengymnastik im Saal statt, sodass ich immer nur fünf Minuten Zeit habe: Um das Bühnenbild aufzubauen, Material wie Therabänder zu holen, einen großen Stuhlkreis anzuordnen und meinen eigenen Platz einzurichten (mit dem Stundenkonzept, einem Gedicht als Einstieg, Liedblättern, Impuls-Karten als Abschiedsgeschenk, Wasserflasche und Telefon für Notfälle). Insofern könnte das Bühnenbild noch eindrucksvoller sein, dazu fehlt die Zeit – und das bewahrt mich vor zu viel Aufwand am falschen Ende. Schließlich steht das Gruppenerlebnis im Vordergrund, egal, wie gelungen ich den Mittelpunkt des Stuhlkreises gestalte.

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Atemfreude, aufmerksam

Warum europäische Adelsfamilien den Alltag mit Seniorinnen erleichtern

Ein Small-Talk-Profi zu sein hilft allen, die täglich mit SeniorInnen arbeiten. Bekanntermaßen stehen in Senioren-Residenzen alle drei Meter Sitzecken mit Sesseln, in denen die BewohnerInnen eine Pause zwischen den Etappen ihres Wegs bis ins Appartement einlegen können. Viele setzen sich auch absichtlich auf besonders frequentierte Flure, in der Hoffnung, dass vorbei eilende Pflegerinnen, Putzfrauen und Pädagoginnen innehalten und einen fröhlichen Schnack anfangen. Wer fünf Mal am Tag an den gleichen Damen und Herren vorbei sprintet, verknappt den Gruß ab dem zweiten Mal erheblich. Dennoch ist hochwertiges Small-Talk-Material Gold wert, auch wenn alle gern über das Wetter und den Blutdruck sprechen. Insofern bin ich den europäischen Adelshäusern sehr dankbar, wenn sie heiraten, gebären und taufen. Selten können wir uns, jenseits von Beschwerden über das Mittagessen und fehlenden Besuch der Verwandtschaft, so harmonisch und ausführlich austauschen! Sich aus Adelskreisen heraus scheiden zu lassen oder zu sterben zählt als gesprächsfördernde Maßnahme leider nicht.

Da mein Konzept „Atemfreude“ jedes Mal ein einzigartiges Erlebnis im Rahmen einer moderierten Geschichte verspricht, bange ich gelegentlich um ausreichend Inspirationen. In jeder Stunde aktivieren wir den Körper von Kopf bis Fuß, dabei entstehen die Bewegungen aus meiner Erzählung. Auch die Atemübungen, die indirekt durch Gymnastik oder direkt mit Anleitung erfolgen, müssen abwechslungsreich und motivierend sein. Bei jeder Gruppenstunde einen ganzheitlichen und für alle schaffbaren Mix aus Übungen, biografischen Momenten und fröhlichen Liedern zu gestalten, ist anstrengend genug. Eine zugrunde liegende Geschichte zu erfinden, die aus der Lebenswelt der hochaltrigen Personen stammt und jedes Mal ganz anders ist als die Wochen und Monate zuvor, bleibt meine Herausforderung. Dabei bat ich die SeniorInnen bereits, mir Wünsche und Ideen zu nennen, die ich mit Übungen füllen und zu einem Stundenentwurf verarbeiten kann. Sie überschlugen sich in Respekt dafür, wie viele gute neue Ideen ich jedes Mal zu einem Gruppenerlebnis verbinde, hatten aber keine Vorschläge für neue Themen…
Umso dankbarer war ich für die medienwirksamen Hochzeitsvorbereitungen von Prinz Harry mit Meghan Markle. Schon vor einem halben Jahr hatte ich über eine Atemfreude mit dem Motto „Hochzeit“ nachgedacht, es aber nie umgesetzt. Die britischen Royals gaben den Ausschlag: Heiraten (spielen) wollen wir!

Jetzt nahm ich die Herausforderung an und gestaltete eine imaginäre Hochzeit im Gymnastiksaal:
Wir knicksten vor der Braut und trainierten neben den Fuß- und Kniegelenken parallel die Balance. Wir spielten enthusiastisch den Hochzeitsmarsch mit kraftstrotzenden Armen und flinken Fingern auf der imaginären Orgel und summten dabei. Wir streuten mit weiten Armbewegungen Blumen, schnupperten am Brautstrauß, begleiteten mit Pferdegetrappel (mundmotorische Übung) die Kutschfahrt und tröteten lautstark mit der Kapelle in die Trompeten.
Das Bühnenbild bestand aus „hingeworfenen Rosenblüten“ (Stoff als Unterlage), sehr eleganten grün-goldenen Tellern aus dem Geschirrschrank der Queen und opulenten Tüllblumen mit Glitzersteinen. Ein Strauß aus Kunstblumen in der Mitte schafft Höhe und sorgt für einen dreidimensionalen Blickfang. Jedes Mal habe ich nur fünf Minuten Zeit, zwischen dem vorhergehenden Angebot und der Atemfreude das Bühnenbild aufzubauen, das Therapiematerial unsichtbar und griffbereit zu verstauen, alle Ankommenden im Stuhlkreis anzuordnen und meinen Ablauf sichtbar zu platzieren. An diesem sonnigen Vormittag im Mai waren wir statt der üblichen 30 Personen nur 22, sodass alle deutlich mehr Spielraum hatten als sonst. Nicht, dass wir beim Reis werfen einander noch blaue Augen zufügen…

Atemfreude, aufmerksam

Kostenloses Material zur „Atemfreude“ als Download

„Atemfreude“ ist mein interaktives Konzept für Atemübungen mit SeniorInnen. Dabei erleben wir gemeinsam eine fröhliche Geschichte, ohne den Raum zu verlassen. In der Mitte des Stuhlkreises wird ein „Bühnenbild“ aufgebaut, das als Kulisse die Fantasie anregen und auf das Thema einstimmen soll.
Die Stunde beginnt mit einem Gedicht zur Einstimmung und für die passende Atmosphäre. Anschließend lockern wir Verspannungen und aktivieren den Körper von Kopf bis Fuß. Dabei wird der Atem direkt oder indirekt stimuliert. Übungen zum vertieften Atem und eine Phase der Atemwahrnehmung schließen sich an. Zusätzlich stimulieren mimische Aufgaben die orofaziale Muskulatur. Zum Schluss singen wir zusammen. Dabei klingen die oft brüchigen Stimmen der Hochaltrigen durch die vertiefte Atmung und die aufrechte, entspannte Haltung deutlich klarer als sonst. Das gemeinsame Singen stärkt das Gruppengefühl und bildet einen runden Abschluss der Stunde. Als „Abschiedsgeschenk“ verteile ich einen philosophischen Impuls, damit die guten Gedanken noch nachhallen können.

Neulich schrieb ich darüber, dass ich aktuell in den letzten Zügen eines Fachbuchs über die Atemfreude bin. Bis ich mein Konzept (hoffentlich!) erfolgreich bei einem Verlag untergebracht habe, biete ich drei exemplarische Stundenentwürfe bei madoo.net kostenlos zum Download an. Neben Übersichtsbögen mit Atemübungen teile ich Spielideen für Senioren und viele, viele Übungsblätter aus meiner Arbeit mit Kindern damals. Im deutschsprachigen Raum stehen meine Therapiematerialien auf Platz 5, darauf bin ich sehr stolz und freue mich über jeden hilfreichen Kommentar.

Atemfreude, aufmerksam

Lebenslustig bewegen und den Atem vertiefen: „Atemfreude“ wird ein Buch!

Manchmal helfen nur Pralinen: Harte Zeiten fordern harte Maßnahmen!
Das Manuskript über mein Konzept „Atemfreude“ wächst zu einem echten Buch heran. So viele Kapitel und Praxisanleitungen habe ich inzwischen zusammen, dass ich mich dringend nach einem Verlag umsehen will. Seit ich weiß, was alles nötig ist, um eineN LektorIn mit einem professionellen Angebot zu überzeugen, habe ich Herzrasen. Dagegen hilft ein knallhartes Arbeitspensum, und als Weichzeichner für das gestresste Gehirn versuche ich gerade Pralinen. Als Selbstmedikamentierung. Schlägt ganz gut an, mal gucken, wie die Spätfolgen aussehen…. 😉

Als Erstautorin muss ich mich natürlich besonders ins Zeug legen, um meine Expertise glaubhaft darzustellen. Zwei veröffentlichte Artikel über das Konzept in der Presse und Platz 5 auf der Hitliste der meistgeteilten Therapiematerialien bei madoo.net sind ein netter Anfang. Aber es muss mehr geben, um Interesse bei den LektorInnen zu wecken!
Also bat ich meine SeniorInnen gestern im Anschluss an die „Atemfreude“, mit zwei Sätzen ihre Meinung über das Angebot festzuhalten. Gerne anonym, damit es rechtlich übersichtlich bleibt. Ein Großteil der 23 Damen und Herren war von der Bitte erstmal überfordert, aber mir wurden reichlich positive Kommentare versprochen.
Mal gucken, wie viel Gewicht die Meinungen von begeisterten Teilnehmenden für einen Verlag haben…

Atemfreude, aufmerksam, glaubhaft

Einatmen, ausatmen – Atempause?

„Den Puls des eigenen Herzens fühlen.
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen, das ist es.“

Christian Morgenstern

Mich durch Fachliteratur in der Zentralbibliothek zu wühlen, motiviert mich immer wieder zu neuen Ideen für mein Konzept „Atemfreude“. Jede Stunde hat ein eigenes Thema, das die Übungen und den Verlauf des Kurses bestimmt. Diese Woche waren wir gedanklich und pantomimisch auf dem Spielplatz aktiv: Selbst körperlich stark eingeschränkte SeniorInnen führten Bewegungen aus, die dem Rutschen, Klettern, Schaukeln und Turnen nachempfunden waren. Da ich jedes Mal den kompletten Stundeninhalt anhand eines gemeinsamen Erlebnisses, das ich während der Übungen moderiere, entwerfen muss, werden zwangsläufig die Ideen für Übungen knapp. Umso mehr, wenn klassische Atemübungen zu 70% unbrauchbar sind, weil sie für fitte Personen entwickelt wurden.
So kümmerte ich mich an einem freien Tag um die Lektüre der neuen Fachbücher und stolperte wieder einmal über die Dreiteilung des Atems: Laut Barbara Lutz dauere die Ausatmung eineinhalbmal so lang wie die Einatmung und die Atemruhepause sei halb so lang wie die Einatmung. Dabei erlebe ich bei mir im Alltag nur selten die Atempause zwischen dem Ausatmen und der erneuten Einatmung. Auch die SeniorInnen muss ich eher bremsen, wenn sie besonders tief und effektvoll in den Atemübungen schnaufen, dass sie mir nicht hyperventilieren. Eine Atmung, die so ruhig und „innerlich“ verläuft, dass sich eine Atempause ergibt, entdecke ich seltenst bei mir und anderen.
Bis ich vorgestern auf dem Sofa saß und betete und dabei tatsächlich einen Zustand tiefer Ruhe und innerer Sammlung erfuhr. Damit meine ich nicht mein „Zack-zack-anderthalb-Minuten-Gebet beim Frühstück“, bei dem ich für alle Menschen bete, die mir im Laufe des Tages begegnen. Auch nicht das typische Stoßgebet, wenn es nicht so läuft, wie ich es will (ähem). Sondern ein Versinken im Moment, der sich ausdehnt. Ein aus-der-Zeit-fallen, wie ich es jenseits geführter Gebetszeiten und Meditationen nur selten erlebe. Während ich mich wie auf einer Welle aus dem Alltag fortgetragen fühlte, bemerkte ich auf einmal, dass ich in diesem Zustand tatsächlich eine ausgedehnte Atempause habe und mein Atem insgesamt viel leichter passierte.

Natürlich ist es gut und sinnvoll, den Atem zu beobachten und sich damit im Hier und Jetzt zu verankern. Genauso sinnvoll, wie den Atem absichtlich zu vertiefen und mit einer bewusst verlängerten Ausatmung nicht nur verbrauchte Luft loszuwerden, sondern im übergeordneten Sinn auch alles Hemmende und Negative abzugeben.
Aber oft habe ich bei den SeniorInnen und mir den Eindruck, dass wir eine hektische Aktivität gegen die andere tauschen: Statt durch den Alltag zu hasten und den Atem nicht zu spüren, scheuchen wir die Atembewegung so kräftig hinein und hinaus, dass es nur eine verlagerte Form der Anstrengung ist.

In diesem Sinne noch einmal zum Wirken-lassen:

„Den Puls des eigenen Herzens fühlen.
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen, das ist es.“

Christian Morgenstern

Atemfreude, aufmerksam

Ameisenpopos und textilfreies Baden: Ein ganz normaler Vormittag mit „Atemfreude“

Als Logopädin habe ich früher regelmäßig die besten Kindersprüche gesammelt und hier veröffentlicht (wen es interessiert: Unter dem Suchbegriff „Kindermund“ müssten sie alle zu finden sein). SeniorInnen sind im Alltag nicht ganz so lustig wie Kinder und wenn, dann verbietet es der Respekt, darüber zu lachen. Finde ich. Aber manchmal, manchmal muss ich die dollsten Sprüche doch notieren…

Kursangebot „Atemfreude“ im Gymnastiksaal.
Zum ersten Mal konfrontierte ich die SeniorInnen mit einem „Atemschriftzeichen“, dazu benutzten wir die liegende Acht und sprachen das Gedicht „Die Ameisen“ von Ringelnatz. Auf einem Blatt im Querformat hatte ich links oben das Gedicht abgedruckt (mindestens in Schriftgröße 14, wie immer), rechts oben mit dem Kugelschreiber schnell zwei Ameisen gezeichnet und die Mitte des Zettels füllte die große, liegende Acht. Dafür, dass die SeniorInnen sehr skeptisch Neuerungen gegenüber sind und keinerlei Toleranz für „Spökenkram“ (norddeutsch für esoterischen Mist) haben, waren sie überraschend begeistert dabei. Und ich mal wieder stolz, sie aus der Komfortzone geholt und neuen Schwung verbreitet zu haben.
Nach der Stunde räumte ich wie immer das „Bühnenbild“ in der Mitte des Stuhlkreises sowie alle Materialien ein. Da kam Herr Jensen (Name geändert) auf mich zu:
„Frau Krüerke, so sieht aber keine Ameise aus,“ und zeigte auf meine schnelle Skizze. „Am Steert (norddeutsch für Schwanz) hat sie keine Beine!“ Er schaute mich strafend bis amüsiert an: „Das weiß ein alter Gärtner wie ich!“

Eine Woche später. Das heutige Thema der „Atemfreude“ war die Reise auf eine Südsee-Insel. Wer wollte, konnte sich auch die Nordsee oder das Mittelmeer vorstellen, ganz nach eigenen Vorlieben. Wie immer hatten wir eine Menge Spaß und die philosophische Frage am Ende, die ich immer auf Karten austeile, fand großen Anklang: „Nachdem wir auf der Insel nach einem Schatz gesucht haben: Wer ist Ihr Schatz? Weiß die Person, dass Sie sie wertschätzen?“
Das Bühnenbild bestand aus Palmwedeln, Papageien und einem riesigen Sonnenhut, und während ich es zusammenräumte, schlich sich wieder Herr Jensen an. „Frau Krüerke…..“ „Ja?“ „Haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich eben beim Baden keine Badehose anhatte?“ Ich schaute kariert. Er: „Naja, das kann man unter Wasser ja nicht so erkennen, nä…?!“ und blickte mich lauernd an.
Hilfe, jetzt muss ich auch noch aufpassen, dass wir uns gedanklich während der Fantasiereise nicht entkleiden!

Gleicher Tag, inzwischen ist es Nachmittag. Ich ging mit einer Bewohnerin über den Flur. Uns kam eine ältere Dame mit einer sehr alten Dame im Rollstuhl entgegen. Ich grüßte und fragte die schiebende Dame, ob sie hier als Ehrenamtlich unterwegs sei, da ich sie noch nicht kannte. Nein, sie habe einen Mini-Job. Daraufhin stellte ich mich vor (wo wir gerade dabei waren), und sie schaute mich völlig perplex an: „SIE sind Frau Krüerke???“ Ich: „Ja, ich bin Frau Krüerke. Steht auch auf meinem Namensschild (zeige es ihr).“ Die Dame: „Wirklich? Sie sind Frau Krüerke?“ und sah mich intensiv an. So langsam war ich doch irritiert: „Ja, wieso?“ „Ach, Frau Herbst (Name geändert) schwärmt immer so von Ihnen und der Atemfreude!“
Im Nachhinein reimte ich mir zusammen, dass Frau Herbst wohl sehr regelmäßig ausführlich schwärmt und die Dame daraufhin das Bild einer sehr ausdrucksstarken, ausgesprochen weisen, überwältigend kreativen, insgesamt außergewöhnlichen Person vor Augen hatte. Und ich sah dort im Flur wohl viel jünger und viel normaler aus, als ihr inneres Bild erwartet hätte…

 

Atemfreude, aufmerksam, Presse

Mein Konzept „Atemfreude“ in der Fachzeitschrift „Aktivieren“

In Deutschlands einziger Fachzeitschrift für die soziale Betreuung von SeniorInnen, „Altenpflege Aktivieren“, erschien gerade mein Artikel über die „Atemreisen“.

Im Juli begleitete mein Mann mich mit der Kamera während einer „Atemfreude“-Stunde im Gymnastiksaal der Senioren-Residenz. Kurz darauf sandte ich das Konzept und die Fotos ein. Nun hat sich die Geduld gelohnt, die TeilnehmerInnen meines Kurses freuten sich sehr über ihre „Berühmtheit“ und ich bin ganz stolz über das Ergebnis.
Leider hat eine tiefergehende Recherche inzwischen ergeben, dass der Titel „Atemreise“ bereits in esoterischen Kreisen benutzt wird. Als Abgrenzung änderte ich den Namen meines Konzepts auf „Atemfreude“.
Wie immer bin ich während dessen schon einen Schritt weiter, um mein Konzept auf die nächste Ebene zu bringen…

Atemfreude, aufmerksam

Willkommensgeschenke und Abschiedsrituale während der „Atemfreude“

Wie alles Lebendige entwickeln sich auch Konzepte organisch. So ist meine „Atemfreude“ für SeniorInnen in den letzten Monaten aus den Kinderschuhen hin zu jungen Erwachsenen gereift. Dabei entstehen nicht nur immer wieder neue Stundenentwürfe, auch die Struktur wächst und vervollständigt sich.

Jede „Atemfreude“ beginnt inzwischen mit einem thematisch passenden Gedicht. Die Verse am Anfang der Stunde laden (zusammen mit dem Bühnenbild in der Mitte des Stuhlkreises) dazu ein, im Raum und in der Gruppe anzukommen. Das Gedicht gibt eine erste Idee vom Thema der heutigen Atemfreude. Dabei brauchen die Teilnehmenden nichts zu tun, als zuzuhören und das Bühnenbild aus thematisch passenden Gegenständen anzuschauen. Die SeniorInnen haben sich auf den Weg gemacht, was bis zur Ankunft im Gymnastiksaal bereits die erste Anstrengung war. Statt direkt „los turnen zu müssen“, können sie es sich auf dem Stuhl bequem machen und sich innerlich einstimmen. Vorlesen empfinden viele alte Menschen als sehr angenehm. Mit klarer Stimme, langsam und mit lebendiger Betonung vorgelesen, entsteht für die Damen und Herren der erste Genussmoment. Als allererstes ist das Sein wichtig, nicht das Tun. Sie können einfach „da sein“ und werden gedanklich mitgenommen. Während des Zuhörens rätseln viele TeilnehmerInnen gern beim Anschauen des Bühnenbilds, wohin ich sie heute gedanklich entführe: Auf eine Insel? In die Berge? Auf den Jahrmarkt? Zu einer Geburtstagsparty? Erst danach beginnt die erste Übung, denn Wahrnehmung und Achtsamkeit sind eine wichtige Grundlage vor der Handlung.

Dann lockern wir im Rahmen der heutigen Geschichte den Körper, bauen Dynamik auf, erleben lustige Momente und knüpfen an eigene Erinnerungen an. Wir finden in eine aufrechte Haltung, die den Kreislauf und die vertiefte Atmung unterstützen, bis am Ende alle aktivierten Körperfunktionen ins gemeinsame Singen zusammenfinden.

Die philosophischen Fragen, die zum Schluss auf kleinen Karten verteilt werden, sollen die Emotionen und die Dynamik aus der Stunde in den Alltag begleiten. Sie sollen aufzeigen, wie viel größer der vermeintlich begrenzte Handlungsspielraum ist. Die Fragen auf den Karten lauten nach der Atemreise „Frühjahrsputz“ zum Beispiel:
Wenn Sie an Hausputz im eigenen Leben denken: Was möchten Sie gern in Ordnung bringen? Belastende Beziehungen, alte Erinnerungsstücke, Ballast jeglicher Art? Was möchten Sie wegwerfen, loswerden, und zwar für immer?

Oder nach der Atemreise „Erntefest“:
Was genießen Sie? Zum Anschauen, Hören, Berühren, Riechen, Schmecken? Wie können Sie den Genuss öfter im Alltag erleben?
Wofür sind Sie dankbar?

So werden die Impulse vom Ausklang der Atemfreude im Alltag zu positiven Schritten. Sie helfen auch, Schönheit wahrzunehmen. Schönheit ist wirklich kein Begriff, der uns bei der Betrachtung von alten Menschen und ihrem beschwerlichen Leben zuerst in den Sinn kommt. Dabei ist Schönheit etwas, das alle Individuen in jedem Alter berührt. Schönheit jenseits des Oberflächlichen zeigt sich in Berührungen, Klängen, Bildern, Gerüchen und Erinnerungen.

Der Alltag von Hochbetagten ist sehr wenig sinnlich. Im Vordergrund steht das Praktische und das Notwendige. Gleich dahinter das Vermeidbare wie unnötiger Aufwand oder verhasste Schmerzen. Genuss und Schönheit kommen nur sehr wenig vor. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Schönheit in den Alltag zu bringen, die die Seele berührt. Denn sie zeigt sich auch im Kleinen, Bruchstückhaften. Sehr wichtig finde ich es, offen für die Bedürfnisse der Seele zu sein. Gedichte und Lieder berühren die Seele, das ist besonders bei Menschen mit Demenz zu beobachten. Nahrung für das Innere des Menschen ist in meinen Augen genauso wichtig wie Anregung für den Körper.
Alle Elemente des Konzepts, vom Biografischen über den spielerischen Charakter bis zum Genuss des Moments dienen letztlich dazu, Körper und Seele zu verbinden.

Hier habe ich kurz und knapp die Grundlagen der Atemfreude dargestellt.
Weitere Hintergründe sind hier zu finden.