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Der Kirche entflohen, um bei Gott anzukommen: „Soul Survivor“ von Phillip Yancey

Die Geschichte eines Mannes, der von der Kirche zutiefst angekotzt war, erlebt dank der Biografien echter Helden eine Wendung. Die Helden zeichnen sich durch Mitgefühl, Liebe und Weisheit aus, es sind Menschen wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi und Annie Dillard.
Phillip Yancey wächst in einer egoistischen, rassistischen und heuchlerischen Kirche in den amerikanischen Südstaaten auf. Als junger Mann bemerkt er nach und nach, dass deren Lehren kaum etwas mit der Bibel zu tun haben. In Freundschaften mit Menschen, die sich für andere einsetzen, statt sie zu verurteilen, heilen seine Wunden langsam. Und dennoch treibt ihn die Frage um, warum die lebensverändernde Kraft der Bibel so wenig in unserem Alltag spürbar ist. Warum sind ChristInnen nicht die warmherzigen, weisen und visionären Menschen? Warum sind sie so oft engstirnige, nachtragende und langweilige Ignoranten?

In seinem Buch „Soul Survivor. How my faith survived church“ (Seelen-Überlebender. Wie mein Glaube die Kirche überlebte) stellt Phillip Yancey die Menschen vor, die ihm einen neuen Blick auf den Glauben gaben und sein Inneres veränderten. Durch gelebte Beziehungen und zahlreiche Interviews ebenso wie durch das Lebenswerk, das sie hinterließen. Dabei sind ihre Schwächen und Konflikte ebenso Thema wie ihre Gedanken über ein gelingendes Leben und ihr innerer Auftrag, den sie erfüllen wollen.
Das Buch liegt nur auf englisch vor, lässt sich aber gut lesen und trifft mit seiner Botschaft voll ins Herz.


Ich gebe gerne zu, dass es einfachere Hobbies gibt, als englische Bücher zu lesen. Die Geschichte von Phillip Yancey, der sich von geistigem Missbrauch löst und erholt und in ein fruchtbares Leben aufbricht, lohnt sich trotz dieser Unbequemlichkeit. Er stellt nicht nur große Vorbilder vor, sondern zeigt lebensnah und authentisch, wie deren Botschaft sein Denken voran gebracht haben. Wie er von ständigem Verurteilen und Beurteilt-werden in eine Haltung der Liebe findet, die alle seine Mentoren verbindet. Wie wir das, was wir als Christen so gern leben wollen, mit unserer egoistischen Realität zusammen bekommen.

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Großzügig sein

Im November dachte ich mir für mein Montagnachmittag-Programm einen Sterne-basteln-Plan aus: Ich wollte eine abwechslungsreiche Kreativstunde mit bunten Sternen und fröhlichen SeniorInnen gestalten. Dazu durchsuchte ich diverse Bastelbücher nach Anleitungen zum Falten von einfachen, aber dennoch effektvollen Sternen. Schließlich sollten sie mit wenigen Handgriffen auch stark sehbehinderten SeniorInnen mit arthritischen Fingern gelingen. Das war ein Heidenaufwand, aber am Ende hatte ich eine schöne Auswahl zusammen und nach weiterem langen Suchen auch das passende Material aufgetrieben.
So wollte ich munter mit den Damen loslegen, als sich eine meldete und meinte, sie habe hier ein Papierkörbchen, dass sich ganz einfach anfertigen ließe und wirklich schnell gelinge. Sie wolle uns alle dazu anleiten. Jetzt, es ginge ganz fix.
Das bezweifelte ich zwar, aber wer bin ich, einer alten Dame zu sagen: „Nö, ich habe meine Kreativaktion didaktisch sinnvoll mit aufsteigendem Schwierigkeitsgrad aufgebaut und ich lasse mir von Ihnen nicht den geselligen Nachmittag zerschießen?“ Eben. Das tut man einfach nicht.
Also ließ ich sie machen, wusste allerdings selbst nicht, was genau sie vorhatte und gab mein Bestes, alle Anwesenden über das auf dem Laufenden zu halten, was sie tief gebeugt unter ihren steifen Fingern zusammen frickelte.


Am Ende fehlten mir zwanzig Minuten von gesamten sechzig, aber die Dame war glücklich, uns etwas beigebracht zu haben, und mein eigenes Programm änderte ich eben ab. Es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, aber meine Güte, es kontrollierte ja niemand, wie viele verschiedene Faltsterne wir tatsächlich produziert hatten!

Sechs Wochen später verstarb die Dame.
Und ich dachte mir, wie gut, dass ich ihr die Zeit gegeben habe, den anderen Damen etwas vorzuführen, was ihr wichtig war und Freude gemacht hat.
Niemand wird mich jemals fragen, ob mein Sterne-bastel-Nachmittag so gelang, wie ich es geplant hatte. Aber für diese Dame wird es, denke ich, einen großen Unterschied gemacht haben, ob ihr Wunsch sich erfüllt hat oder nicht.
Manchmal können wir einfach einen Schritt von unserem Ego zurücktreten und großzügig sein. Natürlich kann das auch daneben gehen, besonders, wenn es sich um Personen handelt, die wir nicht oder nur oberflächlich kennen. Aber wie schlimm kann´s schon kommen? Und wie wahrscheinlich ist es dagegen, dass wir jemandem eine Freude machen?

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Von überlebensgroßen Vorbildern und dem Blick auf uns selbst

Kennt ihr das auch: Es gibt bestimmte Menschen, von denen wir ständig Gutes hören und die wir doch nie kennenlernen.
Einer davon ist T. J. (Tii-Tschäi) aus meiner Kirche. In letzter Zeit höre ich gefühlt ständig „Da kümmert sich T. J. drum,“, „Lass uns mal T. J. fragen“ und „Das wollte T. J. doch organisieren.“ Letzte Woche im Gebetskreis bei mir im Viertel erfuhr ich plötzlich, dass T. J. der Arbeitskollege des Gastgebers ist und sie sich in der Agentur zum Beten verabreden. Jetzt ist noch nicht mal mehr der Stadtteil T. J.-freie Zone!
Offensichtlich ist T. J. in quasi allen Lebenslagen kompetent, sehr zuverlässig, federführend bei diversen Aktionen, super intelligent und kinderlieb. Kurz, er ist perfekt und auch noch super hip, weil er englisch als Muttersprache hat. Entsprechend stellte ich ihn mir vor: Ein sehr großer (geschätzte 2,13 m) muskelbepackter Afroamerikaner mit spiegelnder Glatze und blendend weißen Zähnen. Stark, schlau, geduldig und unverwüstlich. Der Mann, dem einfach alle vertrauen.

Heute putzte ich den Jugendraum in der Kirche, während diverse Kinder und drei Väter noch am Kicker spielten und Karten zockten. Am Ende blieb nur noch eine Familie übrig, das Mädchen sprach ihren Vater mit Daddy an und er antwortete konsequent auf englisch. Erst dachte ich mir nichts dabei, während ich meterweise Spinnweben von der Decke holte und die Fenster putzte. Schließlich haben wir immer wieder Briten zu Besuch.
Bis ich irgendwann dachte: „Könnte DAS vielleicht T. J. sein? Und wenn nicht, könnte er T. J. kennen, so Expats unter sich?“ Als er also kurz vor dem Aufbrechen in meiner Nähe beschäftigt war, fragte ich ihn, ob er T. J. sei. Zu meinem größten Erstaunen bejahte er, dabei sah er völlig normal aus. Wie quasi jeder Hamburger mit Regenjacke, Turnschuhen und Drei-Tage-Bart. Ich war so perplex, dass ich ihm natürlich mein zusammenfantasiertes Bild darlegte. Wie es immer so ist: Marie macht den Mund auf, raus kommt die ungeschminkte Wahrheit, und anschließend gucken wir mal, wie wir das halbwegs zivil entschärft bekommen. Ähem. Er nahm es zum Glück sportlich und meinte, ganz offensichtlich sei er ja das Gegenteil meiner Vorstellung.

Ich stellte mich natürlich auch vor und zu meinem großen Entsetzen meinte er, er habe meinen Namen auch schon öfter gehört. Ich hoffe ja schwer, dass er jemand Anderes meint – denn im Gebetskreis sage ich natürlich, was letzte Woche gut gelungen ist, aber noch viel mehr und viel öfter, was gerade so richtig blöd läuft. Ähem. Da liegt der Verdacht nahe, dass er jede Menge Katastrophen von mir gehört hat – andererseits, wen interessieren die in irgendeiner millionenschweren Agentur?

Und die Moral von der Geschicht:
– Ganz normale Menschen werden manchmal so von ihrem Umfeld geschätzt, dass sie wie HeldInnen auf andere wirken. Dabei sind sie genauso unspektakulär wie wir selbst. Wir selbst dagegen sind oft gar nicht so klein, unbedeutend, machtlos und langweilig, wie wir mit einem Blick auf unsere Unsicherheiten und Schwächen meinen. Wer weiß, was andere über uns erzählen, sodass wir in den Ohren unbeteiligter Dritter wie Wunderwaffen klingen? Vielleicht sind wir viel stärker, als wir selbst glauben.

– Und was die Angst angeht, von anderen, die über uns reden, als Depp wahrgenommen zu werden: In unserer Schwäche liegt eine Kraft und Ehrlichkeit, die anderen Mut machen kann. Wenn wir anderen von unseren Niederlagen erzählen, sind die anschließenden Siege mit Gott umso eindrucksvoller. Und sich gegenseitig in Zeiten von Frust oder Trauer beizustehen, kann wichtiger und wirksamer sein, als immer die Unkaputtbare vom Dienst zu sein. Vielleicht sind wir in unserer Begrenztheit wertvoller, als wir meinen.

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Lachen und Weinen liegen im Arbeitsalltag eng beieinander…

Zwischen Lachen und Weinen: So schwankte ich als Logopädin mit „meinen“ Kindern oft im Laufe einer Arbeitswoche.
Aber auch die SeniorInnen sind MeisterInnen darin, mich an den Rand des Wahnsinns und wieder zurück zu treiben. Mir ist sehr wichtig, meine wöchentlichen Veranstaltungen abwechslungsreich und spannend zu gestalten. Ich langweile mich sehr schnell, daher fällt es mir im Traum nicht ein, bestimmte Erfolgsrezepte zu wiederholen, bis sie „abgenudelt“ sind. Glücklicherweise ist mein Hirn springlebendig, und ich habe bereits bis in den März bestimmte Highlights im Veranstaltungskalender geplant. Okay, es sind eher Experimente, aber dank meines Gespürs werden Experimente oft zu Höhepunkten.
So auch die „Philosophischen Nachmittage“, die ich in größeren Abständen immer mal wieder anbiete: Zum Thema „Glück“ oder „Dankbarkeit“ oder auch „Was ist eigentlich Kunst?“ Diese Woche hatte ich, passend zum Jahresanfang, das Motto „Anfänge und Neuanfänge“ bzw. „Abschiede und Anfänge“ geplant. In meinen Augen ein lebenslang spannendes Thema. Wie immer hatte ich Zitate weiser Menschen heraus gesucht, kurze Vorlesetexte vorbereitet, Fragen und Mitmach-Impulse geplant und drei nachdenkliche Lieder zum Vorspielen ausgesucht.


Die ersten Besucherinnen kamen bereits, während der Haustechniker erst begann, die Tische und Stühle zu stellen. Nachdem ich seinen Kollegen bereits gefragt hatte, wann er denn plane, mal den Raum vorzubereiten, schließlich kämen in sieben Minuten garantiert die Ersten… Dann dirigierte ich die Damen auf extra Stühle, die ich am Rand aufstellte, damit sie nicht in seliger Ahnungslosigkeit mitten im Raum die Aufbauarbeiten behindern.
Die Kopien holen, große Tischdecken besorgen, meine Deko aus dem Büro tragen, noch mal lüften, nach dem Kaffeewagen schauen, weitere Damen auf Plätze am Rand des Schlachtfelds um den Haustechniker lotsen, die Musikanlage aufbauen, … Zwanzig Minuten vor Beginn der Veranstaltung war mir, wie immer, bereits sehr warm.
Und dann ging es los: Die Begrüßung lief noch rund, dann zickte die CD zum ersten Lied, das als Einstimmung dienen sollte. Ich wählte Lied Nummer zwei, da ich unmöglich ein Lied ankündigen und dann nichts hören lassen kann. Auch, wenn es thematisch nicht ganz passt…. Der ausgeteilte Fragebogen zum Nachdenken traf auf Skepsis, eine besonders bockige Dame machte ihrer Unmut bereits Luft. Die erste Geschichte rührte alle an, manche begannen einen zarten Applaus. Meine Moderation als Anregung zum Austausch stachelte die widerspenstige Dame zu bissigen Bemerkungen an, es entstand Unruhe. Ich leitete zum nächsten Programmpunkt über, die Unruhe hielt sich. Dann wollte ich zwei Seiten als 17 Kopien austeilen, aber der Kopierer hatte von beiden Blättern nur die Hälfte kopiert. Ich erklärte, dass der Text nur zum Mitlesen des nächsten Lieds gedacht sei, weil der Sänger manchmal nuschle und doch auch die höreingeschränkten Anwesenden alles verstehen sollen. Daher bat ich alle, zu zweit ein Blatt zum Mitlesen zu benutzen. Ich gab ganz gerecht jeweils zwei Sitznachbarinnen eine gemeinsame Kopie. Es gab einen Tumult, weil die spezielle Dame mit ihrem Mann auf den Zettel schauen wollte, nicht mit ihrer Nachbarin. Damit erhielten aber drei Damen über Eck gar kein Blatt, was schlichtweg unmöglich ist. Entweder schaute sie mit ihrer Nachbarin auf´s Blatt, oder sie wartete ab und ließ sich nach dem Lied die Kopie ihres Mannes geben, der es wiederum mit der Dame eine Reihe weiter teilte. Das war doch machbar?!
Die Situation eskalierte weiter.
Wir hörten das Lied an. Eine Dame meinte: „Schon ganz schön düster, dieser Text…“ Kurz darauf fragte sie, noch im Verklingen der letzten Töne, ob sie das Liedblatt mit nach Hause nehmen könne. Andere waren bewegt, manche hatten Tränen in den Augen. Ich teilte ein Arbeitsblatt aus und sagte, dass wir dabei einen Moment unseren eigenen Gedanken nachhängen können. Niemand musste etwas notieren, aber wer mochte, konnte dazu das Blatt nutzen. Die bestimmte Dame brach eine Diskussion vom Zaun, warum ich mit der Runde derartige Lebensfragen erörterte, wo ich doch wesentlich jünger bin und schlichtweg keine Ahnung von gar nichts habe?
Inzwischen war mein Kopf knallrot und ich zog ernsthaft in Erwägung, die Dame wahlweise zum Schweigen oder Verlassen des Raums aufzufordern. Ich führte die Veranstaltung professionell zu Ende durch, ließ einen Teil weg, und fand Abschiedsworte, die diese turbulente Stunde möglichst friedlich beendeten.
Eine Dame kam vorbei, während sich viele von mir verabschieden wollten und andere die Kaffeetassen einsammelten, und meinte: „Hoffentlich haben wie Sie heute nicht zu sehr aufgeregt…“

Tags darauf:
Ich besuchte eine Dame. Sie: „Marie, Sie hatten gestern soooo einen roten Kopf, ich dachte, Sie platzen gleich! Aber die Frau HFRZHJL auch immer…. schrecklich, dieses Benehmen! Und dann müssen Sie sie im Anschluss ja auch noch in der Englisch-Stunde ertragen!
Schauen Sie mal, ich habe hier so einen komischen Sss-näck. Der ist wie Chips, mit Kartoffeln, aber er schmeckt so… seltsam. Ich wollte gestern so gemütlich abends…. also…. (sie schaute mich scharf an und flüsterte) mit einem Schluck Wein…. nur EIN Schluck!!!… wollte ich es mir so gemütlich machen. Aber bäh, dieser Ssnäck…. ich bring Ihnen das mal!“ Schon zischte sie in die Küche, ich hinterher. Bedienen lasse ich mich von alten Damen nicht!
„Hier, Marie, ich habe Ihnen wieder alle Zettelchen vom Teebeutel aufbewahrt, mit den Sprüchen… die können Sie doch so gut gebrauchen?! Mit den schlauen Sprüchen, Sie haben doch für uns immer so weise Sprüche vorbereitet… Ist das albern, Marie? Ich mach das doch extra für Sie…“ Ich bestätigte, dass ich mich sehr über ihre treue Sammlung an abgerissenen Teebeutel-Zettelchen freute. Wirklich.
„Marie, Sie müssen mal dieses Zeugs probieren. Den Ssnäck. Hier.“ Sie hielt mir die Packung hin. Ich überlegte, ob ich wie immer ablehnte, weil ich ja gerade Mittag gegessen hatte. Was die reine Wahrheit war. Andererseits weiß ich genau, wie es um die Hygiene der Dame bestellt ist, daher lehne ich ihre Lebensmittel stets ab. Dieses Mal konnte ich mich wohl nicht retten…
„Frau lLGRV, das Produkt hat corn im Namen, das heißt Mais auf englisch.“ „Das kann ich doch nicht ahnen.“ „Ich meine, deswegen schmeckt es vielleicht anders, als Sie erwartet haben. Schauen Sie, hier ist noch so ein Bild im Kreis, da steht aus sonnenverwöhntem Mais, handverlesen und gestreichelt.“ „Ja ja, ich muss eben besser hingucken, aber ich wollte doch Geld sparen, das war im Angebot. Jetzt müssen Sie das auch essen!“
Ich fischte todesmutig ein seltsam geformtes Maisdings aus der fast leeren Tüte und steckte es mir in den Mund. Sie klammerte sich an meinen Arm: „Und ist es sehr schlimm? Sie können es auch ausspucken! Spucken Sie es in den Ausguss! MARIE! Los! Oder schnell ins Klo! Schnell!!!“ Sie drückte heftig und voller Sorge um mein Wohlergehen meinen Oberarm. Ich war etwas irritiert: Erst sollte ich es unbedingt probieren, aber kaum, dass ich es im Mund hatte, schnellstmöglich ausspucken? Ich winkte ab und meinte, so schlimm sei es doch gar nicht.

Was soll ich sagen: Weinen und Lachen liegen hier oft sehr eng beieinander….

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Buchempfehlung: „Das Schönste kommt zum Schluss“ von Monica Mc Inerney

Neulich empfahl ich ein Buch als Urlaubslektüre, heute möchte ich einen weiteren Roman vorstellen. Er spielt zwar im Winter, da die Handlung in der sengenden Hitze Australiens dargestellt wird, passt es wiederum sehr gut in die Sommerferien.
„Das Schönste kommt zum Schluss“ heißt im englischen Original „Grüße von den Gillespies“, was deutlich besser zur Handlung passt. Angela Gillespie lebt mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn auf einer Farm im australischen Outback. Sie trägt zum Familieneinkommen bei, indem sie Gäste mit einem netten Zimmer, Verpflegung und einem abwechslungsreichen Programm versorgt. Jedes Jahr verschickt sie am ersten Dezember einen Weihnachtsbrief namens „Grüße von den Gillespies“. Nur dieses Mal weiß sie wirklich nicht, was sie schreiben soll: Die beiden ältesten Töchter, Zwillinge, leben in unruhigen Berufen und verbringen ihre Freizeit mit kurzfristigen Affären. Die mittlere Tochter ist völlig antriebs- und planlos, statt erwachsen zu werden und ein eigenes Leben zu beginnen. Der Sohn, ein Nachzügler, bricht ständig aus seinem Internat in der Stadt aus und unterhält sich durchgehend mit einem imaginären Freund, was die Familie wahlweise in den Wahnsinn treibt oder zutiefst beunruhigt. Der Familienvater ist so sehr in seine Ahnenforschung in Irland vertieft, dass seine Frau schon glaubt, er habe eine Liebesbeziehung mit seiner Chatbekanntschaft in Dublin. Angela selbst fühlt sich mit all den Konflikten und offenen Fragen allein gelassen. Die schwere Wirtschaftskrise in der Schafzucht hat die Familie in eine finanzielle Notlage gebracht, über die ihr Mann allerdings nicht sprechen möchte. Noch dazu kündigt sich seine entfernte, sehr anstrengende Tante zu einem sechswöchigen Besuch an, dem alle mit Grauen entgegen sehen. So sorgt Angela sich täglich um die gemeinsame Zukunft, was wirklich kein passendes Thema für einen Weihnachtsbrief an über hundert Personen ist.
Schließlich ist das primäre Ziel des jährlichen Schreibens, ein harmonisches, erlebnisreiches Jahr einer wunderbaren Familie darzustellen. Oder vorzuspiegeln, je nach dem…

Kurzentschlossen setzt Angela sich hin und schreibt sich die ganze Wahrheit von der Seele. Natürlich nicht, um sie per Mail zu versenden. Nur, um für eine halbe Stunde den Druck auf der Seele zu lockern. Und hoffentlich die bohrenden Kopfschmerzen auszublenden, die sie in den letzten Wochen an den Rand des Belastbarkeit führten. Im Outback gibt es keinen Arzt, so wurschtelt sie sich weiter durch. Und träumt in den wenigen ruhigen Minuten von einem früheren Verehrer in England und sein sicherlich wohlhabendes Leben voller kultureller Höhepunkte.
Als ihr Sohn sich verletzt und Angela quer durchs Land in die nächste Stadt düst, stellt ihre zu Hause gebliebene Familie fest, dass sie den Entwurf für den Weihnachtsbrief noch gar nicht versendet hat. Mit einem Klick der Maus saust die ungeschönte Wahrheit der Familie Gillespie rund um den Globus…

Ein tolles Buch, das zu Ehrlichkeit und innerfamiliären Gesprächen jenseits des Small-Talks einlädt. Die einzelnen Charaktere sind alle reichlich anstrengende Zeitgenossen, aber gerade dadurch wirkt der Roman authentisch. Und im Lauf der Handlung finden die Familienmitglieder jedeR für sich und miteinander zu mehr Reife und Miteinander.

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Lektüre für dunkle Winterabende

 

Heute möchte ich zwei Romane der Autorin Susan Mallery vorstellen, die ich gerade in der Bücherhalle (Filialnetz der Hamburger Bibliotheken) im Nachbarstadtteil entdeckte: Eine eher lustig-romantische Geschichte und eine etwas tiefgehendere Handlung, jeweils von Frauen dominiert.

„Weiter geht es nach der Werbung“ beschreibt den Weg eines Mannes und einer Frau, die sich vor sechzehn Jahren als junge Erwachsene getrennt haben. Sie stellte, kurz nachdem sie verlassen worden war, eine Schwangerschaft fest. Ihre Tochter lernte den Vater nie kennen, sie leben zusammen mit der Mutter der Protagonistin und meistern gemeinsam den Alltag. Der Mann, Jonathan Kirby, ist inzwischen ein bekannter und medienwirksamer Psychologe. Die Frau, Taylor McGuire, ist ebenfalls Psychologin geworden. Im Rahmen einer Talkshow treffen sie aufeinander, da der ursprünglich eingeladene zweite Gast abgesprungen ist. Noch ahnt die Moderatorin der Sendung nichts von der früheren Verbindung der beiden, und da Taylor hofft, mit der Sendung Interesse für ihre Doktorarbeit zu wecken, zieht sie das Interview durch. Während der Talkshow entsteht der Gedanke, die beiden sehr unterschiedlichen Theorien darüber, wie Paare zusammen finden und glücklich werden, gegeneinander antreten zu lassen. Taylor McGuire glaubt, dass harmonische Paare mit gleichen Interessen langfristig glücklich werden. Jonathan Kirby besteht darauf, dass Unterschiede und viel Sex eine Beziehung stabil machen.  Die Idee ist, dass beide auf der Grundlage von Fragebögen jeweils zwanzig Paare zusammen stellen: Zwanzig sehr unterschiedliche Paare sowie zwanzig sehr ähnliche Paare. Sie werden ausgewählt, einander vorgestellt und sollen für einen Monat zusammenleben. Die Position, die am Ende die meisten Paare vorweisen kann, die durchgehalten haben und langfristig zusammen bleiben wollen, gewinnt. Unter allen Paaren wird zudem eine Million Dollar verlost, um einen Anreiz zum Mitmachen zu schaffen.
Taylor und Jonathan müssen den Monat eng zusammen arbeiten und stellen einerseits fest, dass die alten Gefühle für einander schnell wieder hochkommen. Andererseits haben sie sich sehr verändert, und die Existenz der bis dahin verheimlichten sechzehnjährigen Tochter stellt den Frieden zwischen ihnen auf eine harte Probe.
Parallel werden drei Paare beschrieben, die sich durch das Experiment finden – mit unterschiedlichem Ausgang. Spannend, lustig und romantisch – dieser Roman bietet alles auf einmal.

„Wie zwei Inseln im Meer“ ist die Geschichte zweier Freundinnen, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Zwischen ihnen stehen Enttäuschungen, Missverständnisse, Lügen und viele Fragen. Michelle kehrt nach zehn Jahren im Kriegsdienst zurück in ihr Heimatstädtchen. Sie möchte die Leitung des kleinen Hotels ihrer Familie wieder übernehmen, nachdem ihre Mutter gestorben ist. Währenddessen hat ihre ehemalige beste Freundin Carly die Stellung gehalten. Darüber ist Michelle nicht erfreut, denn all die Veränderungen, die sie vorfindet und nicht billigt, meint sie Carly anlasten zu können. Zwei große Vertrauensbrüche, inzwischen zehn Jahre alt, stehen zusammen mit diversen Schuldzuweisungen zwischen ihnen. Die finanzielle Lage des Hotel ist sehr angespannt, sodass Michelle auf Carlys Hilfe angewisen ist. Dabei möchte sie eigentlich nur die Albträume und Flashbacks aus Afghanistan loswerden und ihre Schussverletzung in der Hüfte ausheilen lassen. Der Roman beschreibt, wie sich die beiden zwischen ersten Klärungen und wieder aufflammendem Groll einander annähern. Und natürlich kommen auch zwei Männer ins Spiel…

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Buchempfehlung: „Bibliothek der Träume“ von Lynn Austin

Die über achtzigjährige Lillie, eine ehemalige Sklavin der amerikanischen Südstaaten, äußert sich in diesem Roman einer jungen Frau namens Alice gegenüber so:

Lillie: „Maggie ist hierher gekommen, um für Gott zu arbeiten, aber das will er nicht.“
Alice: „Nicht? Ich dachte, wir sollen alle für Gott arbeiten?
Lillie: „Er will, dass wir mit ihm arbeiten, nicht für ihn.“

Alice, eine junge Frau, lebt in Illinois kurz vor dem zweiten Weltkrieg ein gemütliches Leben. Die Wirtschaftskrise betrifft sie (noch) nicht, sie hat eine Anstellung in einer Bibliothek, liebt Bücher über alles und geht mit Gordon, einem anständigen jungen Mann aus – eine Verlobung sollte demnächst folgen. Bis Gordon ihr erklärt, dass sie einfach zu verträumt und versponnen sei und mehr in ihrer Lektüre weile denn am wahren Leben teilnähme. Er habe einen Betrieb zu übernehmen (das Bestattungsinstitut seines Vaters) und brauche eine praktisch handelnde Frau. Außerdem müssen angesichts der Wirtschaftskrise in der Bibliothek Stellen eingespart werden, und da Alice als Letzte eingestellt wurde, muss sie als Erste gehen.
Wie sie von Illinois in ein verschlafenes Nest in den Wäldern und Bergen Kentuckys gerät, lasse ich an dieser Stelle aus – es reicht, zu wissen, dass sie mit ihren hochfliegenden Plänen am Rande der Zivilisation landet und dort gleich mit körperlicher Arbeit und verschiedenen geheimen Missionen betraut wird, deren Sinn und Zweck ihr nicht verraten werden. An erster Stelle wird sie von Lillie, einer alten farbigen Frau, sowohl zu waghalsigen Aktionen überredet als auch von ihr in der Kunst des (Über-)Lebens unterrichtet: Angefangen beim Feuermachen und Brot backen über das Wäsche waschen im Zuber bis hin zu alltagsnahem Glauben.

Lillie:
„Jesus sagt, dass wir beten sollen: ,Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.` Er weiß nämlich: Wenn wir nicht jeden Tag darum bitten und uns daran erinnern, dass wir vergeben sollen, dann tun wir es nicht. Und ich brauche seine Hilfe, Schätzchen. Ohne sie könnte ich nicht all den Leuten vergeben, die mir unrecht getan haben. Und wenn Jesus mir nicht geholfen hätte, hätte ich ganz bestimmt nicht dem Mann vergeben können, der meinen Mann und meinen Sohn verkauft hat und mir nicht sagen wollte, wo sie sind. Oh nein.“

(…)
„Halt nicht an deinem Groll fest, Schätzchen,“ sagte sie stattdessen.
„Achte darauf, dass du diesen Sack jeden Abend ausleerst, bevor du schlafen gehst. Das steht auch in der Bibel, weißt du. Du sollst die Sonne nicht untergehen lassen, während du noch zornig bist.“

Diese Lektüre habe ich an einem Urlaubstag komplett verschlungen und empfehle sie weiter – Realitätssinn hin oder her, ich habe mich gut unterhalten gefühlt und außerdem eine große Portion „Herzensbildung“ abbekommen.

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Buchrezension: „Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons

Diese Wiederentdeckung aus dem Jahr 1938, als „romantische Komödie“ postuliert, ist ein großartig geschriebenes Buch. In meinen Augen können Bücher gut formuliert oder gut erzählt sein – selten treffe ich beides in einem Roman gleichzeitig an. Erstaunlich frisch und modern, teilweise fast karikierend, beschreibt die Autorin das Innenleben ihrer ProtagonistInnen. Viola, eine kleine Verkäuferin, wurde erst Waise und ließ sich anschließend aus Geldnöten auf eine Vernunftehe mit „dem Klops“, einem reizlosen, deutlich älteren Herrn aus der Bourgeoisie, ein. Bedauerlichweise stirbt auch dieser bald, was nicht sooo schlimm ist, da Viola mit „der Meute“ und ihrer besten Freundin Shirley viel Spaß in London hat. So lange, bis die weitestgehend unbekannte Schwiegerfamilie sie auf ihren Landsitz „The Eagles“ in Essex kommandiert, „weil es sich so gehört“. Viola kommt der Gedanke, dass sie dies ablehnen könnte, gar nicht – artig fährt sie in ihrem abgetragenen Kostümchen raus auf’s Land, wo sie eine sehr miesepetrige, gelangweilte Schwiegerfamilie empfängt. Diese finden Viola dümmlich, ordinär, zu laut und zu flatterig und schauen selbstgefällig auf ihr erstarrtes Leben, das sich darauf begrenzt, die nächste Mahlzeit zu erwarten. Die beiden Töchter sind hoffnungslos in der Leere des Alltags gefangen – einsame Jungfern, die niemand haben will und die nichts Sinnvolles zu tun haben. Unerfüllte Sehnsüchte lassen sie vorschnell altern und die Relevanz ihrer Träume in Frage stellen. Obwohl Viola an dem großen, grauen Anwesen und den leblosen Personen darin verzweifelt, fügt sie sich ihrem Schicksal. Bis ein frischer Wind in „The Eagles“ aufkommt, der langsam, aber doch unaufhörlich das bisher Dagewesene ins Wanken bringt. Plötzlich verunsichert und begeistert die drei Frauen ein Reigen aus ungekannten Gefühlen, neuen Bekanntschaften und Perspektiven, die plötzlich nicht länger unmöglich scheinen.

Sophie Dahl im Nachwort:
Die Männer in ihren Büchern, egal welchen Standes, sind meist mit einer Prise Vorsicht zu genießen. Das Los der Frau schildert sie mit großer Einfühlsamkeit, jeder Menge Humor und tiefem Mitgefühl. Alle Frauen im „Sommernachtsball“ leiden auf ihre eigene Art unter der erstickenden Situation ihrer Geschlechterrolle. Am deutlichsten drückt die Situation der Frauen in den 1930ern wohl Shirley, Violas beste Freundin aus, die trocken verkündet:
„Wahlrecht, Marie* und Dauerwellen und all das, und wir können doch nichts machen.“

Aber wo Schatten ist, da ist auch Licht, und auch hier beweist uns Gibbons ihr Talent durch die Leichtigkeit, mit der sie zwischen beidem wechselt.

* Marie Stopes (1880-1958), schottische Botanikerin, Autorin und Frauenrechtlerin (Suffragette), Anm.d.Übers.

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Kindermund: Conni, unsere Heldin

Szenen aus meinem Alltag als Logopädin

Es gibt eine Kinderbuchfigur namens „Conni“, die ich aus der Kindheit meiner jüngsten Geschwister kenne. Sie mochten Connis Erlebnisse als Bücher und Kassetten (!) damals so sehr, dass ich heute noch auswendig „Conni, Conni mit der Schleife im Haar. Conni, Conni die ist einfach wunderbar!“ singen kann. Conni kann quasi alles, vom Fußballspielen bis zum Gewinn eines Pferderennens.
Ein neunjähriges Mädchen erzählte mir nun ganz begeistert, dass sie aus der Schulbücherei ein Buch von Conni ausgeliehen hätte. Lebhaft schilderte sie, wie großartig die Geschichte sei und ob ich das Buch auch kenne und ob es Conni ehrlich gibt und wenn ja, wo sie sie mal treffen kann?
Dass Kinder heutzutage freiwillig lesen, und das in einem der sozialschwächsten Viertel Hamburgs, finde ich „einfach wunderbar“. Angesichts des mutmaßlichen Alters von Conni fürchte ich allerdings, dass die gute Hope* nicht viel Freude an einer Studentin hätte…
Trotzdem rührte es mich, wie nah am Leben die Geschichte offenbar erlebt wurde, sodass der Wunsch entstand, Conni „in echt“ kennenzulernen.

* Namen wie immer geändert

aufmerksam

Hamburger Architektur

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Bevor sich der „Tag des offenen Denkmals“ wieder jährt, zeige ich Eindrücke aus dem letzten Jahr: Mit einer Freundin besuchte ich das „Kinderkrankenhaus Altona“.

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