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Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge

Heute beginnt die Zeit vor Ostern. Sieben Wochen im Jahr nehmen sich viele Menschen Zeit, einmal anders auf ihr Leben zu schauen. Die sogenannte Fastenzeit lädt ein, alte Gewohnheiten zu überdenken und neue Blickwinkel auszuprobieren. Durch das zeitweilige Aufgeben von etwas, das uns sonst beschäftigt, entsteht neuer Raum in uns, der mit Positivem gefüllt werden kann.
Es gibt klassische Möglichkeiten des Fastens wie Verzicht auf Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten. Ebenso moderne Ideen wie „Sieben Wochen ohne Shopping“ oder „Sieben Wochen ohne Lästern, ich möchte nur Gutes sagen“. In diesem Sinne können es auch „Sieben Wochen mit…“ sein: Sieben Wochen mit Vergebung, sieben Wochen mit Toleranz, sieben Wochen mit offenen Türen.

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Die Fastenaktion der evangelischen Kirche Deutschlands bietet „Sieben Wochen ohne Enge“ an. Ein Kalender gibt tägliche Impulse, eine kostenlose Mail pro Woche teilt Gedanken und Ideen. Das Thema „Großes Herz!“ entstand Ende letzten Jahres unter dem Eindruck der anhaltenden Flüchtlingsströme.

 

dnemark241

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Exerzitien im Alltag

In den vergangenen Wochen habe ich an einem Kurs teilgenommen, der in der „Kirche der Stille“ in Hamburg-Altona stattfand und von zwei Pastorinnen begleitet wurde.
Inhaltlich kreisten wir um den Psalm 139, der in Etappen jede Woche etwas weiter erarbeitet wurde. Die Herangehensweise an den Text war manchmal eine sehr direkte Auseinandersetzung bis ins kleinste Wort hinein, manchmal wurden die Verse des Psalms aber auch indirekt angeboten und erst im Nachhinein deutlich.
Ich finde es sehr schwer, diese extrem dichten Abende zu beschreiben und möchte es dennoch aus ganzem Herzen gerne versuchen. Meine Gedanken und Erfahrungen werde ich als Splitter auflisten, da sich daraus kein Fließtext ergibt.

– Ganz neu fand ich das „in der Stille sitzen“, auch wenn ich es natürlich bereits erlebt habe (allerdings eher zufällig aus der Situation heraus und weniger absichtlich).
Allein das „sich Einrichten“ mit den Matten im Kreis auf dem Boden, dem Meditationskissen unter mir und der Decke auf mir fühlte sich so…. heimelig an. Ein Haufen Erwachsener zwischen 30 und 70, alle auf Socken, kuschelte sich in einer komplett leeren, weiß gestrichenen Kirche unter einem Oktogon als Leuchter zusammen. JedeR kuschelte sich für sich allein ein, meine ich damit  😉
Und dann saßen wir dort, in einem großen Kreis, nach einer Hinführung in die Stille, nach dem Verklingen der Klangschale, still und friedlich. Eine Truppe Wildfremder, von denen ich eine Einzige flüchtig kenne, und es fühlte sich gut an. Heimelig. Heimatlich. Ganz und gar nicht fremd und komisch, sondern genau richtig und geborgen.
Mich erinnerte es an eine Indianer-Sippe, wie wir dort auf unseren nachtblauen Matten auf den senfgelben Sandkissen, teils mit Decken über den Schultern, unter dem diffusen Licht saßen, während der leere, sakrale Raum sich über uns wölbte.
Lerneffekt: Fremdes kann schnell vertraut werden, auch wenn wir kein einziges Wort miteinander wechseln und ich außer den Namen (fast) nichts über die Anderen weiß. Was wiederum bedeutet, dass Wissen nicht Erleben ist. Ich kann eine ganze Menge erfahren und lernen, ohne kognitiv tätig zu sein.
Und: Frieden ist spürbar, greifbar. Nicht unbedingt wiederholbar, aber provozierbar.

– Ich gebe zu, dass ich zwar in der Bibel lese, aber selten mit Begeisterung. Das, was ich kenne, kenne ich, also lese ich oft huschig. Was ich nicht kenne, ist mir fremd, also weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll. Dementsprechend lese ich dies tendenziell auch huschig („Wird das hier noch besser oder klapp ich die Bibel wieder zu?“)
Die Formen der biblischen Textbearbeitung haben mir ganz neue Blickwinkel eröffnet:
Einen Satz (Vers) auseinander nehmen, neu gestalten, umbauen, ergänzen, vereinzeln, bis alle TeilnehmerInnen damit gespielt haben.
Einen Psalm immer wieder lesen, ihn von anderen vorgelesen bekommen. Den gleichen Psalm in Etappen lesen, bis mich ein Wort berührt, und ich an diesem Stolperstein abbreche und den Text weitergebe.
Einen Teil des Textes mitsprechen, weil er mich bewegt. Hören, was die anderen bewegt.
Einen Vers wiederholen, memorieren, dabei einen Glasstein von der einen Hand in die andere wandern lassen. Mit einem Gedanken im leeren Kirchenschiff unterwegs sein.
Lerneffekt: Corrie ten Boom, diese großartige Frau, hat es schon lange gewusst:
„Die größte Distanz dieser Welt sind die 45 cm zwischen Kopf und Herz.“
Das rein kognitive Lesen und Erklären der Bibelstellen, wie es in so vielen Kirchen dieses Landes geschieht, ist sehr interessant für den Kopf. Aber für das Herz bleiben viele Schätze der Bibel außer Rechweite, weil wir weißen Wohlstandsmenschen immer denken, alles müsse erklärt und verstanden werden. Zerpflückt. Entmachtet. Tot diskutiert.
Selten habe ich mich intellektuell so bereichert gefühlt, obwohl es mit der klassischen Exegese nichts zu tun hatte und dennoch unendlich viel tiefgehender und vielfäliger war, weil das Erleben jeder Einzelnen darin enthalten war.

– Sehr, sehr spannend fand ich die Begegnungen mit den anderen BesucherInnen des Kurses. Mit manchen ergaben sich kurze Berührungspunkte, mit anderen schnell tiefe Gespräche. Sequenzen zu zweit im Gespräch mit wechselnden Partnerinnen waren sehr persönlich, ohne Grenzen zu überschreiten. Vieles wurde ähnlich erlebt, miteinander ausgetauscht und klang in mir nach.
Lerneffekt: Ich muss Menschen weder kennen noch sympathisch finden, damit wir uns öffnen und gegenseitig bereichern können. Während wir feststellen, dass wir als einander unbekannte Personen im gleichen Moment das Gleiche denken und fühlen.

aufmerksam, glaubhaft, kreativ

Sieben Wochen ohne….. Konsum

Jede und jeder hat so seinen Bereich, wo sie oder er mehr Zeit, mehr Geld, mehr Energie aufwendet als es notwendig und wünschenswert wäre. Das betrifft Medienkonsum, Ernährungsfragen, finanzielle Punkte, Beziehungen, Aktivitäten, kurz: Lebenseinstellungen.
Die Fastenzeit ist dazu da, mit diesen Gewohnheiten aufzuräumen und zu schauen, ob es ohne auch klappt. Und wenn ja, wie es gelingt und was ich dabei erlebe.
In diesem Jahr versuche ich in der Fastenzeit, nichts zu kaufen, das verzichtbar ist. Das bedeutet: Lebensmittel, Shampoo, Putzmittel und ähnliches kaufe ich. Alles andere nicht.
Dabei mache ich unterschiedliche Entdeckungen:

– Den Konsum strikt einzugrenzen spart nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Energie (Kaufe ich das? Zu dem Preis? Hier oder woanders? Jetzt oder später?). Bisher geht noch viel Energie durch das Bemühen, nichts zu kaufen, verloren. Weil es jedes Mal eine willentliche Entscheidung ist, wirklich nichts zu kaufen. Oder nur das Notwendige. Sobald es sich automatisiert hat, wird es sehr entspannend sein.

– Wenn ich nicht in die Reichweite einer Geschäftsstraße gelange, gebe ich auch kein Geld aus. Logisch, aber trotzdem eine Erkenntnis, die bestimmtes Verhalten nach sich zieht.

– Ich belohne mich gerne durch Konsum, indem ich mich selbst „beschenke“. Kann ich darauf verzichten? Und gilt eine Stunde entspannter Lektüre (Buch aus der Bücherhalle) mit einer Tasse Tee (Vorrat im Küchenschrank vorhanden) ebenso als Belohnung?

– Verzicht macht kreativ. Bisher habe ich für alle auftretenden Fragen eine Lösung gefunden, ohne dass ich dafür etwas hätte kaufen müssen. Keller und Kammern sind voll mit Dingen, die umfunktioniert wunderbar zu gebrauchen sind. Nebenbei wird das Gehirn auf diese Weise bestens trainiert und in seiner neuronalen Plastizität gefördert.

– Ich werde beschenkt. Als ich Kleidung, die ich schon lange nicht mehr trage, zum Altkleider-Container bringe, sehe ich am Papier-Container daneben einen sehr stabilen Umzugskarton, den ich auf dem Weg nach Hause huckepack auf dem Fahrrad mitnehme. Ich habe mich von etwas getrennt, und wurde dafür auch noch beschenkt – ein Karton weniger, den ich Ende des Jahres kaufen muss, bevor ich ihn packen kann!
Von solchen Beispielen fallen mir viele ein, die in den letzten Wochen passiert sind – kleine und große. Wenn ich vertraue und loslasse, sorgt Gott für mich.

Wen die „offizielle“ Fastenaktion in diesem Jahr interessiert: http://www.7wochenohne.evangelisch.de/

und ein kurzes Video: http://www.evangelische-jugend-oldenburg.de/2012/02/wort-zum-mittwoch-fastenzeit/

 

Eines der Projekte zum „Nulltarif“:
Dieser Stuhl vom Sperrmüll mit seiner Leiter-ähnlichen Lehne wird der langersehnte und bisher als zu teuer befundene „Stumme Diener“.
Danach sieht es jetzt noch nicht aus, aber bald…