aufmerksam, glaubhaft

Ein ganz anderes Leben: Ora et Labora, Beten und Arbeiten

Hecke schneiden, aus der Bibel vorgelesen bekommen und zum Essen gehen, sobald es bimmelt:
Wer hat darauf schon Lust? Ich, ganz offensichtlich.
Letzte Woche half ich ehrenamtlich mit, ein Freizeitheim und Seminarhaus innerlich und äußerlich auf die neue Saison vorzubereiten. Dafür wurden die Unterkunft und Verpflegung kostenlos gestellt. In Schleswig-Holstein liegt das Tagungszentrum direkt am Wald oberhalb eines Sees, mitten in der gerade erwachenden Natur.
Das Programm „Ora et Labora“ besteht aus regelmäßigen Gebetszeiten, viel körperlicher Arbeit, festen Mahlzeiten und etwas Freizeit am Abend. Es geht auf die Lebensweise der Benediktinermönche zurück, die ihren Alltag nach festen Zeiten des Betens und Arbeitens strukturier(t)en.
Zu Beginn musste ich meinen Weg erst finden. Erwartete Mitreisende aus Hamburg fehlten, dadurch traten erhoffte Chancen nicht ein und erwünschte berufliche Kontakte blieben ebenfalls aus. Anwesende in meinem Alter gab es auch nicht, die Arbeit war hart und die vier Andachtszeiten pro Tag gewöhnungsbedürftig: Sie bestanden aus langen Lesungen aus der Bibel, Wechsellesungen, liturgischen Liedern und den immer gleichen Gebeten. Kein Input, kein kreativer Austausch über den Glauben, kein Mitdenken erforderlich. Nur die Liturgie abhandeln, die zu jeder Tageszeit leicht variiert wurde, aber an jedem Tag zur jeweiligen Uhrzeit gleich war. Da ich reine Liturgie ohne freie und persönliche Gebete der Anwesenden, ohne Mitspracherecht der Einzelnen und ohne intellektuell anregende Predigt nicht kenne und damit nicht mag, fand ich die Andachtszeiten anstrengend und langweilig. In den ersten Tagen hatte ich zudem ständig Hunger beim Gebet, da ein Großteil der „Stillen Zeit“ jeweils vor den Mahlzeiten stattfand. Durch das Schuften im Gelände war ich dauernd hungrig und oft müde, sodass die in meinen Augen seelenlose Liturgie mich vorrangig nervte.P1020584Nach zwei Tagen fand ich meinen Rhyhmus:
Ich wachte nicht mehr mit knurrendem Bauch auf und hielt die nüchterne Andacht vor dem Frühstück besser durch. Ich wusste, welcher Psalm zu welcher Tageszeit gebetet wurde und erwartete ihn regelrecht. Ich fand mich damit ab, jeden Morgen das Glaubensbekenntnis aufzusagen, auch wenn ich es absolut nicht mag. Ich schaffte es, während der langen Lesungen aus dem Johannes-Evangelium immer länger zuzuhören und immer weniger an Anderes zu denken. Ich fand immer wieder Aufmerksamkeit für die Besonderheiten der gewählten modernen Übersetzung („Das Buch“, Übersetzung des Neuen Testaments und der Psalmen von Roland Werner). In der Gebetsstille gab es immer weniger, was ich dringend mit Gott besprechen wollte, und immer mehr Schweigen.

Auf diese Weise fand ich in den Tagen zu einem inneren Frieden und einer inneren Ruhe, die ich so noch nicht erlebt habe. Trotz der heftigen Schmerzen am Abend und des schmalen und harten Betts (wirklich unnötig in einem Tagungshotel) stand ich morgens munter und fit wieder auf.
Unzählige Male lief ich mit der Schubkarre rund ums Haus, holte unendlich oft Kompost, fuhr Erde weg, holte Mulch, grub, hackte, säuberte Beete, schnitt Büsche und harkte. Im Hier. Im Jetzt. In innerer Ruhe (okay, meistens, manchmal regte ich mich auch über faule Teenager auf). Wenn jemand über das Gelände lief und läutete, ließ ich alles stehen und liegen und schlurfte in Gummistiefeln zur Andacht. Dort saß ich, sang, las und schwieg. Im Hier. Im Jetzt.

Nach fünf Tagen mitten im Nichts von Schleswig-Holstein bin ich zurück in der Zivilisation. Plötzlich gibt es mehr als die fünfzig Personen der letzten Woche gleichzeitig mit mir an einem Fleck. Es gibt Autos, Lärm, viele Häuser, weniger Natur. Keine balzenden Rotkehlchen und keine unkoordiniert herum stromernden Wildschweine mehr.
Mal abwarten, wie lange die innere Ruhe sich hält.

Für die frisch aufgebauten Armmuskeln habe ich schon ein Projekt im Auge: Ich werde direkt ein Regal abschleifen und frisch streichen.

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