aufmerksam

Buchempfehlung: „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett

 

Dieser kleine Roman beschreibt, wie die britische Queen das Lesen für sich entdeckt.
Eigentlich nur, weil sie einem ihrer ungezogenen Hunde hinterher läuft und dabei auf einen Bücherbus trifft, der neben den Abfalleimern der Küche im Hof hält. Dort lernt sie den Küchenjungen Norman kennen, der mit Vorliebe homoerotische Literatur liest und der Queen natürlich ebensolche empfiehlt. Nachdem sich die Queen aus Höflichkeit ein Buch mitnimmt und sich ebenso aus Höflichkeit hindurch quält, muss sie beim Zurückbringen des Buchs in der nächsten Woche natürlich anstandshalber ein neues Buch aussuchen. Innerhalb kürzester Zeit liest sie wirklich gern und wirklich viel. Plötzlich kommt sie zu spät, weil die Lektüre so fesselnd ist, oder schmökert im Wagen, während sie abwesend der Menge entlang der Straßen winkt. Bei Staatsbesuchen hat sie überraschend neue Themen, die alle durcheinander bringen, statt über das Wetter und den Stau zu sprechen.
Kurz: Die Queen ist auf einmal unbequem und zeigt auffallend viel eigene Meinung, was auf Widerstand unter den Bediensteten stößt.

Eine wirklich gelungene Lektüre, unterhaltsam und dennoch niveauvoll.
Die suoveräne Leserin“ von Alan bennett, Wagenbach Salto

 

Details vom Balkon, aus Mangel an englischen Parks bei uns zu Hause…

aufmerksam, feminin

Buchempfehlung „Der wilde Garten“ von Barbara Claypole White

 

Nach Oslo nahm ich zwei dicke Romane mit, die ich kaum las, da wir den ganzen Tag bei bestem Wetter die Stadt erkundeten. Einen der beiden packte ich am vorletzten Tag in den Rucksack für unsere Schären-Tour.
Als wir dann am Südostufer der Insel Hovedøya saßen und ich den Roman mit Blick auf den Fjord und die Nachbarinsel auspackte, ergriff mich erstmal schlechte Laune:
Eine Geschichte über eine alleinerziehende Witwe mit schweren Schuldgefühlen ihrem seit drei Jahren toten Mann gegenüber trifft einen finanziell erfolgreichen, aber dank heftiger Zwangserkrankung psychisch instabilen Mann.
Ja, klar, genau das hatte ich mir für einen erholsamen Inseltörn gewünscht!
Die Beschreibung des Klappentexts hatte irgendwie weniger anstrengend geklungen…

 

 

Da ich nun keine andere Wahl hatte (außer nicht zu lesen), versuchte ich nach der ersten Enttäuschung, mich mit der Lektüre zu arrangieren.
Der Schreibstil von Barbara Claypole White ist hervorragend, sehr dicht und präzise. Nach dem ersten Entsetzen über die mehrfach problembelasteten Charaktere nahm mich die Geschichte mit auf ihre Reise:
Tilly ist eigentlich Engländerin und lebt schon lange in Amerika. Sie hat vor drei Jahren ihren Mann verloren, und bis heute plagen sie Schuldgefühle, weil sie dem Arzt nach dem Unfall mitteilte, dass ihr Mann eine Patientenverfügung habe. Aufgrund der Patientenverfügung wurden die Geräte der lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet, aber ihr Mann lebte noch fünf Tage weiter – was Tilly auch Jahre später noch als Zeichen nimmt, dass er nicht sterben wollte und sie nie hätte von der Patientenverfügung sprechen sollen. Im schwülen North Carolina fühlt sie sich als Engländerin bis heute nicht wohl, dennoch hat sie nach dem Tod ihres Mannes mehr aus Zufall eine Gärtnerei aufgebaut. Sie sehnt sich häufig nach den milden Temperaturen und dem weiten Himmel Großbritanniens.
James Nealy wird seit seinem zehnten Lebensjahr stark von Ängsten und Zwangsgedanken belastet. Als Flucht vor den inneren Zwängen, die ihn mit bösen Stimmen quälen, hat er mit hohem Einsatz und Tempo ein sehr erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Um seinem Leben eine neue Richtung zu geben, hat er alles verkauft, ist umgezogen und will endlich seine Zwangserkrankung besiegen. Seit seine Mutter, eine enthusiastische Gärtnerin, an Krebs starb, peinigt ihn der Gedanke, dass Erde und Schmutz Krebs auslösen. Seinen Zwang zur Hygiene möchte er dadurch besiegen, dass er einen Garten anlegen lässt und dabei zuschaut.
Aus diesem Grund sucht er Tilly auf, die sehr zurückgezogen lebt und ihre Pflanzen nur an Großkunden verkauft, um so wenig Kontakt mit Menschen zu haben wie möglich.

 

 

Tilly weigert sich natürlich vehement gegen den Auftrag, da sie jeder Verpflichtung aus dem Weg geht und um Herausforderungen einen weiten Bogen macht. Doch James bleibt hartnäckig und fliegt ihr sogar hinterher, als sie ihre Mutter in England besucht, die sich vor Kurzem das Bein gebrochen hat. Dort begegnet Tilly ihrer ersten großen Liebe Sebastian wieder. Während sie von der Trauer um ihren Mann zurückgehalten wird, versuchen Sebastian und James beide, ihre Aufmerksamkeit zu erregen…

Weiter möchte ich nichts verraten. Wer einen typischen „Ich verdufte auf die Insel“-Roman braucht, sollte vielleicht wirklich leichtere Kost aussuchen. Wer Zeit und Lust hat, sich auf eine intensive Geschichte einzulassen, sollte diesem wunderbar geschriebenen Roman eine Chance geben.

Barbar Claypole White, „Der wilde Garten“, erschienen bei ullstein

aufmerksam, feminin, glaubhaft

Buchempfehlung: „Das Leben feiern“ von Shauna Niequist und „Tausend Geschenke“ von Ann Voskamp

Aktuell lese ich zwei Bücher zum gleichen Thema parallel. Das ist ein Zufall, der sich als Glücksgriff entpuppt.
Zu Weihnachten wünschte ich mir das Buch „Tausend Geschenke. Eine Einladung, die Fülle des Lebens mit offenen Armen zu empfangen“ von Ann Voskamp. Das Buch ist seit einigen Jahren ein Bestseller zum Thema „Dankbarkeit“ und ich wollte es endlich lesen.
Der Inhalt überzeugt, leider erschweren mir zwei Punkte den Lesefluss:
Einerseits schreibt sie sehr ausführlich über Beobachtungen im Alltag. Mir werden die Passagen oft lang und ich wünsche mir mehr Fokus auf das Eigentliche. Auch wenn die Autorin sicherlich mit Absicht versucht, die Leserin zu entschleunigen… 😉
Dass sie als Frau eines Bauern ihre sieben Kinder zu Hause unterrichtet und ständig aus dem Leben einer großen Familie berichtet, geht einfach komplett an meiner Lebensrealität vorbei. Auch wenn sich sicher viele Frauen damit identifizieren können – mehr, als wenn Ann als Brokerin an der Wall Street wäre.
Andererseits geht es sehr viel um schlechte Erinnerungen, traurige Momente und Selbstmitleid. Ich versuche seit einigen Jahren, mir konsequent das Jammen und Selbstbemitleiden abzugewöhnen. Es macht mich selbst kaputt und nervt andere, ist also zu hundert Prozent verzichtbar. Ann in ihrem Kampf gegen Selbstmitleid und deprimierte Phasen mitzuerleben macht mich ärgerlich, ich kann daraus nichts für mein Leben lernen. Es zieht mich runter, wie sie ständig über das Leid der Welt klagt. Auch wenn es als Kontrast zur Lebensfreude dargestellt wird, aber mich nervt´s beim Lesen.

Im Neujahrsurlaub las ich ein Buch mit einem absolut verheißungsvollen Titel quer. Leider war es bis auf zwei Zitate komplett enttäuschend. Eins der Zitate führte mich zu Shauna Niequists Buch „Der Geschmack von Leben. Den Alltag zum Fest machen“. Aus völlig unverständlichen Gründen ist dieses wunderbare Buch nur noch gebraucht zu bekommen, in meinen Augen hätte es nach der deutschen Erstausgabe noch sehr viele Auflagen verdient. Auch Shauna schreibt über ihren Alltag und wie sie Gott darin entdeckt. Wie Dankbarkeit hinter kleinen Randbeobachtungen auftaucht und Krisen gemeistert werden. Noch nie in meinem Leben habe ich ein Buch gelesen, das so hautnah und authentisch war und mich derart unmittelbar berührt hat. Shauna hat eine fantastische Art, sich auszudrücken und komplett ehrlich und echt zu wirken. Allein das war für mich eine Offenbarung.
Shauna schreibt über Freundschaften, Umzüge, Probleme mit ihrer Figur, das Mutterwerden, den Glauben, Krisen in der Kirchengemeinde und die Suche nach dem passenden Platz im Leben. Obwohl nicht alle diese Themen in meinem Alltag vorkommen, hat ihre Weisheit mich auch in Kapiteln begeistert, die nichts mit mir zu tun haben.
Dieses Buch ist so ein Geschenk!