aufmerksam

Kindermund: Ein bleiches Toast ist das neue Trend-Accessoire

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Logopädin therapiere ich unter anderem ein kleines verjähriges Mädchen, ich nenne sie aufgrund der Schweigepflicht hier Lilly.
Lilly kam morgens zusammen mit ihrer Mutter in die Praxis, in der kleinen Hand eine Scheibe ungeröstetes Toastbrot. Nun ja, dachte ich, vielleicht hatte sie keine Zeit zum Frühstücken… Nach der Begrüßung bat sie um einen Teller, auf den sie während der Stunde ihre Toastscheibe legen konnte.
So leistete uns das bleiche Brot Gesellschaft während der Therapie, um im Anschluss wieder mit nach Hause genommen zu werden:
Sie hatte das Toast als Begleitung mitgebracht, und nun sollte es sie wieder nach Hause geleiten. Mit dem Teller aus der Praxis-Küche, natürlich.
Das konnten wir ihr ausreden, aber wie die kleine Lilly würdevoll ihr weißes Toast in die Praxis und wieder hinaus trug, als wäre es die aktuelle Designer-Tasche der Hollywood-Stars, war einfach nur großartig.

aufmerksam

Kindermund: Feurige Hörgeräte

Aus meinem Alltag als Logopädin:

In der Therapie frage ich: „Was braucht die Ärztin?“
Das Kind antwortet: „-ein Hörgerät (Stethoskop)!“

Auf der Suche nach einem Wort erkläre ich: „Man hat eine kleine Schachtel, da holt man ein kleines Hölzchen raus und -ratsch- zieht man es über den Streifen und dann brennt es.“
Der kleine Junge sehr energisch: „Sssießgewehr!!!“

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Kindermund: Meteorologen unter sich

Aus meinem Alltag als Logopädin:

Mir wurde von einer Vierjährigen folgende Logik zugetragen:
„Wenn die Sonne untergeht, fällt sie ins Gras.“
Und:
„Nachts gibt’s niiiie Donner. Und Blitz.“
Überhaupt haben mir schon einige Kinder erzählt, nachts würde es nie regnen. Nie.
Frei nach dem Motto:
„Nachts schlafe ich. Wenn ich schlafe, bekomme ich nichts mit. Wenn ich nicht mitbekomme, was passiert, passiert auch nichts. Die Welt hält nachts an, kurz gesagt.“

Bisher hat mir kein Kind geglaubt, dass es auch nachts regnet. Und gewittert.

aufmerksam, glaubhaft

Buchempfehlung: „Das Happiness-Projekt. Oder: Wie ich ein Jahr damit verbrachte, mich um meine Freunde zu kümmern, den Kleiderschrank auszumisten, Philosophen zu lesen und überhaupt mehr Freude am Leben zu haben“ von Gretchen Rubin

Dieses Buch ist großartig und ich könnte davon in einem Schwung zwanzig Exemplare kaufen und reihum verschenken, wenn ich das Geld über hätte!
Das ist die wichtigste Aussage zu diesem empfehlenswerten Buch.
Trotzdem erzähle ich natürlich mehr dazu…. 😉

Die Autorin ist ehemalige Juristin und hat sich vor einigen Jahren entschlossen, das zu tun, was sie im tiefsten Inneren erfüllt, nämlich: Lesen und Schreiben. In dieser Reihenfolge. So recherchiert sie, verfasst Artikel, Biographien und verschiedenste Bücher.
Sie lebt in New York City, ist verheiratet, hat zwei kleine Töchter und ist mit sich selbst unzufrieden. Sie möchte weniger perfektionistisch sein, weniger unzufrieden mit ihrer Arbeit angesichts der eigenen Ansprüche. Sie möchte weniger motzen und urteilen, weniger nörgeln und mehr genießen. Sie möchte die Person werden, als die sie gemeint ist – weniger das tun, was andere tun oder was sie meint, tun zu müssen, und mehr aus eigenen Überzeugungen leben.
So entschließt sie sich, ein Jahr lang auf der Suche nach mehr Glück und Zufriedenheit ihr Leben zu verändern. Heraus gekommen ist neben einem Blog dieses Buch, das ich mit großem Gewinn lese. Es behandelt pro Monat ein großes Thema in mehreren Abschnitten und ist sehr praxisnah und autobiografisch geschrieben. Dabei werden Bereiche untersucht wie Geld, Beziehungen, Achtsamkeit, Kreativität, Gesundheit, Spiritualität, Wachstum.
Die Autorin ist sehr belesen (eine ihrer inneren Berufungen) und fügt großartig Zitate ein, die perfekt passen und nie den Lesefluss stören, weil sie sich ganz natürlich mit den Zeilen verbinden. Das Buch ist sehr persönlich und dadurch angenehm zu lesen, es hat nichts von einem „Zwölf-Punkte-Plan“ oder dergleichen.
Wer möchte, kann am Ende jeden beschriebenen Monats die beiden leeren Seiten nutzen, um ähnliche Ziele zu formulieren und anzugehen. Schließlich ist das Buch keines, das nur gelesen werden möchte- es regt zur Auseinandersetzung an und möchte zum Mitmachen auffordern.

Besonders Menschen, die mit Unzufriedenheit kämpfen und auch solche, die das Gefühl von „Leere“ oder Sinnlosigkeit haben, profitieren meiner Vermutung nach von diesem Buch.
Alle anderen lesen es, wie ich, in ruhigen Momenten eines trubeligen Lebens und werden ihre Lieblingspassagen finden, da bin ich mir sicher.

aufmerksam, glaubhaft, kreativ

Gegen die Sozialisation durch Rollenklischees: Puppenhaus spielen einmal anders!

Meine Reaktion auf das Anschauen der Reportage gestern:
Heute morgen stand ich mit einem kleinen Mädchen, das zum Erstkontakt kam, vor dem Spieleschrank. Ich hatte ihr gesagt, dass wir beide mal schauen, was sie sich zum Spielen aussuchen mag, damit ich erstmal mit Mama reden kann. Nun zeigte ich ihr im Schrank sowohl die Autos und die Baustelle und die Murmelbahn als auch das Puppenhaus, damit sie sich völlig frei von Erwartungen an das Spielverhalten kleiner Mädchen etwas aussuchen kann. Leider waren ihr die Baustelle, die Autos und die Murmelbahn total egal – sie wollte das Puppenhaus. Nun ja, selbst schuld, wenn man eines besitzt…..
Also führte ich mit der Mutter die Anamnese durch und stand anschließend während des Spielens zum Kontaktaufbau mit dem kleinen Mädchen vor der schwierigen Aufgabe, gender-pädagogisch sinnvoll zu spielen.

Dazu ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass anhand der Impulse, die die Erwachsene zu Beginn des Spieles gibt, ganz unterschiedliche Scripte entstehen können – zwei mögliche Szenen der gleichen Ausgangslage:
Szene 1: „Komm, wir spielen mit dem Puppenhaus! Die Mama kocht und der Papa sitzt auf dem Sofa und schaut fern!“
Szene 2: „Komm, wir spielen mit dem Puppenhaus! Die Mama repariert den Fernseher und der Papa kocht so lange schon mal das Essen!“

Ha, es wäre doch gelacht, wenn man derart Mädchen-prädestiniertes Spielzeug nicht verwandeln und damit den alten Geschlechter-Rollen den Garaus machen kann!
Glücklicherweise hatte das kleine Mädchen nichts gegen diese Aufgabenverteilung, sodass Mama selig am Fernseher schraubte und Papa solange Möhren kochte. Bestens.
Jetzt braucht es „nur noch“ Wirklichkeit zu werden.

 

Puppe

Das Bild stammt von The Graphics Fairy

 

aufmerksam, glaubhaft

Vision und Frustration

Auf www.erf.de habe ich gerade ein interessantes Interview  angeschaut. Dort spricht der Theologe Dr. Michael Herbst hinter den Kulissen des Willow-Creek-Kongresses (als Besucher) über die Zukunft der deutschen Kirche. In diesem Beitrag ging es unter anderem darum, wie Inspirationen von Kongressen zum Thema „Glauben“ in den Alltag gerettet werden können: Erst sei das die große Begeisterung, der Wissenszuwachs und die Überzeugung, als Christ nicht allein auf der Welt zu sein. Kaum zurück in der eigenen Stadt aber fragt man sich, ob die Ideen aus Amerika für uns passen. Und Dr. Herbst sagt ganz klar:
„Nach der Vision kommt die Frustration. Da muss man durch und der Sache Zeit geben. Anpacken, durchhalten, die Vision lebendig halten. Bis sie Wirklichkeit wird.“
Das passt für jede Lebenssituation, in der Veränderungen anstehen:
Wir brauchen Visionen, Träume, Ziele, um uns auf den Weg zu machen. Klar ist, dass vor uns ein Weg liegt und Stolpersteine uns erwarten. Ist die Vision für uns so relevant und passend, dass wir sie uns vor Augen halten und trotzdem weiter machen, bis wir sie erreichen?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich ins Zweifeln komme, wenn nach der Vision die Frustration kommt und denke, ich sei doch nicht begabt genug oder nicht reif genug, um etwas großes Neues anzupacken. Gut zu wissen, dass ich die Frustration einkakulieren kann/muss, ohne dass es mich von der Vision entfremdet.

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Kindermund: Fertig! Alles aufgetrunken

Szenen aus meinem Alltag als Logopädin

Ein Junge, 5 Jahre alt, sehr nachdrücklich:
„Das Pferd hat alles aufgegessen. Und aufgetrunken.“

Ich habe der Mutter eines Kindes versprochen, mit der Klassenlehrerin zu telefonieren, sobald sie und ich im Gespräch die nächsten Therapieschwerpunkte geklärt haben. Währenddessen macht sie (Muttersprache nicht deutsch) ihrem Ärger über die mangelnde Organisation der Lehrerin Luft:
„Das muss ich doch alles planieren! Wie kann ich planieren, wann ich den Füller kaufe, wenn sie mir kein Datum gibt, bis wann wir ihn haben sollen?“

Ein Mädchen im Kindergartenalter: „Erst haben die das Lagerfeuer angezündet. Und dann haben sie es wieder ausgezündet.“

Ein Junge, 5 Jahre alt, schaut nach dem Verabschieden beim Hinausgehen über die Schulter und sagt in sehr fürsorglichem Ton zu mir: „Mach’s gut!“

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Kindermund: Trifft eine Katzel den Hasel

Szenen aus meinem Alltag als Logopädin

Junge, 5 Jahre alt, erzählt etwas von einem „Themptomeeto“ (Thermometer).

Wir spielen „Tiere füttern“ mit dem Ziel, eine schöne grammatikalisch korrekte Verbzweit-Stellung aufzubauen.
Mädchen, 3 Jahre alt, schaut sich alle Tiere an und benennt sie dabei ganz in die Bilder versunken:
„Ein Igel, ein Hasel, Entel, Ziegel…“
Wo auch immer sie es her hat, als Endung ein „-l“ anzufügen – es klingt so niedlich, das ich mich schwer zusammen reißen muss, um es nicht niedlich zu finden.

Junge, knapp 4 Jahre alt, beim Instrumente-Raten:
Seine Mutter sitzt dabei und hält ihm ein Tuch vor die Augen, damit er nicht luschert. Zwischendurch darf er zur Abwechslung für mich Instrumente spielen, die ich dann raten muss.
Zu Beginn hatte ich von „Augen schließen“ gesprochen, anschließend von „Augen verbinden“.
Er gibt mir als logische Konsequenz die Anweisung:
„Augen verschließen! Los, die Augen müssen verschlossen sein!“

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Kindermund: Oma und die Verwendung der Pilze

Szenen aus meinem Alltag als Logopädin

Ich lasse mir von einem Jungen, 6 Jahre alt, Muttersprache nicht deutsch, das Buch erzählen, das ich ihm für eine Woche ausgeliehen hatte. Einer der beiden Therapieschwerpunkte momentan ist das /r/, Konsonantenverbíndungen klappen allerdings noch nicht.

Er: „Die Oma raucht Pilze.“ (Er wollte „braucht“ sagen)

Ich, kurz darauf: „Und was braucht das Baby?“
„-Babyfutter.“

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Meilensteine

In dieser Woche habe ich im Elterngespräch in der logopädischen Stunde das erste Mal einer Mutter ganz klar und direkt gesagt, dass ich von ihrem Vorgehen ihrem Kind gegenüber abrate.
Bisher habe ich Verbesserungsvorschläge in Formulierungen wie „Schön, dass sie mit ihr/ihm dieses und jenes tun, aber noch besser ist es, wenn Sie…..“ verpackt. Und dann folgte meine Erläuterung, was dem Kind angesichts seines aktuellen Entwicklungsstandes an Unterstützung gut täte.
Leider habe ich gemerkt, dass viele Mütter nicht gut zuhören und auf „pädagogisch vorsichtige“ Einwände nicht reagieren. Oder nur die Freundlichkeit in meiner Stimme hören und nicht die konstruktiven Hinweise, die ich ihnen auf der sachlichen Ebene übermitteln möchte.
So sagte ich vor Kurzem das erste Mal deutlich und direkt, ohne nette Rhetorik, dass das Kind eine andere Förderung benötigt als die, die die Mutter ihm angedeihen lässt.
In diesem Fall erklärte ich der Mutter, dass es dem Entwicklungsstand ihres Sohnes nicht entspricht, Zahlen und Buchstaben zu lernen: Er ist mit fast vier Jahren auf dem Stand eines knapp Dreijährigen und kann beispielsweise Pfanne und Topf weder benennen noch auseinander halten, obwohl wir seit der ersten Stunde immer wieder kochen spielen (mit spezifischem Input meinerseits). Ein Kind, das nur wenige Nomen kennt, das in Bezug auf Verben viel Input braucht und diese trotzdem nur im Ausnahmefall behält, das ist definitiv nicht reif für abstrakte Inhalte wie Zahlen und das Alphabet. So habe ich das erste Mal sehr deutlich das Bild der Mutter vom kognitiven Status ihres Sohnes demontiert. Selbstverständlich ließ ich sie erst gehen, nachdem wir eine Perspektive für die Zukunft entwickelt hatten.
Bisher hatte ich immer Angst, Mütter zu verletzen und zu verunsichern. Da ich gemerkt habe, dass es manchmal ohne die unverhüllte Wahrheit nicht vorwärts geht, werde ich nun öfter den Mut haben, beschönende und vorsichtige Formulierungen wegzulassen.
Unabhängig davon erschreckt es mich, wenn Mütter „objektive Leistungen“ wie zählen und schreiben wichtiger finden als Wortschatz und Satzbau, von Artikulation ganz zu schweigen.
Und es irritiert mich jedes Mal wieder neu, wenn Mütter meinen, ihr Kind fördern zu müssen und es heillos überfordern. Wenn ein Kind, dessen Mutter polnisch und dessen Vater türkisch spricht, im Kindergarten auf deutsch klarkommen muss, ist das anstrengend genug. Wenn es aufgrund des Ehrgeizes der Mutter zusätzlich in die Englisch-Stunde gesteckt wird, dann bin ich einfach sprachlos angesichts des kognitiven Pensums des Kleinen und der fehlenden Würdigung der Mutter genau dieser täglichen Leistung gegenüber.

Damit kein falsches Bild entsteht:
Selbstverständlich gibt es auch viele Mütter, die ihren Kindern ein ganz natürliches Vorbild sind und Bildung kreativ und alltagsnah statt ehrgeizig betreiben. Es freut mich immer wieder, mit Müttern zusammen zu arbeiten, die ganz selbstverständlich und entspannt als Co-Therapeutinnen und Expertin für ihr Kind auftreten. Die kompetent Informationen weitergeben, ebenso wie sie aufmerksam Fragen stellen oder sich Übungen erklären lassen.