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Die Freude am Verpassen: Joy Of Missing Out

Im Englischen gibt es den Begriff „fomo“: Fear of missing out – die Angst, etwas zu verpassen. In den eng getakteten, oft völlig zerissenen Tagen des Alltags macht sich bei manchen ein Wechsel der Blickrichtung bemerkbar. Es entsteht „jomo“: Joy of missing out – die Freude, etwas zu verpassen.
Viele von uns meinen, das was wir tun, würde unser Leben prägen: In welcher Branche wir arbeiten, wofür wir unser Geld ausgeben, womit wir unsere Freizeit füllen. Das stimmt natürlich, doch genauso wichtig finde ich die Aktivitäten, die wir ausklammern.
Ich besitze aus Prinzip kein Smartphone, und mein 16 Jahre altes Handy liegt meistens zu Hause im Arbeitszimmer auf dem Aktenschrank. Oft bekomme ich wochenlang keine SMS. In den Urlaub nehme ich es meist noch nicht einmal mit. Wenn es tagelang ohne Strom irgendwo herum liegt, stört das niemanden. Wer mich sprechen oder treffen möchte, kann das leibhaftig vor Ort oder unterwegs tun. Kann das Festnetz nutzen oder eine Mail schreiben. Die ganze Tyrannei des ständigen „Es-plinkt-und-blinkt-jetzt-schickt-meine-Freundin-ein-Bild-von-ihrem-neuen-Blumentopf-deswegen-werde-ich-alle-11-Minuten-aus-meiner-Konzentration-gerissen“ verpasse ich. Mit aller-allergrößter Freude. Wenn es wichtig ist, erreicht man mich. Wenn es trivialer Blödsinn ist, der deine und meine Zeit stiehlt, nicht.


Wofür verschenkst du deine Zeit nicht? Whats-App, Tagesschau, Netflix-Serien, Werbung, sensationsgeile Überschriften, Shopping?
Wofür gibst du dein Geld nicht aus? Auto, Süßigkeiten, elektronische Geräte für Spiel und Spaß, Markenkleidung, Festivals, Hauskredit?
Welche Meinungen und Trends des aktuellen Zeitgeists verpasst du mit vollem Genuss?

Der Witz ist ja, wie ich schon öfter geschrieben habe, dass wir fast nichts müssen. Wir müssen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu sichern, und damit Steuern, Krankenkassenbeiträge u.ä. zahlen. Was wir arbeiten, und welchen Wert wir unserer Tätigkeit beimessen, ist eine Frage der eigenen Prioritäten. Wir können gerade so viel arbeiten, dass es zum knappen Überleben reicht, und den Rest der Zeit in einem Selbstversorger-Garten verbringen. Oder mit Flüchtlingskindern spielen. Oder ausgesetzte Tiere retten.
Alles andere ist unsere ureigene Entscheidung.
Und wenn wir andere Menschen Entscheidungen über unser Leben treffen lassen, ist auch das unsere persönliche Wahl.
Wir hätten eine andere gehabt, denn: Wir müssen gar nichts.
Gar nichts.

Niemand zwingt uns, eine Verabredung einzuhalten, auf die wir eigentlich keine Lust haben. Also tatsächlich: Wirklich überhaupt keine Lust haben. Die wir aber nicht absagen mögen, weil dann andere enttäuscht sein könnten. Oder wir im Freundeskreis den Anschluss verpassen könnten, wenn wir schon wieder fehlen.
Das riecht nicht nach Genuss, sondern nach Angst. Wobei die Person, die über unsere Abwesenheit enttäuscht ist, für ihr Gefühl der Enttäuschung selbst die Verantwortung trägt.
Und der Freundeskreis, der ein „Ich möchte heute einfach nur Ruhe haben, viel Spaß bei eurem Treffen, ohne mich“ nicht verträgt, ist vielleicht kein tragbares Netz für mein Herz.

Wer denkt „Eigentlich wollte ich ja mitmachen / hinfahren / unterstützen, aber ich sehne mich so nach einer Auszeit“ kann sich sicher sein, dass das Herz bei der geplanten Aktivität nicht voll dabei sein wird. Und wenn das Herz nicht voll dabei ist, ist es faktisch gar nicht dabei, und dann hat es keinen Wert für unser Leben. Schließlich haben wir nur ein Leben, während wir so tun, als könnten wir unsere Zeit beliebig oft verteilen, auch an Aktivitäten, die eigentlich unwichtig sind.
Wer sich dennoch zwingt, aus innerem Verpflichtetfühlen den eigenen Widerstand zu übergehen, wird kaum Freude an dem krampfhaft eingehaltenen Termin haben. Aber eine Verabredung mit lauwarmer Motivation absolviert haben: Herzlichen Glückwunsch für die Freundin, die dieses Vergnügen mit uns teilte! (Hust)
Wer weiß, vielleicht hätte sie selbst lieber mit einem Buch im Garten unter der Linde gesessen, statt sich zwanghaft mit uns zu treffen?!

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Ehrgeiz, der: Produktive Unzufriedenheit mit zielgerichteten Träumen

Außergewöhnlich und in Hamburg nur auf einer einzigen Wiese heimisch: Der Bienenkäfer

Schon immer lebe ich mit einer gesunden Portion Ehrgeiz. Mit dem Hintergrund zu verschwimmen oder ein Dasein als fleißige, aber unsichtbare Arbeitsbiene zu verbringen, war nie mein Ziel. Mit viel Energie, ordentlich „Pfeffer im Arsch“ und ständig neuen Ideen gesegnet ist Langeweile für mich ein Fremdwort.
Bereits anderthalb Jahre nach meinem Berufseinstieg als Logopädin war ich völlig angeödet und habe mich mit Mitte zwanzig gefragt, ob das jetzt schon alles gewesen sein soll? Als Logopädin ist einem ein Dasein als Fleißbiene zugedacht, Karrieremöglichkeiten gibt es nicht. So tobte ich mich im Ehrenamt aus, versuchte mit genähten Kreationen ein zweites Standbein aufzubauen und fing in der Praxis mit inoffiziellem Qualitätsmanagement an.
Der Wechsel in eine andere Praxis reichte mir nicht, der Horizont als Logopädin verbunden mit skandalös niedrigem Gehalt war mir einfach zu eng. Nach zwei Jahren der beruflichen Neuorientierung voller Seminare und Projekte bin ich das erste Mal auf einem Arbeitsplatz gelandet, der mit meinem Tempo Schritt hält. Zum Ende meiner Probezeit bin ich grade ins Nachbarbüro umgezogen, um in einen neuen Aufgabenbereich mit mehr Verantwortung eingearbeitet zu werden. Zum ersten Mal in meinem Leben fallen mir Konzepte und Projekte in den Schoß. Bisher musste ich immer darum kämpfen, vorwärts zu kommen und Entwicklungsmöglichkeiten zu nutzen. Auf einmal trägt mein Einsatz Früchte. Plötzlich erlebe ich eine Welle von Erfolg und Anerkennung, über die ich sehr dankbar bin. Und die mir Dimensionen eröffnet, von denen ich bisher nur träumen konnte.

Parallel irritiert es mich immer wieder und immer mehr, wie wenig beruflichen Ehrgeiz viele Freundinnen und Bekannte haben. Die meisten sind mit ihrer Familie völlig ausgelastet, denn der Trend in meinem Umfeld geht gerade zum Viertkind. Bei einigen weiß ich, dass sie deshalb weiter Kinder bekommen, weil sie keinerlei berufliche Perspektiven haben. Alle meine Freundinnen arbeiten im sozialen Bereich – auf das kleine Gehalt bei immenser nervlicher Belastung verzichten logischerweise viele dankend.
Davon unabhängig macht es mich sprachlos, wenn ich vorsichtig nach Träumen und Plänen nach der Kinderzeit frage und „Nichts“ als Antwort erhalte. In meiner Erinnerung hatten alle Freundinnen zu Studien- und Ausbildungszeiten klare berufliche Wünsche. Ich verstehe vollkommen, dass Frauen zwischen Stillen und Einschulung völlig absorbiert von ihrer Mutterschaft sind. Aber danach?

Vielleicht ist mein gesunder Ehrgeiz gar nicht so normal, wie ich immer dachte. Vielleicht ist meine „produktive Unzufriedenheit“ etwas Persönliches und nichts Universelles. Vielleicht sind viele mit dem Status quo zufrieden. Vielleicht brennen nicht alle für ihre Arbeit. Vielleicht brauchen nicht alle ständig neue Pläne und Herausforderungen, um sich lebendig zu fühlen. Und vielleicht entwickeln sich Prioritäten im Leben ursprünglich Gleichgesinnter immer weiter auseinander.

 

Flieg, kleiner Bienenkäfer, flieg ins Weite!