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Mein Leben als Autorin: Wenn plötzlich Highspeed herrscht

Eine der ersten Lektionen, die ich als Autorin bei meinen Büchern gelernt habe, ist: Geduld zu haben.
Alles dauert grundsätzlich länger, als gedacht. Selbst, wenn einzelne LektorInnen plötzlich Druck machen: Immer wieder gibt es Phasen des Wartens und Dümpelns, und je eher ich lerne, sie auszuhalten und währenddessen ein anderes Projekt anzuschieben, desto besser.
Aber es gibt auch erfreuliche Lektionen, die sich über die Jahre einstellen: Dass mit einzelnen LektorInnen sehr fruchtbare und beständige Kooperationen entstanden sind, die sich fast wie Freundschaften anfühlen. Und dass aus guter Zusammenarbeit plötzlich Angebote aus dem Verlag aufploppen, die für zusätzliche Sichtbarkeit und Honorare sorgen. Da wiegt es dann weniger schwer, wenn ich ein Vierteljahr darauf warten muss, an anderer Stelle endlich einen Autorenvertrag zu erhalten, um ein Buch fertig schreiben zu können. In der Redaktion ist eben viel los, manches wird öfter verschoben.
Währenddessen darf ich zum ersten Mal die Illustrationen für ein laufendes Projekt beitragen, auch das wieder eine Möglichkeit, meine Kompetenzen zu erweitern.

Schön ist auch, wenn ich erfreut feststellen darf, dass sich einzelne Angestellte im Fachverlag dafür einsetzen, dass ich als Sprecherin bei einer Messe auftreten darf. Statt nur die bisher wichtigsten AutorInnen dafür vorzuladen, die quasi ständig zu den internen“Königinnen“ zählen. Nachdem ich eine Menge Zeit in den Online-Bereich gesteckt habe, erreichte mich die Einladung, auch auf anderen Kanälen sichtbar zu sein. Ich kann zwar 80 Minuten ohne Punkt und Komma ins Mikro quasseln, aber ein Vortrag vor 70 Personen, die ich kenne, ist doch etwas Anderes als ein Messeauftritt für die ganze D-A-CH-Region. Sehr spannend!
Parallel gilt es, verschobene Projekte aus dem alten Jahr im Blick zu behalten:
Bin ich eigentlich noch für die Jury eines Seniorenbetreuungs-Preises eingeplant oder nicht? Seit 13 Monaten nichts davon gehört, mal nachfragen…

Dann der Bammel, wenn ich mit einem Verlag zusammenarbeite, den ich noch nicht kenne:
Wie tickt die Lektorin, dir mir zugeteilt wird? Werden wir uns über die strittigen Punkte im Manuskript gut einig? Können wir flüssig und positiv zusammenarbeiten?

Endlich flattert der langersehnte Autorenvertrag ins Haus, plötzlich ballen sich die Abgabetermine im Sommer. Noch dazu, wo mir auf einmal angeboten wird, einen ermutigenden Kalender für AltenpflegerInnen komplett allein zu gestalten, statt im Team, wie zu Beginn geplant.
Auf einmal heißt es am Feierabend und Wochenende nicht mehr „Juhu, ich darf schreiben!“, sondern „Uhaaa, ich muss schreiben!“
Aber das ist ein Luxusproblem, für das ich dankbar bin, denn nach dem größten Zeitdruck kommen plötzlich wieder Phasen des Leerlaufs, das kenne ich schon.
Wobei es in meinem Leben seit einigen Jahren nicht mehr heißt „Schreibst du mal wieder ein Buch?“ sondern „Welches Buch schreibst du gerade?“ Oft habe ich zwei Manuskripte parallel zu Online-Medien und Zeitschriftenartikeln gleichzeitig in der Mache. Wenn es sich denn auch finanziell auszahlen und nicht nur Zeit kosten würde…. aber ich genieße es!

Für alle, die sich fragen, wie sie die mageren Buchhonorare aufwerten können:
Ich wurde neulich glücklicherweise auf die VG Wort aufmerksam gemacht, dort können UrheberInnen für ihre Werke Tantiemen von öffentlichen Bibliotheken beantragen. Das hatte ich beim Schreiben meines Erstlingswerk schon mal gelesen, aber die letzten Jahre auch wieder vergessen…

Nur einen AutorInnen-Club zum Austausch, den habe ich noch nicht. Wer hier mitliest und sich zum Fachsimpeln und Abreagieren über das Verfassen von Fachbüchern melden mag, ist dazu herzlich eingeladen!

aufmerksam

Aus dem Alltag in der Senioren-Residenz: Neue wilde Sprüche

Wenn eine neue Dame eingezogen ist und wir versuchen, zu klären, woran wir sie erkennen können, meint die Kollegin, die sie bereits kennengelernt hat, grundsätzlich: „Sie ist klein, weißhaarig, Brille, schiebt einen Rollator…“ Daraufhin rufen wir anderen immer im Chor: „So sehen sie alle aus!“
Daher bin ich sehr stolz auf mich, einen Großteil der 330 BewohnerInnen von hinten erkennen zu können.
Heute marschierte ich einen Flur hinunter und war der Meinung, vor mir müsste Frau Johannsen (alle Namen wie immer geändert) längs schieben. Also rief ich sie, sie drehte sich um, und stellte sich tatsächlich als Frau Johannsen heraus. Sie nutzte die Gelegenheit, um mir für die letzte Andacht zu danken, die ich als Heft mit Liedern, Gebeten und Mitmach-Aktionen den Interessierten ins Appartement bringe: „Wenn ich sie bekommen habe, nehme ich sie abends mit ins Bett und les‘ sie da. Meine Tochter rief in dem Moment an, und da hab ich gleich gesagt, sie könne doch mal den Psalm 119 lesen (den ich in der Andacht vorstellte), und sie sagte: Den kenn ich auch!“
Auch Frau Stiephorn hatte mir letzte Woche erzählt, die Andacht abends im Bett zu lesen. Jetzt habe ich immer das Bild vor Augen, wie die Damen im Flanellnachthemd mit leicht zerzausten Haaren im Bett sitzen und im Schein der Nachttischlampe durch meine Botschaften schmökern.
Auch schön.
Frau Johannsen ist übrigens die Dame aus meinem Adventsbericht, die „einen Tannenbaum mit LSD-Lichtern hat, die wie Las Vegas blinken.“

Für die monatliche Pressearbeit plane ich einen Artikel über das Thema „Frauenfreundschaft“. Ich rief zwei Damen an, die sich in der Residenz kennengelernt haben und von außen gesehen eng befreundet sind. Sie sagten beide zu, dass die Journalistin sie interviewen darf, allerdings meinte Frau Gimpel: „Freundschaft würde ich das nicht nennen.“ Ich zuckte innerlich und dachte an all die Damen, die als langjährige Paare zu zweit bei uns wohnen, und ob Frau Gimpel bei der verwitweten Frau Weiland nun mehr als Freundschaft gefunden hatte. Also fragte ich sachlich nach, aber statt interessanter Enthüllungen folgte nur ein: „Es ist doch eine Bekanntschaft.“
Ach. Na denn.
Sie willigte aber ein, es im Interview Freundschaft nennen zu dürfen.

Wesentlich riskanter war der Kommentar von Herrn zum Schluh, einem ausgesprochen herzlichen, adeligen Herrn. Er schob mal wieder über den Flur, weil er sich für einen Spaziergang draußen zu wackelig fühlte. Als wir uns zum dritten Mal am selben Tag trafen, meinte er zu mir: „Na, wir haben aber einen kolossalen Verkehr heute, wir beide.“

Zwei Meter vor dem Fahrstuhl sprang Frau Knabe von hinten an mich heran, packte mich am Ohr und wuschelte mir als liebevoll gemeinte Geste durch die Haare, um sich dafür zu bedanken, dass ich neben ihren Namen und ihre Appartementnummer auf die letzte Andacht ein Herzchen gemalt hatte.
Ehrlich gesagt male ich neben alle Namen ein Herzchen, bevor ich das Heft in der gesamten Anlage an 45 Personen verteile. Nur die Herren lasse ich dabei sicherheitshalber aus. Nachdem bisher niemand etwas dazu gesagt hatte, fiel es diesen Monat auf einmal mehreren Damen auf.

Aber am allerbesten war Frau Caspar, die ich heute anrief, um zu fragen, ob ich ihr behilflich sein kann.
Sie: „Nee, wüsste ich nicht. Ach doch, Sie können mal kommen und oben auf den Schränken Staub wischen.“
Ich: „Wann denn? Jetzt gleich oder heute Nachmittag?“
Sie: „Nee, jetzt nicht, jetzt ist die Putzfrau da.“
Ach so?!
Also besuchte ich zwanzig Minuten lang auf halber Strecke eine andere Dame und kam dann erst, um auf dem Schrank und an der Deckenlampe feucht zu wischen.
Nachdem die Putzfrau weg war.

aufmerksam, feminin

Buchempfehlung: „Garten-Geschichten“ von Eva Demski

 

Eine 99jährige Dame, die sich mit Philosophie beschäftigt und bis heute wunderhübsch aussieht, empfahl mir ein Buch:
Eva Demskis „Garten-Geschichten“. Eine Sammlung abwechslungsreicher Erzählungen aus geheimen, überwucherten Ecken, Kindheitserinnerungen und englischen Klassikern.
Es erzählt deutsche Geschichte, lässt uns in andere Epochen reisen, macht uns mit einem neuen Blick auf die Kunst vertraut und warnt vor den typischen Anfängerfehlern im Garten.
Kurz: Für alle Gärtnerinnen und die, die es werden wollen, ein genüssliches Lesevergnügen und eine Quelle vieler kluger Informationen.
Die Kapitel lassen sich wunderbar im heimischen Liegestuhl oder im Strandkorb an der Küste lesen.

 

aufmerksam, feminin, glaubhaft

Buchempfehlung: „Das Leben feiern“ von Shauna Niequist und „Tausend Geschenke“ von Ann Voskamp

Aktuell lese ich zwei Bücher zum gleichen Thema parallel. Das ist ein Zufall, der sich als Glücksgriff entpuppt.
Zu Weihnachten wünschte ich mir das Buch „Tausend Geschenke. Eine Einladung, die Fülle des Lebens mit offenen Armen zu empfangen“ von Ann Voskamp. Das Buch ist seit einigen Jahren ein Bestseller zum Thema „Dankbarkeit“ und ich wollte es endlich lesen.
Der Inhalt überzeugt, leider erschweren mir zwei Punkte den Lesefluss:
Einerseits schreibt sie sehr ausführlich über Beobachtungen im Alltag. Mir werden die Passagen oft lang und ich wünsche mir mehr Fokus auf das Eigentliche. Auch wenn die Autorin sicherlich mit Absicht versucht, die Leserin zu entschleunigen… 😉
Dass sie als Frau eines Bauern ihre sieben Kinder zu Hause unterrichtet und ständig aus dem Leben einer großen Familie berichtet, geht einfach komplett an meiner Lebensrealität vorbei. Auch wenn sich sicher viele Frauen damit identifizieren können – mehr, als wenn Ann als Brokerin an der Wall Street wäre.
Andererseits geht es sehr viel um schlechte Erinnerungen, traurige Momente und Selbstmitleid. Ich versuche seit einigen Jahren, mir konsequent das Jammen und Selbstbemitleiden abzugewöhnen. Es macht mich selbst kaputt und nervt andere, ist also zu hundert Prozent verzichtbar. Ann in ihrem Kampf gegen Selbstmitleid und deprimierte Phasen mitzuerleben macht mich ärgerlich, ich kann daraus nichts für mein Leben lernen. Es zieht mich runter, wie sie ständig über das Leid der Welt klagt. Auch wenn es als Kontrast zur Lebensfreude dargestellt wird, aber mich nervt´s beim Lesen.

Im Neujahrsurlaub las ich ein Buch mit einem absolut verheißungsvollen Titel quer. Leider war es bis auf zwei Zitate komplett enttäuschend. Eins der Zitate führte mich zu Shauna Niequists Buch „Der Geschmack von Leben. Den Alltag zum Fest machen“. Aus völlig unverständlichen Gründen ist dieses wunderbare Buch nur noch gebraucht zu bekommen, in meinen Augen hätte es nach der deutschen Erstausgabe noch sehr viele Auflagen verdient. Auch Shauna schreibt über ihren Alltag und wie sie Gott darin entdeckt. Wie Dankbarkeit hinter kleinen Randbeobachtungen auftaucht und Krisen gemeistert werden. Noch nie in meinem Leben habe ich ein Buch gelesen, das so hautnah und authentisch war und mich derart unmittelbar berührt hat. Shauna hat eine fantastische Art, sich auszudrücken und komplett ehrlich und echt zu wirken. Allein das war für mich eine Offenbarung.
Shauna schreibt über Freundschaften, Umzüge, Probleme mit ihrer Figur, das Mutterwerden, den Glauben, Krisen in der Kirchengemeinde und die Suche nach dem passenden Platz im Leben. Obwohl nicht alle diese Themen in meinem Alltag vorkommen, hat ihre Weisheit mich auch in Kapiteln begeistert, die nichts mit mir zu tun haben.
Dieses Buch ist so ein Geschenk!