aufmerksam, glaubhaft

Kurze philosophische Gedanken für zwischendurch

Stell dich deinen Ängsten.
Lass dich nicht von irgendwelchen Bedenken abhalten.
Verbünde dich mit dem Schrecken, denn wer weiß, wohin es dich führt.

„Jeder hat heimlich Kummer, den er zu verbergen versucht“, erwiderte Emily und starrte auf den Namen der Frau, die sie nur zu gut kannte.

„Vergiss nicht“, sagte er mit einem Kuss auf jede Wange und noch einem per la fortuna, „wenn du nichts an dich heranlässt, stehst du am Ende mit leeren Händen da.“

Es waren die Menschen, die Catriona geprägt hatten, sie zu der Frau gemacht hatten, die sie wurde.
Jede zwischenmenschliche Interaktion, so geringfügig sie auch sein mag, hat einen Einfluss darauf, wer man wird.
Jedes Gespräch, jede Enttäuschung, jede Berührung verquicken sich zu einem Kuddelmuddel, das wir Leben nennen.

alle Zitate aus: „Alles Glück da draußen“ von Katherine Slee

 

aufmerksam, glaubhaft

Buchempfehlung: „Lieber Matz, dein Papa hat ’ne Meise – Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie“ von Sebastian Schlösser

Am Wochenende war ich endlich wieder in der Bücherhalle, um meine längst versiegte heimische Bücherquelle wieder aufzufüllen. Nachdem ich die letzten beiden Tagen ein unendlich mittelmäßiges Buch gelesen habe, während dessen Lektüre ich statt der Handlung zu folgen permanent grübelte, welcher Verlag derart langweiligen, schlecht geschriebenen spätpubertierenden Schmonzes veröffentlicht, bin ich nun umso angetaner von dem aktuellen Buch:
Es nennt sich „Lieber Matz, dein Papa hat ’ne Meise – Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie“ von Sebastian Schlösser und ist so authentisch und mitreißend, dass ich es rezensiere, bevor ich es zu Ende gelesen habe. Das tue ich normalerweise nicht.
Es ist autobiografisch und beschreibt in Form von Briefen, wie der junge Theaterregisseur Sebastian Schlösser als talentierte Hoffnung am Theaterhimmel gesehen wird (oder sich als solche sieht) und in Form einer manischen Episode, die sich über viele Monate erstreckt, über das eigene Leben hinaus schießt. Er erzählt sachlich, aber in engem Kontakt zum eigenen Erleben seine manische Empfindungswelt und wie aus Kreativität „Wahnsinn“ wurde. Ebenfalls stellt er den Alltag in der Klinik dar und die Unsicherheit, wenn es um die Zeit danach geht – einerseits fühlt er sich „viel weniger bescheuert als die anderen hier“, andererseits befürchtet er, dass aufgrund seines abrupten Ausscheidens Gerüchte unterwegs sind und er vielleicht in der Theaterbranche nicht zurück erwartet wird. Sehr anrührend dabei ist die Perspektive auf den Sohn – die Kapitel beginnen mit „Lieber Matz,“ und enden mit „Papa“, der Inhalt der Briefe ist teils kindgerecht, teils für einen Jungen im Grundschulalter zu komplex. Durch Abschweifen und Gedankensprünge wirken die Briefe sehr realistisch.

Dafür, dass ich das Buch aus der Rubrik „Neue Bücher“ aus reiner Neugier gegriffen und mitgenommen habe, ist es ein echter Lesegenuss. Gleichzeitig beschreibt der Autor seine Innenwelt so real, dass ich nicht viel am Stück darin lesen kann – nach ein paar Kapiteln reicht’s, damit meine Nerven die Lektüre unbeschadet überstehen.

aufmerksam, glaubhaft

Danke für die schöne Zeit

 

Gestern erfuhr ich im Gottesdienst, dass ein älterer Herr gestorben ist, der schon lange krank war. Wenn er mit seiner Frau nach Krankenhaus-Aufenthalten und Zeiten des Rückzugs wieder im Gottesdienst war, überraschte er mich jedes Mal mit einer ungebrochenen Lebensfreude:
Er freute sich, im Gottesdienst zu sein. Er freute sich, angesprochen und begrüßt zu werden.
Er freute sich, mich zu sehen, auch wenn wir uns genau genommen nicht gut kannten.
Diese Freude, dabei sein zu können, war ansteckend und bereicherte die Gemeinschaft.
Zu sehen, wie gern er in die Kirche kam, auch wenn es nur selten passierte, ließ auch mir die Gemeinde umso wertvoller erscheinen.
So schrieb ich eben seiner Frau einen Brief und legte eine Karte mit folgendem Spruch bei:

Danke für die schöne Zeit!

Ich hoffe, sie versteht die Zeile trotz des unmittelbaren Eindrucks von Krankheit und Tod – denn genau daran denke ich, wenn ich an P. denke: Das Paradox zwischen langer Krankheit und unübersehbarer Lebensfreude und Dankbarkeit.
Ich hoffe, dass ich als Außenstehende die Situation der Witwe richtig einschätze und sie in das „Danke!“ einstimmen kann.

 

Das Bild entstand beim Ratzeburger Dom und zeigt eine Plastik von Ernst Barlach