aufmerksam

Statt Meditation: Durch den Wald streifen und Beeren sammeln

Oberflächlich entspannen können wir alle gut:
Mit rumdaddeln, Buch lesen, Gassi gehen, online Shopping….
Aber wirkliche Entspannung, die Kopf und Herz erreicht, ist das meist nicht – eher oberflächliche Ablenkung.
Die Japaner erfanden „Shinrinyoku“, das Waldbaden. Genau genommen ist es einfach spazieren gehen, klingt aber viel trendiger.

Wer Spaziergänge auch unter dem kosmopolitischen Motto „Shinrinyoku“ beknackt findet, kann sich vielleicht zum Beeren sammeln motivieren:
Das klingt gleich viel produktiver und führt dennoch zu deutlicher Entschleunigung.
Zumindest nach einiger Zeit, wenn die vielen Gedanken in unserem Inneren endlich langsamer kreisen und irgendwann ganz zur Ruhe kommen. Wenn wir nicht mehr möglichst schnell und effektiv pflücken, sondern wirklich aus Spaß am Beerensammeln. Wenn wir zunehmend offen werden für Gerüche und Geräusche um uns und immer weniger an Zecken denken, die vielleicht gerade JETZT in unsere Kniekehle beißen.

Ganz nebenbei stellen wir fest, dass manche Landschaften im guten, alten Deutschland deutliche Einschläge von Skandinavien oder Schottland aufweisen. Und es auch im Corona-Jahr 2020 ganz zauberhafte Ecken in der Nähe unseres Zuhauses gibt, an denen wir uns ganz weit weg fühlen.
Wenn wir dann am nächsten Morgen Blaubeeren mit Naturjoghurt löffeln, kommt der Urlaub fast nach Hause.
Fast.
Und wir finden hoffentlich bald wieder den Weg in den Wald…

aufmerksam

Ausprobiert: BrainWalking in Hamburger Parks

Vor Kurzem nahm ich an einem „Brain-Walk“ im Hamburger Stadtpark teil. Im Gehen absolvierte eine große Gruppe von Interessierten vielfältige Übungen: Für Koordination und eine schnelle Reaktionszeit, Kopfrechen-Übungen und Aufgaben zum Buchstabieren. Aber auch das Herstellen von Zusammenhang, um Begriffe abzuspeichern und diese Begriffe anschließend zu einem Lösungswort zu sortieren. Wir ertasteten, schnupperten und schmeckten Kräuter aus dem Garten der Kursleitung Frau Probst.
Spiele zum blinden Ertasten und Kombinieren trainierten die Feinmotorik und sollten die Durchblutung im Hirn anregen. Die Gruppe war trotz der Größe ein fröhlicher Haufen Neugieriger, die sich in lockerer Formation durch den Stadtpark bewegte und fröhliche Momente erlebte. Dabei waren wir über 90 Minuten unterwegs, man sollte also über die veranschlagte Stunde hinaus genügend Zeit mitbringen.

Die nächsten Termine in Hamburg, Frau Probst bittet um Anmeldung:

Brainwalking / Erlebnisspaziergang Stadtpark Norderstedt
Sonntag, 8. September 2019
Um 11 Uhr (Dauer: ca. 60 Minuten)
Treffpunkt: Haupteingang Stadtpark
(Bus 393 oder 293 bis Haltestelle Stadtpark)

Brainwalking / Erlebnisspaziergang im Hirschpark
Sonntag, 27. Oktober 2019
Um  11 Uhr (Dauer: ca. 60 Minuten)
Treffpunkt: Hirschpark, vor dem Café Witthüs
(von der S-Bahn Blankenese: ca.15 Minuten Fußweg)

aufmerksam, glaubhaft, kreativ

Waldbaden / Erlebnisspaziergang im Wald: Anleitung


Gestern besuchten wir eine Naturführung durch den Wald vom NABU, leider war es für uns ein ausgesprochen zweifelhaftes Vergnügen: Die Dame hatte mehr Interesse am „göttlichen Atom in unserem Wesenskern“ und diversen esoterischen Meditationen als daran, uns den Wald als Ökosystem nahezubringen. Lektion gelernt: Nächstes Mal gehen wir direkt, wenn sich schamanische Rituale am Horizont ankündigen, statt darauf zu hoffen, dass es noch ein objektiv sinnvolles Programm gibt.
Aber wie es so ist: Wenn ich eine Veranstaltung besuche, die mir nicht gefällt, entwickle ich automatisch mein eigenes Programm, wie ich es stattdessen anleiten würde. Für alle, die eine Anleitung für einen achtsamen Waldspaziergang oder Ideen für´s Waldbaden suchen: Hier werdet ihr ohne Spökenkram fündig. Und diejenigen, die mit einer kirchlichen Gruppe unterwegs sind, erhalten am Ende des Artikels ein Gebet von mir, das statt esoterischer Meditationen den Blick auf Gott als Schöpfer des Waldes richtet.

Schweigend erleben wir mehr:
Wer während des Waldspaziergangs konsequent schweigt, gibt sich selbst und allen anderen in der Gruppe die Möglichkeit, sich mit allen Sinnen auf den Wald einzulassen. Meine SeniorInnen schnacken während unserer Erlebnistouren ständig, was dazu führt, dass sie einerseits einem Großteil der Eindrücke gar keine Chance geben, wahrgenommen zu werden, und zweitens muss ich immer laut rufen, wenn ich die nächste Aktivität ansage. So weit so anstrengend. Aber: Nur wer sich willentlich entschließt, die Natur ganzheitlich zu erleben, lässt sich auf das Schweigen ein. Daher helfen ein paar ermutigende Worte, sich auf den Wald wirklich umfassend einzulassen, am Beginn des Spaziergangs.

Wir lauschen:
Wen hören wir?
Menschliche Geräusche (Schritte, reden, atmen), technische (Autos, Flugzeuge), tierische (Vögel, Hunde, Insekten), pflanzliche (Blätter im Wind, Laub auf dem Weg rascheln, Äste knacken)?
Was hören wir im Vordergrund, was im Hintergrund?
Vordergründig vielleicht die eigenen Schritte, im Hintergrund das Rauschen der Baumwipfel.
Aus welcher Richtung kommen die Geräusche?
Selten rauschen alle Bäume gleichzeitig und gleich stark, meist fährt der Wind besonders in einige Wipfel.

Wir schauen:
– Wie sind die Lichtverhältnisse heute?
Schaut die Sonne hinter Wolken hervor und versteckt sich wieder, filtern Blätter das Licht, gibt es ein gewittriges Zwielicht?
– Welche Bäume stehen um uns?
Kennen wir ihre Namen, können wir ihr Alter und ihren Gesundheitszustand schätzen?
– Sind Tiere zu entdecken?
Am Boden, in den Bäumen, in der Luft?

Wir schnuppern:
– Wie riecht es heute? Und woher stammen die Gerüche?

Wir fühlen:
– Wir streichen im Vorbeigehen an Blättern entlang, legen die Hände auf die Rinde eines Baums und vergleichen sie mit der Rinde eines anderen Baums (am besten mit geschlossenen Augen). Wir sammeln bunte Blätter oder glitzernde Steine.

Wir schmecken:
– Gibt es Himbeeren, Brombeeren oder Blaubeeren? Wasserminze? Bucheckern oder Nüsse?

Achtsamkeitsübung:
Wir suchen uns in einem Waldstück jedeR einen Baum, zu dem wir uns setzen. Dazu wählen wir einen wenig begangenen Weg aus, um möglichst ungestört zu sein, und gehen nur ein Stück in den Wald hinein, um die Tiere so wenig wie möglich aufzuschrecken. Die Leitung erklärt, mit welchem Signal später die Achtsamkeitsübung beendet wird: Ein selbstproduzierter Rabenschrei, ein Pfeifen mit einer Vogelpfeife, was auch immer. Jedenfalls kein „So! Wir kommen alle wieder zusammen!“ als plötzliches Gebrüll.
Alle suchen sich ein Plätzchen, das ihnen zusagt. Wer mag, setzt sich dazu auf ein Thermokissen oder auf eine Jacke, wenn die Temperaturen eher niedrig sind.
Dann verharren alle 10 – 15 Minuten in der Stille. Wir versuchen, aufsteigende Gedanken an den Alltag oder Sorgen unkommentiert vorbei ziehen zu lassen. Stattdessen konzentrieren wir uns bewusst auf die Sinneseindrücke und schauen uns rund um unser Plätzchen aufmerksam um. Wir können auch die Augen schließen und uns an den Baumstamm lehnen. Wer mag, achtet auf einen ruhigen Atemfluss.
Die Leitung kann auch vorab einen Bibelvers teilen, der Gott als Schöpfer preist oder einen ähnlichen Anstoß geben, den alle in Ruhe überdenken können. Beispielsweise „Slow down and taste life, give thanks and see God.“ Ann Voskamp (Komm zur Ruhe und schmecke das Leben, teile deinen Dank und schau auf Gott)

Gebet
Nach der Aufmerksamkeitsübung liest die Leitung das folgende Gebet vor oder dankt Gott in eigenen Worten für seine Schöpfung:

„Gott, wir danken dir für den Wald rund um uns. Viel zu selten nehmen wir wahr, wie du uns durch deine Schöpfung beschenkst. Hier im Wald spüren wir, wie gut es tut, einmal innezuhalten. Die Bäume spenden uns frischen Sauerstoff, das Rauschen der Blätter entspannt uns. Die Lieder der Vögel schenken uns ein Lächeln, wir fühlen uns ganz weit weg vom Alltag. Wir entdecken, dass du für alle sorgst: Für die jungen Sprösslinge, die gerade erst zaghaft aus der Erde schauen. Die schmächtigen Jungbäume, die Nahrung im Boden finden, weil ihn kleinste Lebewesen aus zersetzten Blättern immer wieder neu bilden. Die riesigen alten Bäume, die jedem Sturm trotzen und allen Tieren Schatten und Schutz spenden. Und selbst aus toten Baumstümpfen sprießt neues Leben – wie ermutigend!
So, wie du alle hier im Ökosystem versorgst, so versorgst du auch uns. Du begleitest uns, führst uns, bewahrst uns, gehst mit uns durch Trockenzeiten und wenn uns das Wasser bis zum Hals steht.
Und viel zu oft halten wir dich für selbstverständlich oder strafen dich mit Nichtbeachtung, so wie die Natur, die uns gedanklich oft weit weg erscheint. Bitte hilf uns, bewusst deine lebenspendende Kraft in den Mittelpunkt zu stellen. Hilf uns, dich und deine Maßstäbe im Blick zu haben, statt in Stress und Konsum abzutauchen. Hilf uns, achtsam mit uns und unseren Mitmenschen zu sein: Das Bedürfnis nach Stille wertzuschätzen, statt es lächerlich zu machen. Einander mit Geduld zu begegnen, statt alles sofort beantwortet und erledigt haben zu wollen. Den anderen Raum zu geben, statt sie an unseren Ansprüchen zu messen.
Danke für deine Begleitung, danke für deine Weisheit, danke für die tägliche neue Kraft aus dem Heiligen Geist.
Bitte komm mit uns, wenn wir wieder aufbrechen. Amen“

© Marie Krüerke

Und das passende Lied dazu, hier auf deutsch:

„Who is moving on the waters
Who is holding up the moon
Who is peeling back the darkness
With the burning light of noon
Who is standing on the mountains
Who is on the earth below
Who is bigger than the heavens and the lover of my soul

Creator God, He is Yahweh
The Great I am, He is Yahweh
The Lord of All, He is Yahweh
Rose of Sharon, He is Yahweh
The Righteous Son, He is Yahweh
The Three-in-one, He is Yahweh

Who is He that makes me happy
Who is He that gives me peace
Who is He that brings me comfort
And turns the bitter into sweet
Who is stirring up my passion
Who is rising up in me
Who is filling up my hunger, with everything I need.

You are holy and eternal
And forever You will reign
Every knee will bow before You
Every tongue will confess Your name
All the angels give You glory
As they stand before Your throne
And here on Earth we gather
To declare Your name alone.“

Vineyard

aufmerksam

Zecken und Schamodder: Wildnispädagogik ausprobiert

Und Zeckengift wirkt doch! Nur, um das vorab festzuhalten, und das Argument „Mückenspray hilft denen, die dran glauben“ zu entkräften. Obwohl ich grundsätzlich das beliebteste Opfer von stechenden Insekten aller Art bin, konnte mein Mann beim abendlichen Absuchen kein einziges Mistvieh entdecken, und das, obwohl die Biester den ganzen Tag auf uns herum gekrabbelt waren.
Nachdem wir diesen lebenswichtigen Punkt geklärt haben, können wir zum Unterhaltsamen übergehen:
In der Fischbeker Heide hatte ich einen sehr spannenden Tag unter dem Motto „Fortbildung Wildnispädagogik“. Da ich mir ständig neue Veranstaltungen für die SeniorInnen ausdenke, ist mein neuster Plan, nächste Woche eine Spaziergangsgruppe der besonderen Art zu eröffnen: Wir werden auf der Wiese turnen, unsere Wahrnehmung schärfen, wilde Kräuter essen und seltsame Fundstücke sammeln. Da kam mir die Veranstaltung des NABU gerade recht, um neben meinen eigenen Einfällen das konzentrierte Wissen der Profis einfließen zu lassen.
Wie viel ich tatsächlich gelernt habe, weiß ich nicht, aber es war ein wunderbares Erlebnis. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal eine Hütte aus Stöckern im Wald gebaut habe. Mit einem Feuerstein eine Flamme entfacht habe ich definitiv noch nie. Oben ist die Hütte meiner Gruppe zu sehen, ich taufte sie „das chaotische Monster“. Sie ist ein hässliches Ungetüm, dafür können SeniorInnen barrierefrei mit ihrem Rollator hineinfahren, so hoch ist der tragende Ast. Eine Familie mit fünf Personen kann auch darin übernachten. Es zieht zwar und regnet rein, aber Platz ist jede Menge.

Währenddessen bauten die Streberinnen nebenan eine super ordentliche Höhle, die kriechend auf dem Bauch betreten und verlassen wird. Dafür ist sie garantiert bis 11 Beaufort sturmfest. Man muss halt wissen, was man will… 😉 Und ich bin im Wald offensichtlich die chaotische, ausgesprochen nachlässige Variante meines üblichen Selbst. Auch schön zu erleben…

Extrem nach Rauch stinkend und mittel-verdreckt kam ich wieder zu Hause an und erzählte meinem Mann, dass ich ihn nächstest Mal unbedingt dabei haben will.
Eine Ehe überlebt ja nicht von allein, genauso wenig wie ein moderner Mensch in der Wildnis. Ehetraining und Überlebenstraining lassen sich doch ideal kombinieren, das festigt das Vertrauen in einander und schafft anhaltende Erinnerungen… Das sollte ich mal als Konzept vermarkten! Jetzt, wo mein Fachbuch über die ganzheitliche Atemgymnastik mit SeniorInnen endlich auf dem Markt ist, brauche ich dringend ein neues Projekt 😉

aufmerksam, glaubhaft, kreativ

Der Tod heute in knallbunt

Andacht und Ruhe sind die ersten Assoziationen, wenn wir an den größten Parkfriedhof der Welt in Hamburg-Ohlsdorf denken.
Lifemusik von den Beatles, Bratwürste und Kunst mischten dieses Wochenende die letzte Ruhestätte auf.

Gartenglasfantasien von Anne Dahms

Das Projekt „Ohlsdorf 2050“ soll aus dem Friedhof eine Oase des Naturerlebens und der Kultur gestalten. Viele Menschen lassen sich in Urnen beerdigen, sodass trotz des rasanten Stadtwachstums der vorhandene Raum neu genutzt werden möchte. Wenn die Hamburger Regierung weiterhin eiskalt alles zubaut und ehemals öffentliche Flächen mit Massentiermenschhaltung bestückt, wird der Parkfriedhof irgendwann das letzte Stück lebenswerten Grüns sein.

Holzskulpturen von Hans-Ulrich Kittelmann

Umso sinnvoller ist es, rechtzeitig und im Dialog mit den Menschen der umliegenden Stadtteile nach einer lebenswerten und nachhaltigen Nutzung des Geländes zu suchen.
Im Garten der Frauen wurde heute an Wegbereiterinnen des Wahlrechts und der Gleichberechtigung erinnert, und Musik weiblicher Komponistinnen erklang zur Rhododendronblüte. Unter uralten Buchen wurden irritierende Szenen gefilmt, während nebenan die KünstlerInnen sich gegenseitig in ihren Pavillons besuchten. Ehemalige Nachbarn trafen sich zu einem überraschenden Wiedersehen, sodass viele Begegnungen entstanden.

Acrylbilder von Regina Meier

Nun bin ich gespannt, wie viel täglich genutzter Lebensraum sich für die HamburgerInnen tatsächlich entwickelt oder ob das Projekt noch langfristig im Planungsstadium bleibt, das nur bei einzelnen Anlässen erlebbar wird.

Nashorn von Horst Stockdreher

Leben und Sterben miteinander in Kontakt treten zu lassen und Tabus abzubauen, ermöglicht einen ganzheitlichen Blick auf den Moment. Den Friedhof jenseits von persönlichen „Trauerfällen“ (schreckliches Wort) einladend zu gestalten und positiv erlebbar zu machen, ist ein lohnendes Ziel.
Ich bin sehr gespannt, was sich nach diesem Auftakt in und um den Parkfriedhof entwickelt.

Fischfrauen von Susanne Osterhus