Atemfreude, aufmerksam

Die Druckfahnen meines Buchs sind da!

Nachdem ich auf Wunsch des Verlags das Manuskript meines Fachbuchs über die „Atemfreude“ bereits drastisch von 300 Seiten herunter kürzte, kamen jetzt die Druckfahnen an. Und ich durfte noch weiter kürzen… Gern würde ich zeigen, wie gut die Druckfahnen schon aussehen, aber das geht vor der Veröffentlichung natürlich nicht. Über das Wochenende werde ich alle Druckfahnen noch einmal genaustens durchlesen, nachdem ich bereits die „groben Arbeiten“ erledigt und an den Cheflektor geschickt habe. Schließlich sollen sich keine Flüchtigkeits- und Tippfehler einschleichen. Und dann bin ich froh, wenn ich dieses intensive Projekt endlich gedruckt in den Händen halte!

Erstmal gönne ich mir ein Päuschen…

Atemfreude, aufmerksam

Illustrationen für mein Fachbuch gesucht: Wer verkauft mir hübsche Lungen?

Wunderbar, ein paar Tage frei zu haben und sie in diversen Bibliotheken zu verbringen 😕 !
Während draußen herrlichstes Wetter herrscht und Mitte Oktober alle im T-Shirt herum laufen, grabe ich mich unter Neonlicht durch die Zentrale Ärztebibliothek des Universitätsklinikums oder laufe treppauf und treppab durch die Zentralbibliothek am Hamburger Hauptbahnhof. Immer auf der Suche nach anatomischen und physiologischen Zeichnungen für mein Fachbuch „Atemfreude“, die eine potentielle Leserin mit Hauptschulabschluss verstehen kann. Bevor mein Konzept zur ganzheitlichen Atemgymnastik mit SeniorInnen umgesetzt werden kann, sollen die Pädagoginnen und Pflegerinnen schließlich wissen, mit welchen Organen wir arbeiten. Gar nicht so einfach…
Die meisten Zeichnung legen andere Schwerpunkte, als ich brauche (wen interessiert schon die Innervation der Lunge?) oder sind aus so seltsamen Blickwinkeln dargestellt, dass eine Altenpflegerin sie nicht entziffern kann. Das habe ich mir einfacher vorgestellt.
Bis auf eine klare, stark vereinfachte Zeichnung der oberen Atemwege habe ich jetzt für alle Organe eine vernünftige Lösung. Zusammengefasst schickte ich sie an meine Lektorin, die dann mit den Verlagen verhandelt, zu welchen Bedingungen die Bilder in meinem Buch verwendet werden dürfen.

Atemfreude, aufmerksam

Warum europäische Adelsfamilien den Alltag mit Seniorinnen erleichtern

Ein Small-Talk-Profi zu sein hilft allen, die täglich mit SeniorInnen arbeiten. Bekanntermaßen stehen in Senioren-Residenzen alle drei Meter Sitzecken mit Sesseln, in denen die BewohnerInnen eine Pause zwischen den Etappen ihres Wegs bis ins Appartement einlegen können. Viele setzen sich auch absichtlich auf besonders frequentierte Flure, in der Hoffnung, dass vorbei eilende Pflegerinnen, Putzfrauen und Pädagoginnen innehalten und einen fröhlichen Schnack anfangen. Wer fünf Mal am Tag an den gleichen Damen und Herren vorbei sprintet, verknappt den Gruß ab dem zweiten Mal erheblich. Dennoch ist hochwertiges Small-Talk-Material Gold wert, auch wenn alle gern über das Wetter und den Blutdruck sprechen. Insofern bin ich den europäischen Adelshäusern sehr dankbar, wenn sie heiraten, gebären und taufen. Selten können wir uns, jenseits von Beschwerden über das Mittagessen und fehlenden Besuch der Verwandtschaft, so harmonisch und ausführlich austauschen! Sich aus Adelskreisen heraus scheiden zu lassen oder zu sterben zählt als gesprächsfördernde Maßnahme leider nicht.

Da mein Konzept „Atemfreude“ jedes Mal ein einzigartiges Erlebnis im Rahmen einer moderierten Geschichte verspricht, bange ich gelegentlich um ausreichend Inspirationen. In jeder Stunde aktivieren wir den Körper von Kopf bis Fuß, dabei entstehen die Bewegungen aus meiner Erzählung. Auch die Atemübungen, die indirekt durch Gymnastik oder direkt mit Anleitung erfolgen, müssen abwechslungsreich und motivierend sein. Bei jeder Gruppenstunde einen ganzheitlichen und für alle schaffbaren Mix aus Übungen, biografischen Momenten und fröhlichen Liedern zu gestalten, ist anstrengend genug. Eine zugrunde liegende Geschichte zu erfinden, die aus der Lebenswelt der hochaltrigen Personen stammt und jedes Mal ganz anders ist als die Wochen und Monate zuvor, bleibt meine Herausforderung. Dabei bat ich die SeniorInnen bereits, mir Wünsche und Ideen zu nennen, die ich mit Übungen füllen und zu einem Stundenentwurf verarbeiten kann. Sie überschlugen sich in Respekt dafür, wie viele gute neue Ideen ich jedes Mal zu einem Gruppenerlebnis verbinde, hatten aber keine Vorschläge für neue Themen…
Umso dankbarer war ich für die medienwirksamen Hochzeitsvorbereitungen von Prinz Harry mit Meghan Markle. Schon vor einem halben Jahr hatte ich über eine Atemfreude mit dem Motto „Hochzeit“ nachgedacht, es aber nie umgesetzt. Die britischen Royals gaben den Ausschlag: Heiraten (spielen) wollen wir!

Jetzt nahm ich die Herausforderung an und gestaltete eine imaginäre Hochzeit im Gymnastiksaal:
Wir knicksten vor der Braut und trainierten neben den Fuß- und Kniegelenken parallel die Balance. Wir spielten enthusiastisch den Hochzeitsmarsch mit kraftstrotzenden Armen und flinken Fingern auf der imaginären Orgel und summten dabei. Wir streuten mit weiten Armbewegungen Blumen, schnupperten am Brautstrauß, begleiteten mit Pferdegetrappel (mundmotorische Übung) die Kutschfahrt und tröteten lautstark mit der Kapelle in die Trompeten.
Das Bühnenbild bestand aus „hingeworfenen Rosenblüten“ (Stoff als Unterlage), sehr eleganten grün-goldenen Tellern aus dem Geschirrschrank der Queen und opulenten Tüllblumen mit Glitzersteinen. Ein Strauß aus Kunstblumen in der Mitte schafft Höhe und sorgt für einen dreidimensionalen Blickfang. Jedes Mal habe ich nur fünf Minuten Zeit, zwischen dem vorhergehenden Angebot und der Atemfreude das Bühnenbild aufzubauen, das Therapiematerial unsichtbar und griffbereit zu verstauen, alle Ankommenden im Stuhlkreis anzuordnen und meinen Ablauf sichtbar zu platzieren. An diesem sonnigen Vormittag im Mai waren wir statt der üblichen 30 Personen nur 22, sodass alle deutlich mehr Spielraum hatten als sonst. Nicht, dass wir beim Reis werfen einander noch blaue Augen zufügen…

Atemfreude, aufmerksam, glaubhaft

Einatmen, ausatmen – Atempause?

„Den Puls des eigenen Herzens fühlen.
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen, das ist es.“

Christian Morgenstern

Mich durch Fachliteratur in der Zentralbibliothek zu wühlen, motiviert mich immer wieder zu neuen Ideen für mein Konzept „Atemfreude“. Jede Stunde hat ein eigenes Thema, das die Übungen und den Verlauf des Kurses bestimmt. Diese Woche waren wir gedanklich und pantomimisch auf dem Spielplatz aktiv: Selbst körperlich stark eingeschränkte SeniorInnen führten Bewegungen aus, die dem Rutschen, Klettern, Schaukeln und Turnen nachempfunden waren. Da ich jedes Mal den kompletten Stundeninhalt anhand eines gemeinsamen Erlebnisses, das ich während der Übungen moderiere, entwerfen muss, werden zwangsläufig die Ideen für Übungen knapp. Umso mehr, wenn klassische Atemübungen zu 70% unbrauchbar sind, weil sie für fitte Personen entwickelt wurden.
So kümmerte ich mich an einem freien Tag um die Lektüre der neuen Fachbücher und stolperte wieder einmal über die Dreiteilung des Atems: Laut Barbara Lutz dauere die Ausatmung eineinhalbmal so lang wie die Einatmung und die Atemruhepause sei halb so lang wie die Einatmung. Dabei erlebe ich bei mir im Alltag nur selten die Atempause zwischen dem Ausatmen und der erneuten Einatmung. Auch die SeniorInnen muss ich eher bremsen, wenn sie besonders tief und effektvoll in den Atemübungen schnaufen, dass sie mir nicht hyperventilieren. Eine Atmung, die so ruhig und „innerlich“ verläuft, dass sich eine Atempause ergibt, entdecke ich seltenst bei mir und anderen.
Bis ich vorgestern auf dem Sofa saß und betete und dabei tatsächlich einen Zustand tiefer Ruhe und innerer Sammlung erfuhr. Damit meine ich nicht mein „Zack-zack-anderthalb-Minuten-Gebet beim Frühstück“, bei dem ich für alle Menschen bete, die mir im Laufe des Tages begegnen. Auch nicht das typische Stoßgebet, wenn es nicht so läuft, wie ich es will (ähem). Sondern ein Versinken im Moment, der sich ausdehnt. Ein aus-der-Zeit-fallen, wie ich es jenseits geführter Gebetszeiten und Meditationen nur selten erlebe. Während ich mich wie auf einer Welle aus dem Alltag fortgetragen fühlte, bemerkte ich auf einmal, dass ich in diesem Zustand tatsächlich eine ausgedehnte Atempause habe und mein Atem insgesamt viel leichter passierte.

Natürlich ist es gut und sinnvoll, den Atem zu beobachten und sich damit im Hier und Jetzt zu verankern. Genauso sinnvoll, wie den Atem absichtlich zu vertiefen und mit einer bewusst verlängerten Ausatmung nicht nur verbrauchte Luft loszuwerden, sondern im übergeordneten Sinn auch alles Hemmende und Negative abzugeben.
Aber oft habe ich bei den SeniorInnen und mir den Eindruck, dass wir eine hektische Aktivität gegen die andere tauschen: Statt durch den Alltag zu hasten und den Atem nicht zu spüren, scheuchen wir die Atembewegung so kräftig hinein und hinaus, dass es nur eine verlagerte Form der Anstrengung ist.

In diesem Sinne noch einmal zum Wirken-lassen:

„Den Puls des eigenen Herzens fühlen.
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen, das ist es.“

Christian Morgenstern

Atemfreude, aufmerksam

Ameisenpopos und textilfreies Baden: Ein ganz normaler Vormittag mit „Atemfreude“

Als Logopädin habe ich früher regelmäßig die besten Kindersprüche gesammelt und hier veröffentlicht (wen es interessiert: Unter dem Suchbegriff „Kindermund“ müssten sie alle zu finden sein). SeniorInnen sind im Alltag nicht ganz so lustig wie Kinder und wenn, dann verbietet es der Respekt, darüber zu lachen. Finde ich. Aber manchmal, manchmal muss ich die dollsten Sprüche doch notieren…

Kursangebot „Atemfreude“ im Gymnastiksaal.
Zum ersten Mal konfrontierte ich die SeniorInnen mit einem „Atemschriftzeichen“, dazu benutzten wir die liegende Acht und sprachen das Gedicht „Die Ameisen“ von Ringelnatz. Auf einem Blatt im Querformat hatte ich links oben das Gedicht abgedruckt (mindestens in Schriftgröße 14, wie immer), rechts oben mit dem Kugelschreiber schnell zwei Ameisen gezeichnet und die Mitte des Zettels füllte die große, liegende Acht. Dafür, dass die SeniorInnen sehr skeptisch Neuerungen gegenüber sind und keinerlei Toleranz für „Spökenkram“ (norddeutsch für esoterischen Mist) haben, waren sie überraschend begeistert dabei. Und ich mal wieder stolz, sie aus der Komfortzone geholt und neuen Schwung verbreitet zu haben.
Nach der Stunde räumte ich wie immer das „Bühnenbild“ in der Mitte des Stuhlkreises sowie alle Materialien ein. Da kam Herr Jensen (Name geändert) auf mich zu:
„Frau Krüerke, so sieht aber keine Ameise aus,“ und zeigte auf meine schnelle Skizze. „Am Steert (norddeutsch für Schwanz) hat sie keine Beine!“ Er schaute mich strafend bis amüsiert an: „Das weiß ein alter Gärtner wie ich!“

Eine Woche später. Das heutige Thema der „Atemfreude“ war die Reise auf eine Südsee-Insel. Wer wollte, konnte sich auch die Nordsee oder das Mittelmeer vorstellen, ganz nach eigenen Vorlieben. Wie immer hatten wir eine Menge Spaß und die philosophische Frage am Ende, die ich immer auf Karten austeile, fand großen Anklang: „Nachdem wir auf der Insel nach einem Schatz gesucht haben: Wer ist Ihr Schatz? Weiß die Person, dass Sie sie wertschätzen?“
Das Bühnenbild bestand aus Palmwedeln, Papageien und einem riesigen Sonnenhut, und während ich es zusammenräumte, schlich sich wieder Herr Jensen an. „Frau Krüerke…..“ „Ja?“ „Haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich eben beim Baden keine Badehose anhatte?“ Ich schaute kariert. Er: „Naja, das kann man unter Wasser ja nicht so erkennen, nä…?!“ und blickte mich lauernd an.
Hilfe, jetzt muss ich auch noch aufpassen, dass wir uns gedanklich während der Fantasiereise nicht entkleiden!

Gleicher Tag, inzwischen ist es Nachmittag. Ich ging mit einer Bewohnerin über den Flur. Uns kam eine ältere Dame mit einer sehr alten Dame im Rollstuhl entgegen. Ich grüßte und fragte die schiebende Dame, ob sie hier als Ehrenamtlich unterwegs sei, da ich sie noch nicht kannte. Nein, sie habe einen Mini-Job. Daraufhin stellte ich mich vor (wo wir gerade dabei waren), und sie schaute mich völlig perplex an: „SIE sind Frau Krüerke???“ Ich: „Ja, ich bin Frau Krüerke. Steht auch auf meinem Namensschild (zeige es ihr).“ Die Dame: „Wirklich? Sie sind Frau Krüerke?“ und sah mich intensiv an. So langsam war ich doch irritiert: „Ja, wieso?“ „Ach, Frau Herbst (Name geändert) schwärmt immer so von Ihnen und der Atemfreude!“
Im Nachhinein reimte ich mir zusammen, dass Frau Herbst wohl sehr regelmäßig ausführlich schwärmt und die Dame daraufhin das Bild einer sehr ausdrucksstarken, ausgesprochen weisen, überwältigend kreativen, insgesamt außergewöhnlichen Person vor Augen hatte. Und ich sah dort im Flur wohl viel jünger und viel normaler aus, als ihr inneres Bild erwartet hätte…

 

Atemfreude, aufmerksam

„Frau Krüerke, uns ist das Baby runtergefallen!“

Manche Tage habe es so richtig in sich: Noch bevor ich die Lobby durchquert und meine Chipkarte aufgeladen habe beginnen Dramen, Missverständnisse, Klagen, sinnlose Diskussionen und Beschwerden, ganz abgesehen von wildfremden Leuten, die plötzlich fälschlich im Büro stehen… Nichts davon hat mit mir zu tun, aber alles dringt in meine Ohren oder landet auf meinem Schreibtisch. Ich gebe mein Bestes, fange alles auf, biege alles glatt, halte meine Versprechen und Termine und bete am Ende des Tages um ein paar Meter frische Nerven. Für jetzt gleich. Und für morgen auch, bitte.
Manchmal habe ich Glück und einer dieser Tage ist gleichzeitig ein Tag, an dem meine „Atemfreude“ stattfindet. Das ist zwar auch stressig, weil innerhalb von drei Minuten der Stuhlkreis im gerade erst freigewordenen Saal stehen und das „Bühnenbild“ in dessen Mitte aufgebaut sein muss. Aber sobald die Letzten eingetrudelt sind und wir ein drittes Mal den Kreis erweitert haben, wird es meist sehr fröhlich. Diese Woche haben wir eine imaginäre Zugfahrt unternommen.
Hier die schönsten Beiträge meiner 26 TeilnehmerInnen:
„Wir können noch nicht losfahren, der Rollator steht noch auf dem Bahnsteig!“
Ich: „Gut, wir steigen mit einem groooßen Schritt aus, greifen hinter uns und wuchten den Rollator in den Zug. Mit einem laangen Schritt den Abstand zwischen Bahnsteig und Waggon überbrücken, die Treppenstufe hoch und den Rollator im Zug an den Rand schieben. Wir sehen hinter uns, dass dort eine junge Mutter mit ihrem Baby im Kinderwagen steht, ganz allein. Also gut, noch mal mit laaangen Beinen runter auf den Bahnsteig, den Kinderwagen packen, und mit einem groooßen Schritt in den Zug. Sind jetzt alle da? Dann können wir ja los.“
„Frau Krüerke, das Baby ist runtergefallen!“ (was ältere Herren für rabiate Fantasien haben…)
„Okay, schnell rausspringen, tiiief runterbeugen, das Baby schnappen, hoooch zur Mutter strecken und rein in die Bahn!“ Alle beugen und strecken sich, nehmen schnatternd Platz und warten gespannt auf den Beginn der Reise.
„Und wann kriegen wir das Proviant?“ (Nur, weil es letztes Mal Franzbrötchen für alle zum „Kausummen“ gab, heißt das nicht, dass mein Rucksack im Bühnenbild etwas Leckeres enthält…)
Eine Weile darf ich ungestört moderieren und die SeniorInnen durch die gedankliche Zugfahrt leiten. Nachdem wir eine Partnerübungen unter heftigem Rattern des Zugs hinter uns gebracht und lautstark alle Geräusche ausprobiert haben, die ein Zug fabrizieren kann, leite ich zu einer Gedankenreise über. Das hatte ich noch nie versucht, da ich genau weiß, welche Blicke mich dann durchbohren. Heute wagte ich es, weil es thematisch wunderbar passte, und vertraute auf das Wohlwollen der Teilnehmenden. Die Idee stammt aus dem Buch Stimme, Sprache, Lebensfreude” von Ulrike Pramendorfer, der Inhalt von mir. Ich bat alle, sich gemütlich zurückzulehnen und die Augen zu schließen:

Unsere Augen lächeln über das fantastische Panorama. (Stille) Draußen zieht eine Landschaft vorbei, die wir genießen. (Stille) Unsere Augen lächeln über die Schönheit der Natur. (Stille) Auch durch interessante Orte und Städte fahren wir und betrachten sie mit lächelnden Augen. (Stille)
Unsere Ohren lächeln über das gleichmäßige Rattern. (Stille) Das Rattern ist genau so laut, dass wir es hören können und angenehm finden. (Stille) Unsere Ohren lächeln über das einschläfernde Rattern. (Stille)
Unsere Nase lächelt über den Kaffeeduft im Abteil. (Stille) Oder der Duft von frischem Tee zieht zu uns herüber. (Stille) Oder wir lächeln mit der Nase, weil frische Waffel gebacken werden. (Stille)
Unser Mund lächelt über die leckeren Kekse und Salzbrezeln, die unser Proviant sind. (Stille) Oder wir genehmigen uns ein Stück Sahnetorte. (Stille) Aus ganzem Herzen lächelt unser Mund über den Genuss. (Stille)
Unser Rücken lächelt über das gemütliche Polster. (Stille) Wir lassen uns entspannt nach hinten sinken. (Stille) Unser Rücken lehnt sich an und lächelt über den Halt, den er findet. (Stille) Und auch nach unten lassen wir uns ganz tief in den Sitz sinken. (Stille) Wir geben unser Gewicht in das weiche Polster ab und unser Rücken lächelt über die Entlastung. (Stille)
Unsere Beine lächeln über die Entspannung. (Stille) Unsere Füße lassen los. (Stille) Wir lassen uns von dem Zug fahren und die Beine lächeln über die Pause. (Stille)
Unsere Arme lächeln über die bequemen Armlehnen. (Stille) Wir lassen sie im Schoß ruhen. (Stille) Unsere Arme lächeln, weil sie sich ausruhen dürfen. (Stille)
(Stille wirken lassen)
Und so ist unser Körper ein einziges, großes Lächeln.
(Stille)
Langsam rollt der Zug in einen Bahnhof und kommt zum Stehen. Wir kommen wieder im Raum an und öffnen langsam die Augen.

Zu Beginn mochten einige TeilnehmerInnen die Augen nicht schließen. Manche machten sie schnell zu, wenn ich in ihre Richtung schaute, in der Hoffnung, ich würde es nicht merken. Einige wirkten sehr skeptisch, aber zum Glück viel weniger, als befürchtet. Während der Gedankenreise kamen auch die zur Ruhe, die zu Beginn noch ablehnend wirkten. Und auch von denen, die die Augen offen ließen, gab es immer weniger. Am Ende der Moderation blieben ca. 30% der Anwesenden mit seligem Lächeln und völlig schlaffen Gliedern auf ihrem Stuhl und machten keinerlei Anstalten, die Augen zu öffnen. Während die Ersten böse auf die „Schlaffis“ schauten, moderierte ich weiter, um das Ende noch etwas deutlicher zu machen: „Der Zug rollt in einen Bahnhof und kommt langsam zum Stehen. Wir öffnen die Augen und kommen wieder im Raum an.“ Eine Dame, ganz abwesend und beglückt: „Mein Zug fährt immer weiter und ich mit!“ und blieb komplett entspannt mit geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl hängen. Fantastisch! Mit einem so durchschlagenden Erfolg einer sonst so verhassten Aufgabe habe ich nicht gerechnet!
Auch die obskure Aufgabe, mit der Nasenspitze fünf Ortsnamen zu schreiben, die wir auf der Zugfahrt passieren, machten erstaunlicher Weise alle mit. JedeR war gedanklich unterwegs auf einer Strecke, die sie früher gern gefahren sind, und lockerten durch die Kopfbewegungen indirekt sehr effektiv die Nackenmuskulatur.
„Frau Krüerke, was schreiben Sie denn?“
Ich war noch damit beschäftigt, den Blick durch die Runde schweifen zu lassen, um zu schauen, ob alle zurecht kamen. „Äh, Olso.“
„Ja ja, das ist auch ein besonders kurzes Wort, ne?!“
„Aber als nächstes schreibe ich Stockholm, das ist schon viel länger!“ Ich hätte nie gedacht, dass sich SeniorInnen wie Jugendliche mit mir kabbeln…
Sogar die Übung der „heißen Kartoffel“ bei unserem Besuch im Bordrestaurant wurde mit hängendem Kiefer und wilden Grimassen ganz ohne die üblichen Schamgefühle absolviert. Natürlich hagelte es Kommentare wie „Können wir nicht ausspucken?“ und „Haben wir keine Gabel, um sie wieder rauszuholen?“, aber niemand zweifelte am Sinn, eine imaginäre heiße Kartoffel im Mund zu balancieren. Spaß gehabt und Kiefer gelockert, was will man mehr!

Nach fröhlichen Liedern und kräftigem Applaus brachen wir wieder in den Alltag auf.
Bis ich zweieinhalb Stunden später während der zweiten Schicht des Mittagessens im Wintergarten darauf angesprochen wurde, dass wir immer noch nicht den Zug verlassen haben. Schließlich hatte ich nur gesagt, dass wir gedanklich in den Gymnastiksaal zurückkehren. Von aussteigen hatte ich nichts gesagt! Ich entschuldigte mich formvollendet für diesen faux pas und bestätigte, dass sich der Herr immer noch auf Reisen befindet. Er amüsierte sich königlich…

Atemfreude, aufmerksam, kreativ

Atemübungen mit dem ganzen Körper genießen

Meine „Atemfreude“ bewegen die ganze Person.
Zuerst, wenn die SeniorInnen in den Raum kommen und das „Bühnenbild“ in der Mitte des großen Stuhlkreises anschauen. Jede „Atemfreude“ ist eine interaktive Geschichte, die wir gemeinsam erleben. Das Bühnenbild weckt Neugier und Erwartungen. Es lädt zum Betrachten und Anfassen ein.
Als Einstieg in die Stunde begrüße ich alle und nenne das Thema. Dabei erläutere ich kurz, woraus das Bühnenbild besteht und warum. So habe ich bei einer „Atemfreude“ unter dem Motto „Wir richten ein Baby-Zimmer ein“ (klingt viel motivierender als „Heute bewegen wir unserer Körper mit diversen Übungen, die an´s Renovieren erinnern“) meine wahre und einzige Puppe Valentin mitgebracht. Im Anschluss hatte ich noch ein sehr anrührendes Gespräch mit einer alten Dame, die sich Valentin genau anschaute und mir davon erzählte, dass sie sich im Krieg von ihrer Käthe-Kruse-Puppe „Schlummerle“ trennen musste, damit ihre Eltern von dem Erlös auf dem Schwarzmarkt etwas zu Essen kaufen konnten.

Dann beginne ich, die Geschichte zu erzählen, so machen wir uns gemeinsam auf die Reise.  Mit ersten Übungen wärmen wir den Körper auf und lassen uns auf das erzählte Geschehen ein. Grundsätzlich wähle ich Themen, die in der Erinnerung alter Menschen gut bekannt und positiv besetzt sind:
Ein Tag auf dem Bauernhof (wie hier im Bühnenbild dargestellt), unterwegs mit der Fähre auf eine Insel, ein Besuch im Zirkus, ein Nachmittag am Badesee, ein herbstliches Erntefest, das gemeinsame Schmücken des Tannenbaums.
Diese Erlebnisse haben schon vor langer Zeit (das erste Mal) stattgefunden, waren also prägend und sind dadurch in der Erinnerung gut abzurufen. Von höchster Priorität ist die positive Erinnerung, damit die Geschichte ihre motivierende Wirkung entfaltet. Wer anhand meiner Moderation gedanklich in einen schönen Moment zurück reist, erlebt die angeleitete Bewegung von Innen heraus und damit intuitiv. Aus diesem Grund können auch demenziell erkrankte Personen dem Inhalt gut folgen.
Außerdem hilft die angenehme Erinnerung in den Momenten, wo die Bewegung mit Schmerzen verbunden ist: Wenn ich ein Training „hinter mich bringe, weil der Körper ja Bewegung braucht“, treten bei Schmerzen neben äußeren oft innere Widerstände auf. Wenn ich dagegen gedanklich einen Moment von Damals mit meiner längst verstorbenen Familie wieder erlebe, werden die Bewegungen flüssiger und der Schmerz tritt weniger auf oder in den Hintergrund.
Neben dem Anschauen und Berühren des Bühnebilds, dem Aktivieren alter Erinnerungen und dem Bewegen des ganzen Körpers kommt noch eine weitere Ebene während der „Atemreise“ zum Tragen: Die Wahrnehmung von sonst unbewusst ablaufenden Körperprozessen, in diesem Fall der Atmung. Alle Übungen fördern die vertiefte Atmung, auch wenn ich bei den ersten Übungen oft absichtlich nichts davon sage, um die Aufmerksamkeit nicht abzulenken. Im zweiten Drittel der Stunde verbinde ich in der Handlung die Bewegung mit der Atmung. Oft mit natürlichem Geschehen wie Schnauben, Seufzen, Pusten. Danach leite ich zu einer Atemwahrnehmung über, deren Ziel es ist, dass die Atembewegung im Körper in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Auch die Atemräume in Brust, Bauch und Flanken (Körperseiten) werden durch das Auflegen der Hände erspürt. Danach treten Übungen in den Vordergrund, in denen wir aktiv den Atem beeinflussen. Mundmotorische Aufgaben, weiterhin im Rahmen der erzählten Geschichte, und sanftes Summen und Brummen leiten dann zum letzten Teil der Stunde über: Wir singen bekannte Volkslieder mit fröhlichem (!) Inhalt. Plötzlich sind mit der Melodie die Texte wieder da, positive Emotionen entstehen direkt beim Singen und halten über die Gruppenstunde hinaus an.

 

Wenn alles klappt, erscheint demnächst im „Hamburger Abendblatt“, Hamburgs größter Tageszeitung, ein Artikel über mein Konzept. Ich werde berichten!
Und lade Interessierte herzlich ein, sich mit mir in Kontakt zu setzen, wenn sie Näheres über die Durchführung des ganzheitlichen Konzepts wissen möchten oder es mit Kindern ausprobieren wollen.
Bei Madoo ist ein Teil der ersten Stundenentwürfe veröffentlicht.

Atemfreude, aufmerksam

„Atemfreude“: Interaktive Geschichten für Atem- und Lockerungsübungen in der Gruppe

Für meine SeniorInnen habe ich ein Konzept entwickelt, wie ich mit inneren Vorstellungen und bildhafter Sprache Atemübungen anleite. Die heterogene Gruppe besteht teilweise aus fitten SeniorInnen, die alle Bewegungen ausführen können, und teilweise motorisch und geistig stark eingeschränkten Personen.
Durch das viele Sitzen mit eingesunkenen Schultern und eingeschränkter Beweglichkeit des Brustkorbs verflacht die Atmung bei vielen älteren Personen. Dies führt dazu, dass sie sich subjektiv kurzatmiger und schwächer fühlen, als sie oft sind. Dank der Übungen zur Aufrichtung (Körperhaltung), zur Lockerung verspannter Körperbereiche und Vertiefung der Atmung fühlen sich viele Betroffene deutlich beweglicher und kraftvoller.

In meinem Kurs „Atemfreude“ stelle ich jeden Termin unter ein Motto, zum Beispiel „Ein Morgen auf dem Bauernhof“, „Frühjahrsputz“ oder „Spaziergang durch den botanischen Garten“.
Alle Übungen können im Stehen ebenso wie im Sitzen durchgeführt werden. Perfekt zum Sitzen wäre ein Hocker, da er dem Oberkörper mehr Bewegungsspielraum als ein Stuhl lässt.
Die Übungen leite ich alle indirekt an.
Statt „Wir strecken unseren Oberkörper und die Arme zu allen Seiten“ sage ich „Die Sonne scheint auf die Katze, die sich genüsslich in der Wärme räkelt. So dehnen wir uns auch und machen uns ganz lang“.
Einerseits können so Personen, die kognitiv (geistig) eingeschränkt sind, auch bei komplizierten Übungen alles verstehe. Das hilft Betroffenen nach Schlaganfällen, Personen mit Demenz, aber auch Menschen mit geringen Sprachkenntnissen aus anderen Kulturkreisen. Andererseits aktiviert eine bildhafte Sprache unsere Intuition, sodass die Bewegungen von innen heraus ganz natürlich ausgeführt werden, statt mechanisch als „Aufgabe“ abgearbeitet.
Im Anschluss singen wir grundsätzlich sehr bekannte, fröhliche Lieder, die zum Thema passen. So erleben die SeniorInnen ihre Stimme deutlich kraftvoller und klarer als sonst, weil die vorangegangenen Körperübungen mehr Dynamik verleihen. Außerdem werden Lieder über die rechte, assoziative Hirnhälfte abgerufen. Auch Personen mit eingeschränktem Gedächtnis können plötzlich wieder flüssig mitsingen, unabhängig von Schädigungen in der linken, analytischen Hirnhälfte.
Lieder transportieren Emotionen und wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. So verlassen alle Teilnehmenden beschwingt und lächelnd den Gymnastiksaal.

Bereits vor einiger Zeit habe ich mehrere Stundenkonzepte bei madoo hochgeladen. Dort teilen LogopädInnen ihre Übungen mit Kolleginnen. Bisher haben es drei Konzept auf die Website geschafft: Ein Tag auf dem Bauernhof,  Ein Tag am Meer und Ein Tag im Zirkus.
Eine Übungssammlung, die Atmung und ganzkörperliche Aktivierung verbindet, bietet sich für eigene Therapiestunden mit einzelnen PatientInnen an.
Wer mich über das Kontaktformular anschreibt, bekommt die Konzepte gern direkt zugesandt. Je nach Nachfrage veröffentliche ich sie auch hier auf dem Blog.