Schlagwort-Archive: lesen

Buchempfehlung: „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett

 

Dieser kleine Roman beschreibt, wie die britische Queen das Lesen für sich entdeckt.
Eigentlich nur, weil sie einem ihrer ungezogenen Hunde hinterher läuft und dabei auf einen Bücherbus trifft, der neben den Abfalleimern der Küche im Hof hält. Dort lernt sie den Küchenjungen Norman kennen, der mit Vorliebe homoerotische Literatur liest und der Queen natürlich ebensolche empfiehlt. Nachdem sich die Queen aus Höflichkeit ein Buch mitnimmt und sich ebenso aus Höflichkeit hindurch quält, muss sie beim Zurückbringen des Buchs in der nächsten Woche natürlich anstandshalber ein neues Buch aussuchen. Innerhalb kürzester Zeit liest sie wirklich gern und wirklich viel. Plötzlich kommt sie zu spät, weil die Lektüre so fesselnd ist, oder schmökert im Wagen, während sie abwesend der Menge entlang der Straßen winkt. Bei Staatsbesuchen hat sie überraschend neue Themen, die alle durcheinander bringen, statt über das Wetter und den Stau zu sprechen.
Kurz: Die Queen ist auf einmal unbequem und zeigt auffallend viel eigene Meinung, was auf Widerstand unter den Bediensteten stößt.

Eine wirklich gelungene Lektüre, unterhaltsam und dennoch niveauvoll.
Die suoveräne Leserin“ von Alan bennett, Wagenbach Salto

 

Details vom Balkon, aus Mangel an englischen Parks bei uns zu Hause…

Veröffentlicht unter aufmerksam | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buchempfehlung „Der wilde Garten“ von Barbara Claypole White

 

Nach Oslo nahm ich zwei dicke Romane mit, die ich kaum las, da wir den ganzen Tag bei bestem Wetter die Stadt erkundeten. Einen der beiden packte ich am vorletzten Tag in den Rucksack für unsere Schären-Tour.
Als wir dann am Südostufer der Insel Hovedøya saßen und ich den Roman mit Blick auf den Fjord und die Nachbarinsel auspackte, ergriff mich erstmal schlechte Laune:
Eine Geschichte über eine alleinerziehende Witwe mit schweren Schuldgefühlen ihrem seit drei Jahren toten Mann gegenüber trifft einen finanziell erfolgreichen, aber dank heftiger Zwangserkrankung psychisch instabilen Mann.
Ja, klar, genau das hatte ich mir für einen erholsamen Inseltörn gewünscht!
Die Beschreibung des Klappentexts hatte irgendwie weniger anstrengend geklungen…

 

 

Da ich nun keine andere Wahl hatte (außer nicht zu lesen), versuchte ich nach der ersten Enttäuschung, mich mit der Lektüre zu arrangieren.
Der Schreibstil von Barbara Claypole White ist hervorragend, sehr dicht und präzise. Nach dem ersten Entsetzen über die mehrfach problembelasteten Charaktere nahm mich die Geschichte mit auf ihre Reise:
Tilly ist eigentlich Engländerin und lebt schon lange in Amerika. Sie hat vor drei Jahren ihren Mann verloren, und bis heute plagen sie Schuldgefühle, weil sie dem Arzt nach dem Unfall mitteilte, dass ihr Mann eine Patientenverfügung habe. Aufgrund der Patientenverfügung wurden die Geräte der lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet, aber ihr Mann lebte noch fünf Tage weiter – was Tilly auch Jahre später noch als Zeichen nimmt, dass er nicht sterben wollte und sie nie hätte von der Patientenverfügung sprechen sollen. Im schwülen North Carolina fühlt sie sich als Engländerin bis heute nicht wohl, dennoch hat sie nach dem Tod ihres Mannes mehr aus Zufall eine Gärtnerei aufgebaut. Sie sehnt sich häufig nach den milden Temperaturen und dem weiten Himmel Großbritanniens.
James Nealy wird seit seinem zehnten Lebensjahr stark von Ängsten und Zwangsgedanken belastet. Als Flucht vor den inneren Zwängen, die ihn mit bösen Stimmen quälen, hat er mit hohem Einsatz und Tempo ein sehr erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Um seinem Leben eine neue Richtung zu geben, hat er alles verkauft, ist umgezogen und will endlich seine Zwangserkrankung besiegen. Seit seine Mutter, eine enthusiastische Gärtnerin, an Krebs starb, peinigt ihn der Gedanke, dass Erde und Schmutz Krebs auslösen. Seinen Zwang zur Hygiene möchte er dadurch besiegen, dass er einen Garten anlegen lässt und dabei zuschaut.
Aus diesem Grund sucht er Tilly auf, die sehr zurückgezogen lebt und ihre Pflanzen nur an Großkunden verkauft, um so wenig Kontakt mit Menschen zu haben wie möglich.

 

 

Tilly weigert sich natürlich vehement gegen den Auftrag, da sie jeder Verpflichtung aus dem Weg geht und um Herausforderungen einen weiten Bogen macht. Doch James bleibt hartnäckig und fliegt ihr sogar hinterher, als sie ihre Mutter in England besucht, die sich vor Kurzem das Bein gebrochen hat. Dort begegnet Tilly ihrer ersten großen Liebe Sebastian wieder. Während sie von der Trauer um ihren Mann zurückgehalten wird, versuchen Sebastian und James beide, ihre Aufmerksamkeit zu erregen…

Weiter möchte ich nichts verraten. Wer einen typischen „Ich verdufte auf die Insel“-Roman braucht, sollte vielleicht wirklich leichtere Kost aussuchen. Wer Zeit und Lust hat, sich auf eine intensive Geschichte einzulassen, sollte diesem wunderbar geschriebenen Roman eine Chance geben.

Barbar Claypole White, „Der wilde Garten“, erschienen bei ullstein

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mein „Gebet für den Alltag“ in der Zeitschrift LYDIA

 

Die Post ist da!

 

 

Gerade erhielt ich ein dickes Paket voller Ausgaben der aktuellen LYDIA. Die christliche Frauenzeitschrift hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Leserinnen in schwierigen Momenten zu unterstützen und Gott in den Herausforderungen des Lebens immer wieder zu vertrauen.
Dort sandte ich Ende letzten Jahres mein „Gebet für den Alltag“ ein, das in der aktuellen Ausgabe als „Morgengebet“ abgedruckt wurde. Von der Änderung des Titels habe ich nichts gewusst, finde es dennoch passend, weil ich selbst es gern am Morgen bete.

 

 

Gott des Alltags,
bitte begleite mich durch diesen Tag.

Gott der Liebe,
bitte gib mir offene Augen und Ohren für meine Mitmenschen.

Gott der Hoffnung,
bitte schenke mir Zuversicht in Momenten, die mich verunsichern.

Gott der Weisheit,
bitte hilf mir, kluge Entscheidungen zu treffen.

Gott der Kraft,
bitte erfülle mich mit deiner Lebensenergie.

Gott der Stille,
bitte erfrische mich mit deiner Ruhe.

Gott des Friedens,
bitte segne meine Gedanken und Gefühle
und hilf mir, dein Licht in diese Welt zu bringen.

Amen

.

© Marie Krüerke

Alle Rechte liegen bei mir, gern kann es mit Rücksprache in Gebetskreisen und Gottesdiensten genutzt werden.

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin, glaubhaft, Presse | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Literarische weibliche Vorbilder gesucht

Stockenten

 

Die Hamburgerinnen kennen die Bücherhallen, allen anderen erkläre ich es gern: Für eine Mitgliedskarte mit einem (sehr humanen) Jahresbeitrag können wir überall in der Hansestadt in 35 Bücherhallen (öffentlichen Bibliotheken) diverse Medien ausleihen und abgeben. Querbeet durch die Stadtteile, was nicht vorrätig ist, wird bestellt.

Dabei gibt es einen treuen Stamm von Angestellten, manche davon kenne ich noch aus meiner Kindheit, wenn ich den entsprechenden Stadtteil besuche…
Nun habe ich vor einigen Monaten einen der Angestellten in „meiner“ Stammbücherhalle gefragt, ob ihm Biografien von erfolgreichen Frauen einfielen. Die Regale stehen voller (Auto-)Biografien zum Thema Vergewaltigung, Beschneidung, Zwangsehen, ehelicher Gewalt, gestorbenen Söhnen, gekidnappten Töchtern usw.
Wenn ich darauf keine Lust habe, bietet sich mir das reiche Spektrum zum Thema „als Frau würdevoll Altern“ an. Möchte ich auch das nicht lesen, gibt es immernoch die Abteilung „Wie ich mich in Afrika verliebte und desillusioniert zurückkehrte“.
Daher erklärte ich dem netten Herrn, dass mich keins dieser Themen anspräche. So gut ich es finde, dass derartige Leidensgeschichten publik gemacht werden – lesen möchte ich sie nicht. Es reicht mir völlig, dass ich weiß, dass Frauen überall auf der Welt auf jede erdenkliche Weise weh getan wird. Da brauche ich keine Details, besten Dank.
Also bat ich den Angestellten, doch mal zu überlegen, welche positiven, dynamischen, erfolgreichen Frauen-Biografien ihm einfallen.
Bedauerlicher Weise kannte er keine, weder im Bestand noch sonstwo.
Dementsprechend forderte ich ihn auf, doch bitte die Augen aufzuhalten und mir einen Hinweis zu geben, wenn ein entsprechendes Buch angeschafft würde. Heute fragte ich nach, und er meinte, er habe neulich einen Band über „einige Engländerinnen damals“ gesehen, „aber das würde Ihnen nicht gefallen.“ Da vertraue ich voll seinem Urteil, mir gefallen eine ganze Reihe Bücher und darin behandelte Themen nicht 😉
Jedenfalls versicherte er mir erneut, weiterhin die Augen offen zu halten.

Liebe Damen, fällt euch eine Lektüre ein, in der eine Frau fröhlich und gewitzt und kämpferisch und ausdauernd ihr Leben meistert?
Wenn nicht, wer von uns schreibt´s?

 

Stockenten

 

Wer sich fragt, was die Stockenten und ihre Küken hier sollen:
Wir haben alle mal klein angefangen, auch erfolgreiche Frauen aus (ungeschriebenen) Büchern…

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin, glaubhaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buchrezension: „Eine Flaschenpost voller Träume“ von Penelope J. Stokes

„Wir alle haben Wünsche – Träume, Ziele und Sehnsüchte – für unser Leben. Einge davon gehen in Erfüllung und einige nicht. Wenn sie nicht in Erfüllung gehen, versuche daran zu denken, dass Gott vielleicht etwas Besseres für dich bereithält als das, worum du gebeten hast.“

Brenda Delaney, Anfang dreißig, befand sich noch am Drehort, als einer der Bauarbeiter ihr eine blaue Flasche brachte. Er reichte sie der Journalistin ins Auto, mit der Information, diese Falsche in dem historischen Gebäude gefunden zu haben, das nun abgerissen werden sollte. Etwas später entdeckte sie in der Flasche vier beschriebene Blätter von Freundinnen, die am Weihnachtsmorgen 1929 ihre Wünsche formuliert und gemeinsam verwahrt hatten. Obwohl Brenda in ihrem Sender eine gute Position erreicht hatte und beruflichen Erfolg erlebte, fühlte sie sich in letzter Zeit oft unruhig und unzufrieden. Voller Neugier machte sie sich auf die Suche nach den vier Freundinnen, in der Hoffnung, ihren Beruf mit neuer Leidenschaft füllen zu können.

 

DSC00622

Diese unbewussten Träume sind die wichtigsten. Gott sieht in unser Herz und kennt unsere Seele in- und auswendig. Unsere bewussten Träume bleiben vielleicht unerfüllt, aber die Träume der Seele, diese tieferen Träume, gehen immer in Erfüllung. Wir müssen nur unsere Augen offen halten und das Wunder erkennen, wenn es geschieht.

Tatsächlich findet Brenda über einige Umwege die Freundinnen, die zum Glück alle noch leben. In langen Gesprächen erfährt sie viel über deren Lebenswege, geplatzte Hoffnungen und neue Perspektiven.

 

DSC00597

„Dann merke dir auf jeden Fall die folgenden Zeilen,“ fuhr Hazel fort. „Die Zeit kann es leichter machen, weise zu sein… Man braucht nur Geduld.“
„Was bedeutet das?“
„Das bedeutet,“ seufzte Hazel,“dass man, wenn man mit Hoffnung wartet, Weisheit finden wird. Weisheit kommt nicht vom Verstand, durch Verständnis, sondern aus dem Herzen durch Vertrauen. Glaube, Kind. Gott macht keine Fehler. Mit Gott gibt es keine verpassten Gelegenheiten, kein irreparables Versagen, nur Lektionen, die gelernt werden müssen.“ (…)

„Ich wünschte mir, ich hätte etwas tun können…“
Catherin zog sie in die Arme. „Es gab etwas,“ flüsterte sie Ellie ins Ohr. „Und du hast es getan. Du hast sie geliebt. Deine Anwesenheit hat in ihrem Leben etwas bewirkt.“
„Bist du sicher?“ schluchzte Ellie. „Das erscheint mir nicht genug zu sein.“
Catherine lente sich zurück und hielt Ellie auf Armeslänge von sich fort. „Liebe ist immer genug. Sie ist das Beste, das wir einander schenken können. Liebe ist Gottes Hand in Menschengestalt.“
„Aber einfach nur zu lieben, ist so… so unangemessen, so wenig,“ widersprach Ellie.
„Ich wollte mit meinem Leben etwas bewirken, wollte ihm Bedeutung verleihen. Ich wollte etwas tun, etwas… etwas…“ Sie zuckte die Achseln, weil ihr die Worte fehlten.

„Etwas Sinnvolles?“ beendete Catherine den Satz für sie. „Dein Leben zählt, Ellie, vielleicht nicht so, wie du es dir als Teenager mit großen Träumen vorgestellt hast. Die Bedeutung ist eher im Kleinen sichtbar.“ (…)

Es war nicht nur die Geschichte von vier Freundinnen, die sich trotz aller widrigen Umstände nach fünfundsechzig Jahren wiedergefunden hatten. Hierbei ging es um Träume, um ihre Erfüllung und ihren Tod. Das war der gemeinsame Nenner, der Faktor, der den Zuschauer dazu brachte, sich mit diesen Frauen zu identifizieren. Jeder hat Träume und die meisten Menschen, dachte Brenda, haben nie die Gelegenheit, sie sich zu erfüllen, oder gehen nicht das Risiko ein, es zu versuchen. Versagen ist der große menschliche Gleichmacher und die Träume sterben unerfüllt. In dieser Geschichte gab es alles: Liebe, Verlust, Pathos, Erfüllung.
Und sie stellte eine der größten universellen Fragen des Lebens:
Welches sind deine Träume? Und was bist du bereit, auf dich zu nehmen, um sie in Erfüllung gehen zu lassen?

 

DSC00617

Diesen Roman fand ich beim Aufräumen im Bücherregal wieder, nachdem ich ihn als Teeny bekommen hatte und lange nicht mehr darin gelesen habe. Ich finde darin viele Lebensweisheiten und empfehle ihn als amüsante und zugleich philosophische Lektüre.

Penelope J. Stokes, „Eine Flaschenpost voller Träume“, GerthMedien (aktuell nur antiquarisch erhältlich)

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin, glaubhaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Geborgenheit in Gott

Geborgenheit in Gott

Wo immer Du gehst,
Wo immer Du stehst,
Was immer Du tust,
Wo immer Du ruhst,
Du bist in Gottes Hand
Und bist dort wohl geborgen.

Er ist Dein Vater,
Der Dich liebt,
Und Dir die Kraft
Zum Leben gibt.

ER hat Dich
In Seine Hand geschrieben;
Auf ewig bist Du Sein.

.

  Heinz Pangels, 1981

P1100954.

Dieses Gedicht fand ich bei der Recherche für einen Abend in unserer Gemeinde. Mir hat der Segen gleich gefallen – nur die hartnäckige Benennung von Gott als „Vater“ stört mich, weil der Name Gottes „Jahwe“ so viel mehr bedeutet als das ewige „Herr und Vater“. Seit Jahrhunderten einseitig übersetzt und unreflektiert weitergegeben, hat die vielschichtige Bedeutung der Bezeichnung „Gott“ im christlichen Glauben viele Facetten verloren.

Ein sehr guter Text zum Thema „Warum es die Bibel verfälscht, Jahwe stur mit „Herr“ zu übersetzen“, ist hier zu finden. Sehr eindrücklich!

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin, glaubhaft, liebevoll | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Hausaufgaben! Na, wer hat sie gemacht?

Mit meiner französischen Freundin unterhielt ich mich en franςais darüber, welche Schwerpunkte im Unterricht des Gymnasiums / Lycées zu unserer Zeit gesetzt wurden und wie es uns damit erging. Im Überblick die Punkte, in denen wir uns länderübergreifend einig waren:

.
– Warum wurde (wird?) dem Dritten Reich ein derart großer Schwerpunkt gewidmet – und das nicht nur in Deutschland, wo wir moralisch innerlich alle bis heute zu büßen haben und das Erinnern hochhalten müssen (letzteres finde ich korrekt), sondern auch in Frankreich? Gut, da müssen die Collaborateure büßen und das Vichy-Regime geächtet werden, aber ist das für die heutigen Lucs und Delphines derart wichtig?
Und war es wirklich notwendig, dass ich von der siebten bis zur dreizehnten Klasse ohne Unterbrechung mit dem Nazi-Horror konfrontiert wurde? Wenn nicht in all den schrecklichen Novellen im Deutschunterricht, dann in Geschichte, wenn nicht in Geschichte, dann in Englisch, wenn nicht in Englisch, dann in Sozialkunde, wenn nicht in Sozialkunde, dann in Französisch, wenn nicht in Französisch, dann in Erdkunde (Ländergrenzen!). Hätte ich als dritte Fremdsprache fakultativ Spanisch gewählt: Ich hätte Novellen über den zweiten Weltkrieg gelesen.
Tausend andere historische Themen wurden innerhalb kurzer Einheiten als Doppelstunde durchgewunken:
Die Wiedervereinigung, die Geschichte Europas und der EU, alles vor dem Dritten Reich und alles nach dem Dritten Reich. Es gab in der fünften Klasse eine Lektion zum Mittelalter und in der sechsten eine zu den Ägyptern. Die Antike habe ich bis heute nicht kennen gelernt, die Renaissance nicht, und all den anderen historischen Klumpatsch auch nicht. Wozu auch, solange sich Zwöfljährig weiter damit auseinander setzen, dass sie sich plötzlich für ihre Großeltern schämen sollen. Heutige Zwölfjährige wohl eher für ihre Urgroßeltern.
Ehrlich, Erinnerung ist gut und wichtig, aber SIEBEN JAHRE des Gymnasiums lang? In jedem Fach abwechselnd? Das führt wohl nicht zum erwünschten Erziehungeffekt, eher zu einer großen Ermüdung dem Thema gegenüber. Was ich (fast) ebenso gefährlich finde wie zu wenig Informationen über die eigene Geschichte.

– Warum gibt es keinen Werkunterricht mehr? Und wenn, dann maximal in der Grundschule und/oder in der Hauptschule?
Grundlagen der Zubereitung von Speisen, Grundlagen des Reparierens und ähnliche Alltagsfähigkeiten nützen uns bis heute – wenn wir dazu in der Lage wären und nicht mit Bildschirmen verschmolzen.

– Warum war alles, was ich in sämtlichen sprachlichen Fächern gelesen habe, schrecklich? Welche Zwölfjährige soll sich allen Ernstes zur Bildung ihres Verstandes und ihres Herzens mit den grauslichen Reclam-Heften von E.T.A. Hoffman herumschlagen? Was hat mich „Andorra“ von Max Frisch gelehrt, außer Entsetzen? „Einer flog über das Kuckucksnest“ – was hat mir die unnötig dargestellte körperliche und seelische Gewalt gebracht außer Bildern von enthaarten Hoden psychisch Kranker??? Wozu all die anderen wahlweise grausamen oder grenzwertig pornographischen Inhalte, mit denen man Jugendliche malträtiert? Selbst wenn heutige Heranwachsende da abgestumpfter sind als ich es war: Wozu?
Warum können LehrerInnen diese hormongebeutelten, schlaksigen bis pummeligen menschlichen Wesen nicht mit etwas Auferbaulichem beglücken?
Sie müssen ja nun nicht „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren lesen, aber irgend etwas halbwegs Bekömmliches für ihre verwirrten Köpfe und ihre orientierungslosen Seelen –  wie wär´s? Und, nein: Es wäre NICHT „zu harmonisch“ für heutige Teenager. In wessen Leben ist es denn „zu harmonisch“? Bittesehr.

– Warum wurde ich von einem männlichen Biologielehrer aufgeklärt, der der Meinung war, der weibliche Zyklus dauere 28 Tage und am 14. Tag passiere der Eisprung, die monatliche Blutung finde drei bis vier Tage statt; fertig mit dem Thema? Nein, nein, nein. Erstens plädiere ich dafür, bestimmte Themen geschlechtergetrennt zu vermitteln, weil es für alle besser ist: Für Mädchen, für Jungs, für Lehrerinnen, für Lehrer. Sollen sich die Lehrer mit pornösen Jungs rumschlagen und die Lehrerinnen sich mit verunsicherten Mädchen. Und sie alle mit Geschlechterklischees.
Die Bio-Lehrerin will ich sehen, die behauptet, es gäbe den einen korrekten weiblichen Zyklus. Den müsste sie vorführen, und daraus würde nichts, weil der perfekte Zyklus nur in männlichen Köpfen und in den Einflüsterungen von Pharmaherstellern existiert. Und das Stellen von jugendlichen Fragen wäre das erste Mal in der Geschichte der sexuellen Aufklärung peinlich, aber ohne Traumata machbar.

– Warum mussten wir in Biologie wochenlang Referate zum Thema „Drogen“ behandeln (mit denen ich bis heute nichts zu tun gehabt habe), aber nie kam das Thema „psychische Erkrankungen“ auf den Tisch? Ich weiß nicht, wie viele Jugendliche sich pro Jahr das Leben nehmen, weil sie depressiv sind und weder sie selbst noch andere es wissen. Keine Ahnung. Aber ich wette: Zu viele. Und ich weiß nicht, wie viele Jugendliche Eltern haben, die psychatrische Hilfe nötig hätten, aber ich wette: Zu viele. Und keineR redet drüber. Dabei könnte in weiterführenden Schulen locker zwei Wochen weniger über Drogen geredet werden und dafür über Psychologie und Psychiatrie. Über „Ritzen, Kotzen, vergewaltigt werden und den ganzen anderen Dreck“. Ich bin mir sicher, es wäre mit dem nötigen respektvollen Umgang vielen eine Erleichterung.

 

Liebe Schulbehörden, Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer: DAS ist eure und Ihre Hausaufgabe.

Veröffentlicht unter aufmerksam | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Buchempfehlung: „Bibliothek der Träume“ von Lynn Austin

Die über achtzigjährige Lillie, eine ehemalige Sklavin der amerikanischen Südstaaten, äußert sich in diesem Roman einer jungen Frau namens Alice gegenüber so:

Lillie: „Maggie ist hierher gekommen, um für Gott zu arbeiten, aber das will er nicht.“
Alice: „Nicht? Ich dachte, wir sollen alle für Gott arbeiten?
Lillie: „Er will, dass wir mit ihm arbeiten, nicht für ihn.“

Alice, eine junge Frau, lebt in Illinois kurz vor dem zweiten Weltkrieg ein gemütliches Leben. Die Wirtschaftskrise betrifft sie (noch) nicht, sie hat eine Anstellung in einer Bibliothek, liebt Bücher über alles und geht mit Gordon, einem anständigen jungen Mann aus – eine Verlobung sollte demnächst folgen. Bis Gordon ihr erklärt, dass sie einfach zu verträumt und versponnen sei und mehr in ihrer Lektüre weile denn am wahren Leben teilnähme. Er habe einen Betrieb zu übernehmen (das Bestattungsinstitut seines Vaters) und brauche eine praktisch handelnde Frau. Außerdem müssen angesichts der Wirtschaftskrise in der Bibliothek Stellen eingespart werden, und da Alice als Letzte eingestellt wurde, muss sie als Erste gehen.
Wie sie von Illinois in ein verschlafenes Nest in den Wäldern und Bergen Kentuckys gerät, lasse ich an dieser Stelle aus – es reicht, zu wissen, dass sie mit ihren hochfliegenden Plänen am Rande der Zivilisation landet und dort gleich mit körperlicher Arbeit und verschiedenen geheimen Missionen betraut wird, deren Sinn und Zweck ihr nicht verraten werden. An erster Stelle wird sie von Lillie, einer alten farbigen Frau, sowohl zu waghalsigen Aktionen überredet als auch von ihr in der Kunst des (Über-)Lebens unterrichtet: Angefangen beim Feuermachen und Brot backen über das Wäsche waschen im Zuber bis hin zu alltagsnahem Glauben.

Lillie:
„Jesus sagt, dass wir beten sollen: ,Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.` Er weiß nämlich: Wenn wir nicht jeden Tag darum bitten und uns daran erinnern, dass wir vergeben sollen, dann tun wir es nicht. Und ich brauche seine Hilfe, Schätzchen. Ohne sie könnte ich nicht all den Leuten vergeben, die mir unrecht getan haben. Und wenn Jesus mir nicht geholfen hätte, hätte ich ganz bestimmt nicht dem Mann vergeben können, der meinen Mann und meinen Sohn verkauft hat und mir nicht sagen wollte, wo sie sind. Oh nein.“

(…)
„Halt nicht an deinem Groll fest, Schätzchen,“ sagte sie stattdessen.
„Achte darauf, dass du diesen Sack jeden Abend ausleerst, bevor du schlafen gehst. Das steht auch in der Bibel, weißt du. Du sollst die Sonne nicht untergehen lassen, während du noch zornig bist.“

Diese Lektüre habe ich an einem Urlaubstag komplett verschlungen und empfehle sie weiter – Realitätssinn hin oder her, ich habe mich gut unterhalten gefühlt und außerdem eine große Portion „Herzensbildung“ abbekommen.

 

P1030566

Veröffentlicht unter aufmerksam, glaubhaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buchempfehlung: „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker – Eine Online-Omi sagt, wie´s ist“ von Renate Bergmann

Seit Längerem habe ich vor, das Buch „SuperTex“ von Leon de Winter zu rezensieren, das ich auf Zanzibar in der Bibliothek des „Dhow Palace“ entdeckte. Da ich in der letzten Zeit viel Lektüre las, die deutlich lockerer war, fällt es mir am Feierabend schwer, gute europäische Hochkultur wiederzugeben statt eines netten Unterhaltungsromans…
Im Folgenden soll es um das Buch „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker – Eine Online-Omi sagt, wie´s ist“ von Renate Bergmann gehen: Dann wartet die hohe Kunst eben noch ein bisschen, inzwischen kommt´s auch nicht mehr drauf an!

Renate Bergmann ist eine zweiundachtzigjährigen Dame aus Berlin, vierfache Witwe, und behält stets einen guten Überblick: Zu allen Themen des Lebens hat sie etwas zu sagen, seien es Ordnung und Sauberkeit, aktuelle Mode, die Nachbarn und ihre Gepflogenheiten, die schönsten Freizeitbeschäftigungen oder das Internet. Renate Bergmann kennt sich mit Gockel und Fäßbuck aus und erzählt via Twitter aus ihrem Leben: Wie sie mit ihrer besten Freundin Irene und deren quasi blindem Mann als Fahrer im Koyota durch die Gegend braust („Kurt fährt immer so, dass er die gestrichelte Linie mittig unter sich hat. Hinter uns hupt es am laufenden Band“), um im jeweiligen Supermarkt die „Angebote der Woche“ abzustauben und nebenher allerhand Bekannte zu treffen („Gertrud hat aus alten Auflagen der Gartenstühle Kissen genäht, damit wir uns beim Erzählen gemütlich auf die Einkaufswagen lehnen können“).

Hier die schönsten Zitate aus ihren Tweets, die im Buch als Kapitelüberschriften dienen:

„Gertrud kam unverrichteter Dinge vom Arzt zurück. Sie hat sich drei Stunden so nett im Wartezimmer unterhalten, dass sie vergessen hatte, was sie hat.“

„Ilse und ich fahren manchmal aufs Dorf raus und machen mit dem Rollator Kornkreise ins Feld. Hihi.“

„Kurt hat die AOK-Schipkarte in den Geldautomaten geschoben, und der Alarm ging los. Ich weiß nicht, wann die Polizei uns wieder gehen lässt.“

„Bei uns im Einkaufszänter gibt es ein Spezialgeschäft für Dirnen. Es heißt >Pimkie<.“

„Ich habe nicht den Krieg überlebt, um Kunstfleisch aus Soja zu essen.“

„Ach, ist das ärgerlich. Heute wäre eine tolle Beerdigung mit Leichenschmaus im Kempinski, und mein schwarzes Kostüm ist in der Reinigung.“

„Ich habe zu Kirsten gesagt, sie soll mich im Garten erschießen, wenn ich wie meine Mutter werde. Jetzt ruft sie. Ich soll in den Garten kommen.“

„Auf dem Nutellaglas steht >75 Gramm gratis<. Glauben Sie das bloß nicht! Sie können sich gar nicht vorstellen, was die im Edeka für ein Theater machen, wenn man das ablöffelt.“

Veröffentlicht unter aufmerksam | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buchempfehlung: „Ziemlich beste Freundinnen“ von Astrid Ruppert

Der Roman „Ziemlich beste Freundinnen“ handelt von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die in einer Reha-Klinik versehentlich in ein gemeinsames Zimmer eingeteilt werden:
Auf der einen Seite die erfolgreiche Kardiologin Konstanze, elegant in nudefarbenen Kaschmir gehüllt und in ihrem Perfektionismus immer am Organisieren, damit Karriere, Kinder und Haushalt geschmeidig funktionieren. Verheiratet ist sie auch, aber so richtig einordnen lässt sich ihr Mann in ihre Regeln nicht. Als Privatpatientin hätte ihr nach dem Sturz von der Treppe im Laufschritt zwischen zwei Stationen natürlich ein geräumiges Einzelzimmer zugestanden.
Jaqueline dagegen hat vier Mini-Jobs, beginnend mit dem Zeitung-Austragen am Morgen bis zum Bedienen in der Kneipe am Abend. Sie hat drei Kinder von drei Männern, kleidet sich bunt und trägt gern viel Schminke von Discount-Waren im Gesicht. Sie ist laut, unverblümt und fröhlich, auch wenn es in ihrem Inneren ganz anders aussieht. Vor Geldsorgen kann sie nachts oft nicht schlafen.
In der Reha müssen sich diese sehr unterschiedlichen Frauen auf engem Raum miteinander arrangieren, während sie das erste Mal seit Langem soweit zur Ruhe kommen, dass sie unabhängig voneinander über ihr Leben ins Nachdenken geraten.
Dass dieser Plot sehr tiefgehend, ausgewogen und interessant erzählt wird, vermutet die Leserin angesichts der sehr konträren Hauptpersonen nach der Lektüre des Klappentextes nicht. Sobald ich das erste Kapitel gelesen habe, hat die Autorin mich überzeugt, dass der Roman weit mehr hergibt. Die Geschichte ist persönlich und gleichzeitig sachlich geschrieben, erzählt Details und behält stets den roten Faden vor Augen. Auch wenn am Ende des Buchs das Happy End sehr energisch herbei geschrieben wird, entwickeln sich die Charaktere im Verlauf des Romans natürlich und glaubhaft.

Am Ende des Romans stellte ich fest, dass ich von der Autorin bereits „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ gelesen habe, was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefiel.

Veröffentlicht unter aufmerksam, feminin | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar