aufmerksam, feminin, glaubhaft

Erntezeiten: Geschenke und liebe Worte

Gestern schrieb ich einer ganz wunderbaren Frau aus der Gemeinde noch das Gedicht „Erntezeiten“, damit sie die letzte Etappe zum Schuljahresende trotz Stress genießen kann. Und prompt hatte ich selbst heute das Gefühl von Erntezeiten:
Bisher habe ich zum Geburtstag noch nie so viele Geschenke aus dem Kollegium, herzliche Glückwünsche und Aufmerksamkeiten der Damen und Herren der Residenz erhalten. Natürlich werde ich von den BesucherInnen meiner Angebote regelmäßig gelobt. Durchschnittlich jeden Tag. Aber mein Einsatz für ein harmonisches Arbeitsumfeld schien im Kollegium kaum aufzufallen. Dass ich stets Frieden bewahre und sehr gut überlege, was ich wie sage und was besser nicht, ist ja kein Gottgegebenes Talent. Geduldig und freundlich zu sein, auch bei klaren Worten, kostet mich viel Energie – besonders, wenn sich viele eben nicht durch ein adäquates Benehmen auszeichnen. Weder bei den SeniorInnen noch im Kollegium.
Und dass ich ständig neue Veranstaltungsthemen und -formate erfinde, steht nicht in meiner Arbeitsplatzbeschreibung. Das tue ich aus kreativer Eigeninitiative, obwohl es hundertmal mehr Arbeit macht, als routinemäßig das Gleiche anzubieten. Wem fällt das eigentlich mal positiv auf?
Umso mehr freue ich mich über die folgenden Zeilen einer alten Dame:
„Wir gratulieren Ihnen ganz doll und wünschen Ihnen von ganzem Herzen alles alles Gute. Sie wissen schon, Gesundheit, starke Nerven, Gehaltserhöhung, den Humor behalten und nur liebe Menschen rund herum.
Wir sind alle sehr sehr froh, daß es Sie gibt. Ehrlich.“

aufmerksam, glaubhaft

Achtung, Nebenwirkungen: Was passiert, wenn du mit Senioren arbeitest

Jeder Arbeitsplatz beeinflusst die eigene Identität. Einerseits natürlich durch die Zeit, die wir dort täglich verbringen: Niemand kann unbeeinflusst den Arbeitsalltag an sich vorbei ziehen lassen. Unsere Aufgaben, die Kolleginnen und das Klima der Firma prägen uns. Andererseits entwickeln wir uns durch diese Einflüsse im Laufe der Zeit weiter. Wir verändern uns durch die positiven Vorbilder ebenso wie durch abschreckende Beispiele im Team. Wir wachsen mit den Herausforderungen oder suchen uns selbst welche. Wenn wir den Arbeitsplatz wechseln, nehmen wir die Erfahrungen und inneren Veränderungen mit. Ich möchte heute davon erzählen, wie mich die Arbeit in einer Senioren-Residenz bisher beeinflusst hat.

Im Urlaub kümmere ich mich um seniorentaugliche Bilder, um zurück im Alltag einen fotografischen Reisebericht moderieren zu können.
Schon vor einem Jahr ging es los: Plötzlich hielt ich im Urlaub Momente fest, die ich für meine private Erinnerung nie fotografiert hätte. Komische Szenen im Alltag der Landesbewohner, Chaos der Doppeldeckerbusse, seltsame Entdeckungen im Supermarkt: Alles, was eine lustige Anekdote bietet, lichte ich ab, um damit später einen unterhaltsamen Nachmittag in der Residenz zu gestalten. Um die Leinwand voll auszunutzen, gewöhnte ich mir sogar Fotos im Querformat an, dabei fotografiere ich am liebsten hochkant, um immer ein Stück Himmel mit drauf zu haben. Der absolute Höhepunkt war bisher mein Reisebericht aus Finnland: Da ich kurz vorher die Verlagsbewerbungen meines Fachbuchs verschickt hatte und gerade erste Angebote für mein Manuskript bekam, war ich nach dem aufreibenden Marathon total erschöpft. Parallel zum Job ein Buch über Atemgymnastik mit Senioren zu konzipieren, hatte mich ausgelaugt – ganz besonders das PR-Coaching und die anspruchsvolle Verlagsbewerbung. Daher bestand ein Großteil der zwei Wochen Urlaub daraus, dass ich im Garten „unseres“ finnischen Sommerhauses saß und las. Dabei entstanden natürlich keine spannenden Fotos, aber ein tiefer Friede zog in mein Herz. Entsprechend versuchte ich, diesen umfassenden Frieden zurück in Hamburg für die Senioren in meiner Moderation zu beschreiben. Nach dem letzten Bild war es mucksmäuschenstill, anschließend brach ein donnernder Applaus aus und die BewohnerInnen dankten mir unter Tränen für die emotionale Darstellung.
Daher halte ich in jedem Urlaub wieder besondere Eindrücke für die Senioren fest und achte darauf, neben meinen privaten künstlerischen Aufnahmen auch sehr klare, einfache Bilder für die Sehgeschädigten aufzunehmen. Auch, wenn ich mich in meinem privaten Urlaub eigentlich amüsieren und erholen sollte…

Ich habe immer weniger Lust darauf, alt zu werden
Täglich höre ich Klagen, was alles wehtut. Und wie wenig die Tabletten helfen. Und wie wenig das den Hausarzt interessiert. Und welche letzte Weggefährtin neulich verstorben ist. Und wer alles alkoholkrank ist. Und wer endgültig keine Lust mehr auf´s Leben hat. Und wer wieder einmal darüber nachdenkt, auf welche Weise nachzuhelfen…
Neee, ganz ehrlich, mit SeniorInnen im Alltag unterwegs zu sein, ist nun wirklich nichts, was Lust auf die letzte Lebensspanne macht! So unzensiert den ganzen Sch*** erzählt zu bekommen, von allen Hochaltrigen einzeln, lässt mich auf einen plötzlichen Tod aus heiterem Himmel mit Anfang Siebzig hoffen. Weder körperliche Gebrechen noch geistigen Abbau wünsche ich mir, darin bestärken mich die Augenzeugenberichte der Achtzig- und Neunzigjährigen immer wieder!

Sterben ist mir völlig egal
Okay, da ich an Gott glaube und der Meinung bin, „dass das Beste noch kommt“, hatte ich noch nie Angst vor dem Tod. Auf mich wartet eine göttliche Dauerparty im Himmel, wovor sollte ich mich fürchten? The best is yet to come! Aber wenn rechts und links Menschen sterben, ist das natürlich etwas Anderes. Noch mehr, wenn das regelmäßig passiert. Zum Glück baue ich dennoch mit allen BewohnerInnen eine herzliche persönliche Beziehung auf, ich habe keinerlei Angst, dass sie morgen tot sind und ich deswegen traurig. Denn: Mich kratzen die Toten überhaupt nicht. Klar, wenn sich eine besonders fitte Dame, die sich tatkräftig im Haus einbringt, plötzlich das Leben nimmt, muss ich auch schlucken. Oder wenn von jetzt auf gleich eine Dame, die eben noch in einer meiner Veranstaltungen saß, tot im Appartement gefunden wird. Natürlich habe ich für einen Moment einen Kloß im Hals. Aber geweint habe ich deswegen noch nie, und über einen kurzen Moment hinaus aufgewühlt bin ich auch nicht. Bei 95% der Toten bin ich einfach nur froh, dass sie die letzte Etappe endgültig hinter sich gebracht haben. Egal, ob sie sich lange krank gequält haben oder innerhalb eines Wimpernschlags abgetreten sind: Sie haben es geschafft, juhu! Entsprechend irritiert werde ich angeschaut, wenn eine Kollegin sagt „Frau Jepsen ist verstorben“ und ich antworte: „Schön, dann hat sie´s ja kurz und knackig ohne weiteres Leiden hinter sich gebracht.“

Ich mag auf einmal Kunstblumen
Am Anfang fand ich es noch sehr gewöhnungebedürftig, die saisonale Dekoration der Residenz mit Kunstblumen zu gestalten. Da ich Erfahrungen in der Event-Floristik gesammelt habe, waren Plastikblumen zuerst „ästhetisch unmöglich zu ertragen“. Aber wie es mit der Mode so ist: Erst finden wir es schrecklich, dann gewöhnen wir uns dran, und später kaufen wir uns bestimmte Kleidungsstücke sogar freiwillig. Genauso hat sich meine Einstellung zu Kunstblumen gewandelt, und das Schlimmste ist: Selbst für den privaten Gebrauch finde ich Plastikblumen inzwischen vertretbar. Hilfe! Wer hat mir den guten Geschmack gestohlen?

Zuerst kleidete ich mich super konservativ, jetzt immer wilder
Zu Beginn war es mir total wichtig, für die BewohnerInnen und Kolleginnen korrekt gekleidet zu sein. Ich fragte mich sogar im ersten Sommer, ob ich wohl Tops mit Spagetthiträgern tragen kann… Denn einerseits soll ich optisch einer gehobenen Residenz entsprechen, die ich als Angestellte repräsentiere. Andererseits sind da die moralischen und ästhetischen Erwartungen, die die BewohnerInnen haben. Täglich wird meine Kleidung genauestens beobachtet, analysiert und bewertet. Inzwischen trage ich das, worauf ich Lust habe, und an bestimmten Tagen absichtlich etwas besonders Ausgefallenes. Wenn sie was zu reden haben wollen, liefere ich ihnen gern eine Grundlage für den täglichen Klatsch und Tratsch! Sie zerreißen sich so oder so den Mund über mich, dann soll es sich doch wenigstens lohnen. Bitteschön, gern geschehen!

Atemfreude, aufmerksam

Ein erster Blick auf mein Fachbuch über spaßbetonte Atemgymnastik mit Senioren

In der Hoffnung, dass mein „Atemfreude“-Buch bereits im aktuellen Verlagsprogramm des Vincentz-Verlags gelistet ist, rief ich eben die Website des Verlags auf. Und da ist mein Fachbuch über schwungvolle Atemgymnastik mit Senioren: Noch ohne Cover, aber schon mit ISBN-Nummer. Freude! Mein Mann blieb ganz sachlich und meinte nur, wie immer, wenn ich etwas veröffentliche: „Wenigstens haben sie deinen Namen richtig geschrieben.“

Jetzt fehlen von der Verlagsseite nur noch das Cover und der Druck, der wiederum erst passiert, wenn ich die finale Durchsicht geleistet und den Druck freigegeben habe. Es bleibt also spannend, bis das Buch im April auf dem Markt sein wird.

Atemfreude, aufmerksam

Die Wirksamkeit meiner Atemgymnastik „Atemfreude“ wissenschaftlich beweisen

Den TeilnehmerInnen meines Atemgymnastik-Konzepts Atemfreude erzähle ich natürlich immer mal wieder in drei Sätzen, wie weit das Manuskript zu meinem Fachbuch fortgeschritten ist. Inzwischen bat ich sie konkret um Unterstützung, da ich gerne feststellen möchte, wie weit die Wirksamkeit meines Konzepts reicht. So erstellte ich einen Fragebogen, möglichst übersichtlich in Schriftgröße 14, damit ihn jedeR lesen und verstehen kann. Schließlich nehmen auch BesucherInnen mit dementiellen Veränderungen teil, die im Alltag kaum auffällig sind, aber im Schriftverständnis Probleme haben können. Und auch allen anderen wollte ich das Lesen, Verstehen und Ankreuzen so einfach wie möglich machen.
Wie immer, wenn es um Datenerhebungen geht, teile ich natürlich viel mehr Bögen aus, als ich zurück erhalte. Dabei ermuntere ich alle, die schon einmal einen Bogen bekommen und dann irgendwo verlegt haben, gern eine weitere Kopie mitzunehmen und dieses Mal ausgefüllt wieder abzugeben… Immerhin haben inzwischen 17 Personen die Fragen beantwortet, teilweise so nachdrücklich in mehreren Farben unterstrichen und umkringelt wie auf dem Foto. Das reicht natürlich noch lange nicht für einen wissenschaftlichen Beweis der Wirksamkeit, dazu bräuchte ich noch sehr viel mehr ausgewertete Bögen. Aber es zeigt eine Tendenz.
Interessanterweise steht für viele der Senioren der Spaßfaktor stark im Vordergrund. Wie sehr es sich positiv auf den Körper auswirkt, ist zwar anhand der Fragen nachvollziehbar, scheint aber für die Teilnehmenden weniger wichtig zu sein als die fröhliche Stimmung und die kreativen Methoden. Wieder was gelernt: Nicht nur die Jugend will primär Spaß!

Zahl der Teilnehmenden: 17

1.) Durch die Atemgymnastik fühle ich mich… (Mehrfachnennungen möglich)
– gut durchblutet, wach 7
– entspannt 14
– aufgemuntert, fröhlich 14
– genauso wie vorher, kein Unterschied 0
– erschöpft 0

Eigene Antwort: Bewegung ist alles!

2.) Nach der Atemfreude habe ich
– weniger Schmerzen 5
– gleich viel Schmerzen 4
– mehr Schmerzen als vorher 0

Eigene Antwort: keine Schmerzen

3.) Meine Atmung verändert sich zum Positiven
– gar nicht
– ein bißchen 8
– mittelstark 2
– ganz eindeutig 5

– Kreuz zwischen mittelstark und ganz eindeutig 1

4.) Ich komme gern zur Atemfreude, weil… (Mehrfachnennungen möglich)
– mir Sport gut tut 7
– meine Atmung oft flach und eng ist 8
– ich vom Alltag angenehm abgelenkt werde 9
– ich damit Verspannungen lösen kann 4
– es Spaß macht 13
– die Gruppe nett ist 7
– die Anleitung nett ist 15
– andere Sportangebote nicht zu mir passen 1

5.) Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann wäre es…

– weiter solche fantasievollen Angebote, die immer wieder überraschen und erfreuen und Anlass zum Nachdenken geben
– mit der netten Gruppe zusammen zu sein, damit sich meine Verspannungen lösen, und ich fröhlich durch den Tag gehe!
– intensiver an den Übungen teilnehmen zu können (Hängt mit dem persönlichen Befinden zusammen)
– beste Gesundheit, ich fühle mich wohl und bin zufrieden
– weiter so
– das Fr. Krüerke es noch lange weiter macht
– wöchentlich einmalige mit festem Termin Übungen
– daß Frau Marie Krüerke noch viele Stunden für uns Zeit hat. Sie macht „alles“ mit viel Liebe!
– die Veranstaltung könnte häufiger sein

Atemfreude, aufmerksam

Unterwegs zum Fachbuch: Das Senioren-Model auf Position, bitte!

Mit Worten kann ich wirklich kompetent umgehen. Deswegen ist mein Manuskript für das Fachbuch über mein Konzept „Atemfreude“ fast fertig (bis auf die finale, komplette Überarbeitung…). Aber all die Übungen zur Öffnung des Brustkorbs, wo in 49 Varianten die Arme bewegt werden, klingen irgendwann alle gleich. Und die Leserin meines Konzepts wird oft genug nicht auf den ersten Blick erkennen, worin das Herzstück der jeweiligen Übung liegt.
Daher trafen mein Mann und ich uns am vergangenen Wochenende mit einer pensionierten Sportlehrerin zum Fotoshooting. Erst räumten wir ihr halbes Wohnzimmer leer, dann hängten wir die Bilder ab, zum Schluss diskutierten wir das Für und Wider von fünf verschiedenen Hockern. Dieser durfte bleiben.
Und endlich ging es los: Ich turnte vor, das Senioren-Model turnte nach, mein Mann verrenkte sich hinter der Kamera… bis wir einige Stunden später gut tausend Fotos hatten, die ich nun nachbearbeite. Die Lektorin hat die Qualität als „druckbar“ eingestuft. Jetzt dürfen mir nur nicht zu viele neue Übungen einfallen, die zum Verständnis unbedingt eine Illustration durch weitere dynamische Fotos verlangen!

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Farben-Party für Seniorenstunden oder Familienfeste

Jede Woche wartet die gleiche Gruppe mit den üblichen Verdächtigen darauf, motiviert angeleitet zu werden und einen abwechslungsreichen Nachmittag in der Tagesbetreuung, dem Seniorenheim oder der Reha zu erleben. Manchmal drohen die Ideen auszugehen, und die Lust auf die scheinbar immer gleichen Themen auch. Besonders, wenn die Teilnehmenden SeniorInnen sind, die sich weder langweilen noch überfordert werden sollen.
Daher habe ich ein Spiel entwickelt: Wir singen bekannte Volkslieder (auswendig oder vom Blatt), in denen Farben vorkommen. Alle haben vor sich ein Set aus farbigen Karten liegen, dazu wurden bunte Din A 4-Bögen einfach in Zettelchen zerschnitten. Während gemeinsam ein Lied gesungen wird, sollen alle die farblich passende Karte hoch halten, wenn das Farbadjektiv im Text vorkommt. Zum Beispiel grün in der Zeile „mein kleiner grüner Kaktus“ oder rot in der Zeile „es hat vor lauter Purpur ein Mäntlein um“. Bei „Bunt sind schon die Wälder“ werden alle Karten gleichzeitig hochgehalten.
Dabei müssen die SeniorInnen sich an den Text erinnern; sich gut konzentrieren, um rechtzeitig die Farben heraus zu hören und schnell die passende Farbkarte greifen und hoch halten.
Das Spiel eignet sich nicht nur als Auflockerung beim Gedächtnistraining, auch für ein Fest in der Seniorengruppe lässt es sich gut einsetzen. Und wer eine potenziell öde Familienfeier schwungvoll aufmischen will, kann die Liedblätter ebenso gebrauchen.
Bunte Gummibärchen oder ein frischer Obstsalat (gemeinsam geschnitten) runden den Nachmittag ab.

Alle Materialien können hier kostenlos herunter geladen werden:

Lieder über Farben, noch mehr Lieder über Farben, Ja-Nein-Spiel mit grünen und roten Farbkarten.

Weitere Stundenkonzepte und Therapiematerialien von mir.

Atemfreude, aufmerksam

Warum europäische Adelsfamilien den Alltag mit Seniorinnen erleichtern

Ein Small-Talk-Profi zu sein hilft allen, die täglich mit SeniorInnen arbeiten. Bekanntermaßen stehen in Senioren-Residenzen alle drei Meter Sitzecken mit Sesseln, in denen die BewohnerInnen eine Pause zwischen den Etappen ihres Wegs bis ins Appartement einlegen können. Viele setzen sich auch absichtlich auf besonders frequentierte Flure, in der Hoffnung, dass vorbei eilende Pflegerinnen, Putzfrauen und Pädagoginnen innehalten und einen fröhlichen Schnack anfangen. Wer fünf Mal am Tag an den gleichen Damen und Herren vorbei sprintet, verknappt den Gruß ab dem zweiten Mal erheblich. Dennoch ist hochwertiges Small-Talk-Material Gold wert, auch wenn alle gern über das Wetter und den Blutdruck sprechen. Insofern bin ich den europäischen Adelshäusern sehr dankbar, wenn sie heiraten, gebären und taufen. Selten können wir uns, jenseits von Beschwerden über das Mittagessen und fehlenden Besuch der Verwandtschaft, so harmonisch und ausführlich austauschen! Sich aus Adelskreisen heraus scheiden zu lassen oder zu sterben zählt als gesprächsfördernde Maßnahme leider nicht.

Da mein Konzept „Atemfreude“ jedes Mal ein einzigartiges Erlebnis im Rahmen einer moderierten Geschichte verspricht, bange ich gelegentlich um ausreichend Inspirationen. In jeder Stunde aktivieren wir den Körper von Kopf bis Fuß, dabei entstehen die Bewegungen aus meiner Erzählung. Auch die Atemübungen, die indirekt durch Gymnastik oder direkt mit Anleitung erfolgen, müssen abwechslungsreich und motivierend sein. Bei jeder Gruppenstunde einen ganzheitlichen und für alle schaffbaren Mix aus Übungen, biografischen Momenten und fröhlichen Liedern zu gestalten, ist anstrengend genug. Eine zugrunde liegende Geschichte zu erfinden, die aus der Lebenswelt der hochaltrigen Personen stammt und jedes Mal ganz anders ist als die Wochen und Monate zuvor, bleibt meine Herausforderung. Dabei bat ich die SeniorInnen bereits, mir Wünsche und Ideen zu nennen, die ich mit Übungen füllen und zu einem Stundenentwurf verarbeiten kann. Sie überschlugen sich in Respekt dafür, wie viele gute neue Ideen ich jedes Mal zu einem Gruppenerlebnis verbinde, hatten aber keine Vorschläge für neue Themen…
Umso dankbarer war ich für die medienwirksamen Hochzeitsvorbereitungen von Prinz Harry mit Meghan Markle. Schon vor einem halben Jahr hatte ich über eine Atemfreude mit dem Motto „Hochzeit“ nachgedacht, es aber nie umgesetzt. Die britischen Royals gaben den Ausschlag: Heiraten (spielen) wollen wir!

Jetzt nahm ich die Herausforderung an und gestaltete eine imaginäre Hochzeit im Gymnastiksaal:
Wir knicksten vor der Braut und trainierten neben den Fuß- und Kniegelenken parallel die Balance. Wir spielten enthusiastisch den Hochzeitsmarsch mit kraftstrotzenden Armen und flinken Fingern auf der imaginären Orgel und summten dabei. Wir streuten mit weiten Armbewegungen Blumen, schnupperten am Brautstrauß, begleiteten mit Pferdegetrappel (mundmotorische Übung) die Kutschfahrt und tröteten lautstark mit der Kapelle in die Trompeten.
Das Bühnenbild bestand aus „hingeworfenen Rosenblüten“ (Stoff als Unterlage), sehr eleganten grün-goldenen Tellern aus dem Geschirrschrank der Queen und opulenten Tüllblumen mit Glitzersteinen. Ein Strauß aus Kunstblumen in der Mitte schafft Höhe und sorgt für einen dreidimensionalen Blickfang. Jedes Mal habe ich nur fünf Minuten Zeit, zwischen dem vorhergehenden Angebot und der Atemfreude das Bühnenbild aufzubauen, das Therapiematerial unsichtbar und griffbereit zu verstauen, alle Ankommenden im Stuhlkreis anzuordnen und meinen Ablauf sichtbar zu platzieren. An diesem sonnigen Vormittag im Mai waren wir statt der üblichen 30 Personen nur 22, sodass alle deutlich mehr Spielraum hatten als sonst. Nicht, dass wir beim Reis werfen einander noch blaue Augen zufügen…

Atemfreude, aufmerksam

Willkommensgeschenke und Abschiedsrituale während der „Atemfreude“

Wie alles Lebendige entwickeln sich auch Konzepte organisch. So ist meine „Atemfreude“ für SeniorInnen in den letzten Monaten aus den Kinderschuhen hin zu jungen Erwachsenen gereift. Dabei entstehen nicht nur immer wieder neue Stundenentwürfe, auch die Struktur wächst und vervollständigt sich.

Jede „Atemfreude“ beginnt inzwischen mit einem thematisch passenden Gedicht. Die Verse am Anfang der Stunde laden (zusammen mit dem Bühnenbild in der Mitte des Stuhlkreises) dazu ein, im Raum und in der Gruppe anzukommen. Das Gedicht gibt eine erste Idee vom Thema der heutigen Atemfreude. Dabei brauchen die Teilnehmenden nichts zu tun, als zuzuhören und das Bühnenbild aus thematisch passenden Gegenständen anzuschauen. Die SeniorInnen haben sich auf den Weg gemacht, was bis zur Ankunft im Gymnastiksaal bereits die erste Anstrengung war. Statt direkt „los turnen zu müssen“, können sie es sich auf dem Stuhl bequem machen und sich innerlich einstimmen. Vorlesen empfinden viele alte Menschen als sehr angenehm. Mit klarer Stimme, langsam und mit lebendiger Betonung vorgelesen, entsteht für die Damen und Herren der erste Genussmoment. Als allererstes ist das Sein wichtig, nicht das Tun. Sie können einfach „da sein“ und werden gedanklich mitgenommen. Während des Zuhörens rätseln viele TeilnehmerInnen gern beim Anschauen des Bühnenbilds, wohin ich sie heute gedanklich entführe: Auf eine Insel? In die Berge? Auf den Jahrmarkt? Zu einer Geburtstagsparty? Erst danach beginnt die erste Übung, denn Wahrnehmung und Achtsamkeit sind eine wichtige Grundlage vor der Handlung.

Dann lockern wir im Rahmen der heutigen Geschichte den Körper, bauen Dynamik auf, erleben lustige Momente und knüpfen an eigene Erinnerungen an. Wir finden in eine aufrechte Haltung, die den Kreislauf und die vertiefte Atmung unterstützen, bis am Ende alle aktivierten Körperfunktionen ins gemeinsame Singen zusammenfinden.

Die philosophischen Fragen, die zum Schluss auf kleinen Karten verteilt werden, sollen die Emotionen und die Dynamik aus der Stunde in den Alltag begleiten. Sie sollen aufzeigen, wie viel größer der vermeintlich begrenzte Handlungsspielraum ist. Die Fragen auf den Karten lauten nach der Atemreise „Frühjahrsputz“ zum Beispiel:
Wenn Sie an Hausputz im eigenen Leben denken: Was möchten Sie gern in Ordnung bringen? Belastende Beziehungen, alte Erinnerungsstücke, Ballast jeglicher Art? Was möchten Sie wegwerfen, loswerden, und zwar für immer?

Oder nach der Atemreise „Erntefest“:
Was genießen Sie? Zum Anschauen, Hören, Berühren, Riechen, Schmecken? Wie können Sie den Genuss öfter im Alltag erleben?
Wofür sind Sie dankbar?

So werden die Impulse vom Ausklang der Atemfreude im Alltag zu positiven Schritten. Sie helfen auch, Schönheit wahrzunehmen. Schönheit ist wirklich kein Begriff, der uns bei der Betrachtung von alten Menschen und ihrem beschwerlichen Leben zuerst in den Sinn kommt. Dabei ist Schönheit etwas, das alle Individuen in jedem Alter berührt. Schönheit jenseits des Oberflächlichen zeigt sich in Berührungen, Klängen, Bildern, Gerüchen und Erinnerungen.

Der Alltag von Hochbetagten ist sehr wenig sinnlich. Im Vordergrund steht das Praktische und das Notwendige. Gleich dahinter das Vermeidbare wie unnötiger Aufwand oder verhasste Schmerzen. Genuss und Schönheit kommen nur sehr wenig vor. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Schönheit in den Alltag zu bringen, die die Seele berührt. Denn sie zeigt sich auch im Kleinen, Bruchstückhaften. Sehr wichtig finde ich es, offen für die Bedürfnisse der Seele zu sein. Gedichte und Lieder berühren die Seele, das ist besonders bei Menschen mit Demenz zu beobachten. Nahrung für das Innere des Menschen ist in meinen Augen genauso wichtig wie Anregung für den Körper.
Alle Elemente des Konzepts, vom Biografischen über den spielerischen Charakter bis zum Genuss des Moments dienen letztlich dazu, Körper und Seele zu verbinden.

Hier habe ich kurz und knapp die Grundlagen der Atemfreude dargestellt.
Weitere Hintergründe sind hier zu finden.

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„Frau Krüerke, kann ich da mal dran lecken?“


Neulich berichtete ich
von dem riskanten Experiment, mit meinen sehr fitten, anspruchsvollen und elitären SeniorInnen einen Nachmittag voller Ratespiele und Wahrnehmungsübungen zu gestalten. Wider Erwarten gelang eine fröhliche, ausgelassene Stimmung in der Runde, sodass ich den heutigen „Quiz- und Ratespielen“ deutlich gelassener entgegen sah. Dieses Mal wollten alle eine Karte mit einer Rätselfrage bekommen, vorlesen und anschließend auflösen – so viele Karten hatte ich gar nicht gebastelt. Als ich erklärte, dass es nur eine begrenzte Anzahl Fragen gäbe, weil die Fragen ja nicht zu blöd, nicht unanständig, nicht zu sehr um die Ecke gedacht, nicht zu leicht und nicht zu bekannt sein sollten, meinte ein Herr: „Da fielen mir genau null passende Fragen ein.“ Nur eine Dame war wirklich muksch und schmollte noch eine Weile: Ungerecht! Ungerecht! Aber da ich jedes Mal das Material in Internet und Fachbüchern selbst zusammen suche, liegt dem Ganzen eine gewisse Begrenztheit zugrunde. Dennoch werde ich nächstes Mal darauf achten, für alle eine Karte zu basteln.
Dafür klappte das Spiel, bei dem sich eine Person von der Gruppe anschauen lässt und anschließend vor der Tür etwas an der Kleidung ändert, was erraten werden soll, sehr gut. Zwei Damen tuschelten eine Weile recht laut miteinander, bis sie sich entschlossen, gemeinsam vor die Tür zu gehen. Draußen tauschten sie ihre Brillen sowie jeweils einen Schuh. Auf dem Rückweg hatten sie Angst, mit den falschen Brillen nichts zu sehen…
Viel Heiterkeit brachte mir die Bemerkung „Sie dürfen an-, aus- und umziehen, was Sie wollen. Hauptsache, Sie kommen bekleidet zurück,“ ein. Allein der Gedanke, was man unter der Kleidung alles verändern könne, ohne dass die Gruppe es nach der Rückkehr der Person bemerken würde, erregte höchstes Amüsement. Nein, wir fanden nach der Stunde keine abgelegten Hüfthalter auf dem Flur…
Außerdem hatte ich von zu Hause wieder diverse Gegenstände mitgebracht. Diesmal wurden sie nicht blind im „Grabbel-Büddel“ ertastet, sondern sichtbar auf ein Tablett gelegt. Eine Person ging hinaus, nahm etwas weg, legte ggf. die verbliebenen Dinge anders hin und kehrte zurück. Was fehlte? Hierbei wurde mir dringend geraten, nach dem Programm eine Kontrolle der Hosentaschen durchzuführen, was weitere Heiterkeitsausbrüche nach sich zog. Auch wurde mir sehr dezidiert mitgeteilt, wer den Strohstern gut gebrauchen könnte und wer die Uhu-Tube: Falls ich drauf verzichten kann….
Zum Schluss meinte ich: „So, wir gehen noch einmal mit dem Tablett raus und nehmen etwas weg. Danach stelle ich das Tablett unter den Tisch und wir schauen mal, ob uns alles einfällt, das zuvor darauf gelegen hat. Wer mag noch einmal raus gehen?“ Keine Reaktion. Ich schaute besonders motivierend und aufmunternd in die Runde. Ein Herr: „Ja nu, Sie kriegen Geld dafür, dass Sie rausgehen und uns mit Rätseln unterhalten. Wir nicht. Jetzt gehen Sie schon!“
Ein schwieriges und ein leichtes Labyrinth mussten auch dabei sein, wobei eine Dame ihre Nachbarin und Freundin bezichtigte, „abgemalt“ zu haben.
In der Küche hatte ich mir drei Glasschälchen mit Mehl, Salz und Zucker füllen lassen. Das Mehl war natürlich einfach zu erkennen, aber auch Zucker und Salz wurden rein visuell zugeordnet – ganz ohne „Finger anlecken und mal probieren“!

 

Hier sollte man besser auch nicht „anlecken“…

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Sternstunden und Sternschnuppen

Letzte Woche gestaltete ich den „Musikalischen Nachmittag“ mit Abend- und Gute-Nacht-Liedern. Da es kein gemeinsames Singen zu später Stunde gibt, beschloss ich, die liebsten Abendlieder der SeniorInnen einfach mal am Nachmittag zu singen. So früh, wie es dunkel wird, fällt das gar nicht groß auf…
Zwischendurch machten wir Pause, um aus gelber und cremefarbener Pappe Sterne auszuschneiden (ich hatte mit einer Schablone vorgearbeitet und für alle arthritischen Finger bereits einen Schwung Sterne ausgeschnitten). Darauf sollte eine „Sternstunde“ in diesem Jahr notiert werden –  ein Dank. Und auf die Rückseite eine „Sternschnuppe“ für das kommende Jahr – ein Wunsch.
Im Anschluss ging es mit Englisch weiter, hier hatte ich mir mit einem Blick auf den Kalender als Thema „Thanksgiving – Count your blessings“ ausgedacht. Dabei tauchte die Schwierigkeit auf, dass ein Herr meinte, er fände das mit der Dankbarkeit sehr schwierig. Weil er nicht wisse, wem er danken solle: Für den schönen Urlaub, die Gesundheit, dass er sich im Haus wohlfühlt. Ihm fehlte ein Adressat für den Dank, was in der Gruppe mit Befremden aufgenommen wurde, ich aber sehr gut nachvollziehen konnte. Auch weil ich etwas Mitleid mit seinem leeren Stern hatte… 😉
Wem danken wir dafür, dass wir in einem sicheren, wirtschaftlich starken Land leben? Dafür haben wir nichts geleistet. Dass wir hier geboren wurden und nicht im Slum in Indien, ist nicht unser Verdienst. Wem danken wir, dass wir dieses Jahr gesund und im Straßenverkehr bewahrt blieben? Auch dafür haben wir nichts geleistet. Wem danken wir, dass das Geld reichte? Natürlich haben wir dafür gearbeitet, aber dass es letztlich reichte und noch etwas für Schokolade und Urlaub übrig war, das hätte auch anders ausgehen können.
Vieles liegt nicht in unserer Hand. Wir meinen, wir könnten unser Leben kontrollieren, indem wir uns an die Regeln halten und allgemein „unser Bestes geben“. Dass wir vor Arbeitslosigkeit verschont blieben, die Freundinnen und Familienmitglieder gesund und munter sind, das Haus warm und stabil ist, der Bus täglich pünktlich fährt, der Supermarkt vor Nahrungsmitteln überquillt – all das liegt nicht in unserer Macht.

 

 

So bleibt die Frage, wem wir dafür danken.
Wer an Gott glaubt, hat eine Adresse. Diese Adresse eignet sich nicht nur für Dankbarkeit, auch für Enttäuschung, Anklage und geplatzte Träume. Natürlich sind wir selbst es, die unser Leben täglich füllen. Und dennoch gibt es keine Geling-Garantie. Weshalb Dankbarkeit uns immer wieder neu vor Augen führt, was uns im Alltag geschenkt wird. Was uns zufällt, oft unverhofft. Meist gehen wir achselzuckend daran vorbei oder glauben, es verdient zu haben. Aber warum sollten wir es verdient haben, und andere nicht? Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist?
Dankbarkeit hilft, jenseits des Machbarkeitswahns das im Blick zu behalten, was uns geschenkt wird. Unverhofft. Unverdient.

 

 

Die beschrifteten Sterne klebte ich an die „goldene Wand“ in der Lobby, sodass alle BewohnerInnen und BesucherInnen einen Blick darauf werfen können. Wer wollte, konnte den Stern auch leise für sich beschriften und unter Ausschluss der Öffentlichkeit mitnehmen.

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