aufmerksam

Hattem: Mittelalterliche Lebensfreude an der Ijssel

Hattem ist eine kleine, verschlafen-fröhliche Hansestadt an der Ijssel.
Sie liegt Zwolle, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Region auf der anderen Seite des Stroms gegenüber.

Hier wohnt ein Entenpaar in der Fußgängerzone und die EinwohnerInnen leben sehr entspannt und „gezellig“ in diesem friedlichen Städtchen. Die Dame im Tourismusbüro überschlug sich vor Ideen und Begeisterung und hörte kaum auf, mir spannende Veranstaltungen vorzuschlagen. Täglich fuhren wir auf dem Weg in die Tulpenfelder am örtlichen „Kinderbauernhof“ vorbei, winkten den Lamas, Eseln und Schafen.

Der Wochenmarkt findet ganz charmant auf einer Brücke statt und das Bäckerei-Museum bietet täglich Workshops zum Backen an. Ich meine, wie gemütlich kann es denn noch werden?

Mit unserem Hausboot in der Marina waren wir sehr zufrieden, eine dicke rote Katze übernahm die Begrüßung und das Einchecken. Die Besitzer und Angestellten waren alle sehr nett und entspannt, wer also in Hattem anlegen oder campen möchte: Wir empfehlen diesen ruhigen Schlafplatz sehr. Wer sich für Einzelheiten interessiert, frage mich bitte über das Kontaktformular.

aufmerksam

Familienhotel in Hamburg

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Vor Kurzem berichtete ich bereits, dass mich Fachbücher aus der Gastronomie und Hotellerie sehr inspiriert haben. Dabei kam mir der Geistesblitz, dass ich mir gut eine Tätigkeit in einem hamburger Familienhotel für mich vorstellen kann. Alle meine Lieblingstätigkeiten wären dabei: Projekte organisieren und durchführen, kreative Zeit mit Kindern und Jugendlichen gestalten, Erlebnisräume schaffen, positive Momente des Miteinanders erleben, für eine liebevolle und ästhetische Atmosphäre sorgen und fröhliche Feste feiern. Völlig begeistert von meiner Idee schaute ich mich im Internet um und fand zum Thema „Familienhotel in Hamburg“ – nichts.
Es gibt in Hamburg kein Familienhotel.
Wir finden Hotels, deren Einrichtung für junge Familien passt und die auch für mehrere Personen bezahlbar sind. Aber Mehrbettzimmer und reduzierte Preise am Frühstücksbuffet für Kinder sind in meinen Augen noch kein „Familienhotel“.
Ein Familienhotel, wie ich es mir vorstelle, hat passende Räumlichkeiten für unterschiedliche Altersgruppen. Es gibt ein buntes Programm von „ruhigen“ Elementen wie Vorlesen, Singen und Basteln über sportliche Aktivitäten bis hin zu Tagesausflügen. Ein abendlicher Babysitter ist Standard, keine extra zu buchende Sonderleistung. Ein geräumiges, grünes Außengelände gehört für mich ebenso dazu wie eine gut ausgestattete Sporthalle. Mehrere Speisesäle in unterschiedlichen Größen sorgen dafür, dass auch die Kleinsten in Ruhe essen können und keinen Overkill von dreißig grölenden Acht- bis Zwölfjährigen bekommen. Passend zu den Jahreszeiten gibt es Schwerpunkte in der Gestaltung der Ausflüge und Betreuungsangebote vor Ort. Die Eltern können die ausgezeichnete Infrastruktur im Hotel als Basis nutzen, während sie einen gemeinsamen Familienurlaub nach eigenen Vorstellungen gestalten. Genauso können die Kinder stunden- und tageweise betreut werden, damit die Eltern beruflichen Verpflichtungen nachgehen oder Zeit zu Zweit genießen können.

Das wäre in meinen Augen ein Familienhotel.
Falls jemand eins in Hamburg eröffnet und noch fröhliche, anpackende Angestellte sucht:
Ich wäre dabei!

 

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Dieses Foto wurde mitten in Hamburg von einem Kanu auf der Alster aufgenommen.
Kanutouren gehören selbstverständlich zum Programm des Familienhotels…

aufmerksam

Zutiefst erschrocken

Heute habe ich mich zutiefst erschrocken, weil ich im Flüchtlingsheim in eine schwierige Situation geriet:
Nach dem Kinderprogramm suchte ich zusammen mit einer anderen Ehrenamtlichen draußen, bei Dunkelheit und Regen, nach einem Kettcar, dass sich die Kinder ausgeliehen und nicht zurück gebracht hatten. Ich bat einige der Jungs um ihre Hilfe, ob sie wüssten, wer damit gefahren sei oder wo es stehen könne. Im Gegensatz zu sonst waren die Jungs sehr einsilbig und schnell wieder weg, sodass ich die Mädchen fragte. Mir war natürlich klar, dass die Mädchen mit mir zusammen gebastelt hatten und entsprechend genauso wenig wie ich wussten, wer wann wo mit dem Kettcar gefahren war. Aber Kinder haben ihre Quellen, und Helferinnen zu haben ist immer gut. Das Mädchen mit den besten Deutschkenntnissen meinte, sie zeige mir, bei welcher Familie ich klopfen solle. Es klang so, als habe sie den Verdacht, dass jemand das Kettcar zu sich genommen habe. So stand ich mit einem Haufen Mädchen im Grundschulalter im Flur des Wohncontainers, während sie an die Tür schlug. Als die Tür geöffnet wurde, standen vor mir weitere Mädchen, mit denen ich gebastelt hatte – ganz sicher hatten sie nirgendwo ein Kettcar versteckt. So musste ich schnell mein Anliegen umformulieren und bat sie ebenfalls um Hilfe, was angesichts der streng schauenden, tendenziell rachsüchtigen Mädchen um mich herum schwierig zu vermitteln war…. Der Vater erschien und bat mich, auf englisch zu erklären, worum es ginge. Das tat ich eifrig, während mir klar war, dass er mir nicht helfen könne und es nur darum ging, sein Vertrauen zu gewinnen. Wenn Deutsche aus heiterem Himmel im Wohncontainer stehen und an Türen pochen,  wirkt das sehr schnell bedrohlich für die BewohnerInnen. Während ich noch versuchte, dem Vater klar zu machen, dass für ihn und seine Familie alles in Ordnung sei und ich lediglich ein blödes Kettcar suchte, erschien am hinteren Ende des Gangs eine tränenüberströmte Frau.
Schnell wurde deutlich, dass ein Mädchen vermisst wurde. Sobald ich wusste, dass es sich um Narine (Name geändert) handelte, wurde mir ganz flau und ich ließ den Vater stehen. Ich kenne Narine erst seit wenigen Wochen, aber seit sie mir neulich durch die Tür entgegen flog und um den Hals sprang, ist sie eins meiner „Herzenskinder“.
Nun verstand ich auch, warum ich draußen auf den Vater und den Bruder getroffen war, die mich mit wütendem „Nix Narine“ angefaucht hatten, während ich rufend das Kettcar gesucht hatte. In dem Moment hatte ich geantwortet, dass mir klar sei, dass Narine heute gar nicht im Kinderclub gewesen sei, aber dass die Botschaft „Wir vermissen Narine“ heißen sollte, verstand ich erst jetzt. Leider sprach die Mutter nur kurdisch, sodass ich kaum etwas heraus finden konnte. Offenbar war Narine, als ihr Vater sie zusammen mit dem Bruder von der Schule abholen wollte, nicht dort gewesen und bis zum jetzigen Zeitpunkt am Abend nicht heimgekehrt. Natürlich bot ich an, die Polizei anzurufen, auch wenn mir klar war, dass ich kaum Sinnvolles beisteuern konnte. Weder kannte ich den Namen der Schule noch die Uhrzeit des Schulschlusses. Es gab keine Klassenliste, keine Telefonnummer von Freundinnen oder LehrerInnen. Ich hatte nichts in der Hand außer meiner Fähigkeit, deutsch zu sprechen. Die Mutter weinte anhaltend, schüttelte beim Wort „Polizei“ den Kopf und zog mich in ihr Zimmer. Dort redete sie gestikulierend auf kurdisch auf mich ein, was mir trotz der Gesten nichts half. Auch das einzig verständliche Wort „Bahnhof“ brachte mich nicht weiter: Hätte sie dort sein sollen oder gerade nicht? War „Bahnhof“ eine Hoffnung oder eine Befürchtung?
Ich konnte der Mutter so nicht helfen und ging zurück auf den Flur. Dort bat ich eine andere Mutter, die ebenfalls die Polizei rufen wollte, um ihr Telefon. Ich diktierte ihr 110 zu wählen, während ich überlegte, was ich der Polizei überhaupt sagen könnte. Im Verlauf der Aufnahme der Daten seitens des Beamten merkte ich, wie laut es im Flur war, und trat nach draußen. Gerade, als ich den Vornamen NARINE angegeben hatte, antwortete der Polizist mit einem Wort, das ich unmöglich verstehen konnte. Während er es wiederholte, fragte ich mich krampfhaft, ob es irgendein polizeiinternes Fachwort sein könnte, und meinte, ich wisse leider nicht, was er damit meine. Ob die Familie so hieße, antwortete er. Ich trat zurück auf den Gang und wiederholte den Namen, so gut es ging. Nach zwei Versuchen war klar, dass der Nachname passte. Der Polizist gab an, dass das Mädchen in Hamburg-Volksdorf auf der Wache sitze und er mich durchstellen würde. Auf keinen Fall solle ich auflegen! Etwas später sprach ich mit einem Beamten in Hamburg-Poppenbüttel, der sagte, Narine sei bei ihnen gelandet, sie werde umgehend in die Flüchtlingsunterkunft gefahren. Eben habe bereits eine andere Frau angerufen und das gleiche Kind gesucht. Ich war kurz davor, ähnlich der Mutter in Tränen auszubrechen, bedankte mich mehrfach und versuchte den anwesenden Mädchen und Müttern klarzumachen, dass Narine in Sicherheit und unterwegs hierher sei. An dieser Stelle wäre ich vor Erleichterung fast zusammengeklappt.
Inzwischen war der Bruder aufgetaucht, dem ich die Lage erklärte, der sie an die Mutter weitergab. Da auch er erst wenig deutsch spricht, wusste ich nicht, wie viel bei ihm und bei der Mutter angekommen war. Sie lächelte unter Tränen, und plötzlich stand eine Frau aus der Unterkunftsleitung mitsamt dem Vater und einem weiteren Mann im Flur und erklärte, Narine sei bei der Polizei und komme bald. „So weit sind wir auch gerade,“ meinte ich und verabschiedete mich kurz darauf.
Währenddessen war die zweite Ehrenamtliche rufend durch den Regen gelaufen, weil sich zwar das Kettcar wieder angefunden hatte, aber ich verschwunden war. Ich erklärte die Situation, entschuldigte mich und schloss die Räume ab.

Zu Hause angekommen musste mich mein Mann erstmal umarmen und festhalten, während ich ihm erklärte, mir sei ein weiterer Grund eingefallen, weshalb wir unmöglich Kinder bekommen könnten: Wenn mich ein Flüchtlingsmädchen und ihr Verschwinden derart mitnehmen, was täte ich dann mit vermissten eigenen Kindern? Erst eine Stunde später ließ das Rumoren meiner Eingeweide nach. In meinen Augen sind Flüchtlingsmädchen ohne Sprachkenntnisse und ohne Orientierung in der Umgebung das perfekte Fressen für Pädophile und ich brauchte eine Weile, bis ich mich beruhigt hatte.
Immerhin wurde mir im Nachhinein bewusst, dass ich aufgrund des vermissten Kettcars die Mutter entdecken und ihr „von Frau zu Frau“ helfen konnte. Dank der Unterkunftsleitung wäre das Mädchen auch ohne mich wieder aufgetaucht. So aber hatte die Mutter spontan Hilfe einer Fremden erfahren, was vielleicht genau die Botschaft war, die Gott ihr heute schicken wollte: Du bist wertvoll und ich sorge für dich und deine Kinder.

 

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aufmerksam, Gäste & Feste

Miteinander essen, das kann schön sein

Von einer wunderbaren Idee las ich kürzlich in einem Magazin für Norddeutschland:
Susanne Kollmann organisiert im Rahmen eines Projekts Blind Dates zwischen Deutschen und Syrern, die in teilnehmenden Restaurants in Kiel mit syrischen Gerichten verwöhnt werden. Entstanden ist die Idee angesichts der Kriegsbilder aus Syrien, inzwischen wurde die Aktualität durch die Flüchtlingsströme geradezu überholt.
Während des gemeinsamen Essens geht es darum, mehr über den Alltag von Syrern zu erfahren: „Wie riecht Syrien? Welches Aroma verbindest du mit deiner Stadt? Was bedeutet für dich Heimat? Wer sind die Menschen, mit denen du über deine Zukunft sprichst?“

Die eingeladenen SyrerInnen erfahren Interesse und Anteilnahme an ihrer Geschichte. Die Deutschen erleben in einem Blickwinkel jenseits der Berichterstattungen den Alltag der SyrerInnen: Den Alltag „vorher“ und den Alltag „heute“. Beide sind zu Gast. Die einen schmecken heimische Speisen, die deutsche Köchinnen und Köche so original wie möglich versucht haben zuzubereiten (auch eine Form der interkulturellen Auseinandersetzung). Die anderen probieren zum ersten Mal Gerichte, die sie bisher nicht kannten.
Zusammen dokumentieren sie ihr Treffen mit einer gemeinsam beschrifteten und bemalten Serviette.
Daraus entsteht eine Ausstellung rund um eine interaktive Tafel im Kieler „Kunstraum B“.

Die Überschrift stammt aus dem Tischlied „Miteinander essen, das kann schön sein. Froh zu Tische sitzen, lieben wir. Gaben lasst uns teilen und auch noch verweilen, schön, dass wir zusammen sind“.
Text und Musik von Wolfgang Longardt, hier zitiere ich die erste Strophe.

aufmerksam, glaubhaft

Ein geflüchtetes Ehepaar erzählt

Gerade habe ich mir die Geschichte eines geflüchteten Ehepaars aus Syrien angeschaut. Das Video ist abrufbar über die Mediathek des NDR. Aeda und Bassam erzählen von ihrem Alltag in Damaskus, dass sie hart gearbeitet und sich über viele Jahre hinweg alles aufgebaut haben: Eine Stofffabrik, ein eigenes Haus, einen guten Lebensstandard. Sie haben Kinder bekommen und täglich hart gearbeitet. Innerhalb weniger Monate haben sie alles verloren. Ein erster Umzug in eine Gegend, die sicherer schien, blieb erfolglos. So verkauften sie alles, um 4.000 Euro für die Flucht von Bassam zusammen zu bekommen. Er erzählt von den Schleusern, der Fahrt über das Mittelmeer, das Boot, das neben ihnen sank und alle ertranken. Seine Angst, sein Herzstechen, die schwindenden Ersparnisse. Aeda hielt es nicht aus und folgte ihrem Mann zusammen mit ihren Kindern, nachdem sie sich den Segen ihrer Familie und Schwiegerfamilie geholt hatte. Nach langen Irrwegen und Schikanen treffen sich die Ehepartner in Griechenland wieder – die Familie ist vereint, in Sicherheit sind sie noch lange nicht. Zu Fuß durchqueren sie Mazedonien, immer in Angst vor den Diebesbanden in den Wäldern Osteuropas, die Flüchtlingen auflauern, bis sie in Ungarn ankommen und interniert werden. Tagelang sitzen sie im Freien auf dem kalten Boden, erhalten keinerlei Nahrungsmittel, keine Decken, nichts. Nur ein Zaun trennt sie von allen Hilfsgütern, die sie dringend bräuchten und die niemandem zugestanden werden, noch nicht einmal den Kleinkindern und Babies. Einmal klettert ein junger Mann über den Zaun, sobald die Wärter außer Sicht sind, und holt einige Hilfsgüter, um wenigstens die Jüngsten und Schwächsten teilweise zu versorgen.

Eines Tages endet ihr Weg in Norddeutschland. Zum Glück werden sie freundlich aufgenommen, finden Unterstützung und Kontakt zu Deutschen. Sie sind sehr dankbar und würden gern für all die netten Menschen kochen, die sie kennengelernt haben, wenn sie eine Küche benutzen dürften.Weiterhin ist es für sie nur schwer zu begreifen und äußerst schmerzhaft, an ihr bisheriges Leben zu denken und zu wissen, dass alles für immer vorbei ist.

Auch interessant: Tausend Flüchtlinge werden in einem niedersächsischen Dorf einquartiert – Vorher und Nachher.

aufmerksam

Der Tag, an dem Marie plötzlich Halloween vorbereitete

Während der Jahre als Logopädin habe ich gern aus den Geschichten der Familie Klick vorgelesen. Sie stammten aus der Zeitschrift „Hoppla“, der einzigen mir bekannten tatsächlich pädagogisch wertvollen Kinderzeitschrift. Die Bildergeschichten waren stets vier Seiten lang und eigneten sich hervorragend zum Vorlesen. Sie waren nah an der Realität der Kinder, weckten Emotionen, stellten Konflikte dar und gingen immer gut aus. Je nach Therapieziel änderte ich die Texte während des Lesens zugunsten einer hohen Betonung der Verben oder einer grammatischen Struktur. Die Kinder liebten Familie Klick genauso wie ich.
Jede Episode begann mit „Der Tag, an dem Schilda, die großartige, die einzigartige Schildkröte der Familie klick, feststellte, dass……..“ und dann folgt die Moral der Geschicht, die im Folgenden dargestellt wird.
Heute ist der Tag, an dem Marie, die fröhliche, spontane Ehrenamtliche aus Hamburg, feststellte, dass eine Horde temperamentvoller Kinder aus dem Flüchtlingsheim zu Halloween zu Besuch kommen wird. Und das, wo Marie Halloween hasst und für einen dummen konsumorientierten Import  aus den USA hält.
Das Ganze begann vor wenigen Tagen, als ich entgegen meiner eigenen Planung nicht in der Eventfloristik arbeitete, sondern plötzlich einen Tag frei hatte. Nach einigen Stunden am PC zugunsten von Mails und Rechnungen machte ich mich auf, diverse Tüten wegzubringen: Angesammeltes Altglas, Kleider für die Spende, Bettwäsche für das Flüchtlingsheim usw. Im Flüchtlingsheim angekommen, wurde ich sofort von einer Traube Jungs umringt, die sich während der Schulferien schrecklich langweilten. Sie schüttelten mir artig alle nacheinander die Hand und halfen mir sehr eifrig, den Weg zur Kleiderkammer zu finden – was darauf hinauslief, dass sie im Container der Unterkunftsleitung auf dem Flur mit Neuankömmlingen schnackten, bis die passende Mitarbeiterin ihr Gespräch beendete und die Tüte in Empfang nahm. Leider war damit meine Mission bereits beendet, was ihnen gar nicht passte, sodass sie mich bezüglich „Cho… dieses Cho….“ löcherten. Ich kam bald darauf, dass sie Halloween meinten, nachdem sie mir erklärten, sie würden auf der Straße herumlaufen und überall klingeln. Daraufhin fragte ich, ob sie denn etwas zum Verkleiden hätten, was sie verneinten (so ein Zufall, dass ein Flüchtlingsheim nicht mit Kostümen für JedeN ausgestattet ist…). Ich erklärte ihnen, dass ich zu Hause noch einen ganzen Stapel Pappteller hätte, die könnte ich der ehrenamtlichen Chefin des Kinderclubs vorbei bringen, damit sie am folgenden Tag beim Kinderclub gemeinsam Masken basteln könnten (ich war anderweitig unterwegs und konnte nicht dabei sein).
Kurze Zusammenfassung: Marie bringt Spenden weg und hat plötzlich einen neuen Punkt auf der Tagesliste, statt einen abgehakt.
Als nächstes fragten sie mich, wo ich wohne, damit sie bei mir klingeln können, sobald sie ihre Masken haben und der passende Tag für Halloween angebrochen ist. Da es mir allemal lieber war, einen Schwung Flüchtlingskinder in unserem Haus zu haben statt bei Fremden, die womöglich die Polizei rufen, meinte ich, sie könnten ja mitkommen, ich hätte eh genug zu tun und müsse aufbrechen. Daraufhin rannten sie alle in verschiedene Container, um ihre Fahrräder zu holen. Lange Zeit kam niemand wieder, dafür trauten sich langsam die Mädchen raus und unterhielten sich mit mir. Einer der kleineren Jungs fragte mich fünf Mal, wann genau Halloween sei, was ich ihm jeweils mit den Fingern vorrechnete. Als nächstes stellten die Älteren fest, dass Fahrradschlüssel schneller verloren gehen als gedacht und der Hausmeister beim Schlösser aufschneiden helfen müsse. Ich verlor langsam die Geduld und meinte, sie könnten wirklich zu Fuß mitkommen, es sei nicht weit. Mein Fahhrad hatte nur als Transport für die schwere Tüte mit der Bettwäsche gedient. Nein, auf keinen Fall, jetzt müsse der Hausmeister her, der schneidet das Schloss auf. Ich seufzte „Von ein bißchen Fußweg ist noch keiner gestorben,“ aber der Hausmeister antwortete, doch, hier schon.
Einige Zeit später waren ganze zwei Jungs mit Fahrrädern anwesend sowie ein jüngerer mit seinem Roller. Leider gehörte er nicht zur Peer Group der örtlichen Chef-Jungs, sodass sie ihm verboten, mitzukommen. Was mich zu der inzwischen dezent genervten Aussage veranlasste, dass jawohl alle, die fahren könnten, mitkommen dürften, warum denn nicht, bitteschön? Schlussendlich waren wir dann alle unterwegs, mit Rädern, Rollern und auf dem Gepäckträger. Bei sonnigen 12°C waren die Kinder in T-Shirts unterwegs, was ihnen nichts auszumachen schien – im Gegensatz zu der Aussicht ZU FUSS gehen zu müssen. Da ich so langsam fuhr, dass der Jüngste mit dem Roller neben mir das Tempo halten konnte, brauchten wir tatsächlch mehr als fünf Minuten bis zur Haustür….
Dort angekommen prägten sich die Kinder die Hausnummer ein, ließen sich das richtige Klingelschild zeigen sowie die Fenster im passenden Stockwerk. Außerdem besprachen sie sehr professionell mit mir, was sie sagen könnten, wenn sie kämen, damit ich weiß dass SIE es sind, wenn es am Halloween-Abend bei mir klingelt. Glaubt mir, dass weiß ich, aber dennoch einigten wir uns ganz erwachsen auf einen Gruß, den sie mir durch die Gegensprechanlage schreien wollen. Herrlich.

Nächstes Mal, wenn ich Spenden abzugeben habe, werde ich sie bis zur Unkenntlichkeit verkleidet während des Schultags im Flüchtlingsheim vorbei bringen.
Ich hatte einen Punkt auf meiner Liste abgehakt und vier neue hinzubekommen: Mit Kindern durch den Stadtteil radeln, mit einer Ehrenamtlichen telefonieren und das Anfertigen von Masken besprechen, abends Pappteller zu ihr bringen und zwischendurch Familienpackungen Süßigkeiten besorgen.
Dies war also der Tag, an dem Marie, die fröhliche, die spontane Ehrenamtliche aus Hamburg, nur kurz Liegengebliebenes wegschaffen wollte und plötzlich ihren kompletten freien Tag umplanen konnte.

 

AhornGelb

Ich bin sehr, sehr gespannt, was heute Abend passiert…

aufmerksam, feminin, glaubhaft

Frauen flüchten anders

Beim Watch-Salon erschien eine sehr umfangreiche Liste an Artikeln zum Thema „Frauen auf der Flucht – Geflüchtete Frauen brauchen Schutz“. Angesichts der Vielzahl an jungen Männern, die hier das Bild des Begriffs „Flüchtling“ prägen und ebenfalls in den Medien vorrangig gezeigt werden, werden die geflüchteten Frauen oft übersehen.
Auf der Website des Watch-Salons wird unter anderem auf diesen Artikel verwiesen, der sagt:

„(…) Manche kommen aus Kulturen, in denen eine Frau, die sich alleine unter fremden Männern zeigt, damit die Ehre ihrer gesamten Familie beschmutzt. Wieder andere haben auf der Flucht entsetzliche Gewalt durch Männer erlebt und sind noch nicht in der Lage, sich in einem Raum mit Männern aufzuhalten. Manche mussten auf der Flucht ihre Kinder beerdigen und können das Kinderglück der anderen Flüchtlinge noch nicht ertragen. Und wieder andere sind z. B. vor oder wegen Zwangsheirat, Gewalt, Vergewaltigungen oder Genitalbeschneidung geflohen.

Hinzu kommt, dass an den Frauen auch hier der Großteil der Arbeit hängenbleibt. Wenn sie z. B. in Großraumzelten untergebracht werden, dann werden Frauen und Kinder in anderen Zelten untergebracht als die Männer. Was sich aus Sicherheitsgründen gut anhört, bedeutet, dass die Frauen alleine zuständig sind, wenn ein Kind Alpträume hat, wenn es nachts zur weit entfernten Toilette muss, wenn es Hunger hat, wenn die Wäsche gewaschen werden muss usw.

Wo selbst gekocht werden kann, machen das meist die Frauen. In manchen Sammelunterkünften weigern sich manche Männer, ihren eigenen Schmutz wegzumachen – auch das bleibt dann an den Frauen hängen. Allein geflohene Frauen sind weder auf der Flucht, noch in Gemeinschaftsunterkünften sicher. Sie kommen nie zur Ruhe, und sie können – obwohl sie hier (theoretisch) in Sicherheit sind – nie entspannen.

Was Sie außerdem anbieten können:

  • weibliche Dolmetscherinnen für die Frauen
  • weibliche Patinnen für die Frauen
  • Frauentage in Ihrem Café für Flüchtlinge und im Internetcafé
  • Öffnungszeiten nur für Frauen in Kleiderkammer und Laden
  • Deutsch- und Alphabetisierungskurse nur für Frauen
  • Radfahren beibringen
  • Computerkurse nur für Frauen
  • Sportkurse nur für Frauen
  • Freizeitangebote nur für Frauen, von Nähstunden über Spaziergänge bis hin zu Kulturbesuchen
  • reine Frauensprechstunden bei der Hilfe mit Behördenproblemen
  • Ärztinnen bei Gesundheitsproblemen ausfindig machen, nicht Ärzte
  • spezielle Berufsberatung für Frauen
  • Frauen bei der Anerkennung ihrer Zeugnisse helfen
  • Frauen bei der Suche nach Praktika und Arbeitsplätzen unterstützen
  • Kinderbetreuung für all diese Zeiten, in denen die geflüchteten Frauen nur mal was für sich machen können“

Quelle: „Vergessen Sie die Frauen nicht – Wie Sie speziell geflüchteten Frauen helfen können“

 

aufmerksam, glaubhaft

Zu Besuch im Flüchtlingsheim

Seit einigen Wochen findet in „unserem“ Flüchtlingsheim, das in Luftlinie ca. 200 m von uns entfernt liegt, einmal pro Woche der „Kinderclub“ statt. Ehrenamtliche spielen mit den Kindern, sammeln Spenden und verteilen sie. Bisher hatten wir gutes Wetter, sodass ich mit einigen Mädchen draußen sportlich aktiv war: Springseil schwingen und „Teddybär, Teddybär, dreh dich um“ gefühlte hundert Mal singen, Frisbee werfen, Fußball spielen. Neben vielen guten Erlebnissen gehören dort ganz andere Umgangsformen der Erwachsenen gegenüber den Kindern dazu – für mich schwer zu ertragen, aber ich bin nur Gast.

An dieser Stelle möchte ich teilen, welche Unternehmungen geplant und durchgeführt werden, um andere Ehrenamtliche zu inspirieren. Über weitere Ideen freue ich mich!

Für die Kinder

– Angebote zum Spielen, Basteln, Malen. Drogerien spenden dafür benötigte Mittel wie Papier, Stifte, Knete, wenn sie darum gebeten werden.

– Vorlesen und gemeinsames Anschauen von Büchern mit den Kleinkindern. Hier ist es besonders schön, wenn die Mütter mitmachen und den Kleinen Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig entsteht ein besserer Kontakt auch zu den Eltern, als wenn sich Ehrenamtliche und Eltern nur flüchtig auf dem Gelände sehen.

–  Bei gutem Wetter sportliche Gruppenangebote zwischen den Häusern der Unterkunft, um Energie abzubauen und Koordination sowie Fitness aufzubauen: Fußball, Federball, Volleyball (klappt auch mit einem aufgeblasenen Wasserball ohne Netz), Frisbee, Seilspringen, Hüpfekästchen, Tauziehen, usw. Da manche Flüchtlingsunterkünfte auf Sportplätzen oder neben Schulen entstehen, lässt sich erfragen, ob am Wochenende die Turnhalle genutzt werden darf: Damit die Kinder aus den engen Räumen der Unterkunft kommen und auch die Erwachsenen Frust und Angst durch Sport abbauen.

– Hausaufgabenhilfe in den Fällen, wo es keine Ganztagsschule gibt: Schließlich können die Eltern ihren Kindern nicht helfen, wenn diese beim Lernen nicht weiterwissen.

– Kartenspiele, die sich auch nonverbal und mit wenig sprachlichen Mitteln spielen lassen: Beispielsweise Memory, einfach Quartette (keine mit komplexen Merkmalen von Kampfjets und zu erklärenden Sportautos) oder Uno. Andere Spiele wie Make´n´Break, Jenga und ähnliche garantieren gemeinsamen Spaß jenseits sprachlicher Grenzen. Auch Interaktives wie Pantomime (einen Begriff ausdenken oder als Zettelchen ziehen und vorspielen, die anderen raten, was gemeint ist) ist möglich. Schlechte Erfahrungen haben wir mit elektronischem Spielzeug gemacht, da es sehr begehrt ist und viel Streit darum entsteht. Oft machen die fiepsenden Geräusche der Spielzeugspenden zusätzlich die Mitarbeiter im Kinderchaos wahnsinnig. Bei Spenden lohnt es sich, darauf zu achten, dass mehrere Kinder tendenziell friedlich damit spielen können…

– Bei uns spendeten die Viertklässler der örtlichen Schule ihre Ranzen für die einzuschulenden Flüchtlingskinder. Schultüten wurden in der hiesigen Kirche gebastelt und gerecht (!) gefüllt – alle bekamen das Gleiche und mussten nicht erleben, dass deutsche Kinder dicke Schultüten tragen und sie selbst gar nichts. Generell lassen sich Aktionen der Schulen für das örtliche Flüchtlingsheim organisieren: Von bunten Briefen, die überbracht werden, über gemeinsame Aktionen bis hin zu einem „Wandertag“ ins örtliche Flüchtlingsheim, wo die Kinder den Mitschülerinnen zeigen, wie sie leben.

 

Erwachsene

– Lustigerweise fand die AG „Spaziergänge“ kaum positive Annahme, da die teilnehmenden Frauen nicht den Sinn von „Spazierengehen“ verstanden und laut Aussage der Mitarbeiterinnen schon nach kurzer Zeit ausruhen wollten. Davon unabhängig finde ich die Idee, mit den Flüchtlingen zusammen die Umgebung zu erkunden, sehr gut. Bis auf wenige junge Männer aus Afrika (Eritrea?) sind kaum Flüchtlinge außerhalb „unserer“ Unterkunft unterwegs, die Frauen am wenigsten. Rechtlich ist bei Ausflügen mit Kindern zu bedenken, dass dies eine ausdrückliche Rücksprache sowohl mit den Angestellten vor Ort als auch mit den Eltern erfordert.

– Gemeinsames Kochen sowohl deutscher als auch „heimischer“ Gerichte. Diese Idee finde ich hervorragend, weiß aber nicht, ob sie in unserem Fall schon umgesetzt wurde und wenn ja, wie das Echo war.

– Begleitung auf Ämter und zum Arzt. Oft reicht es nach Aussagen der Zuständigen in der Verwaltung, wenn der Besuch beim Amt begleitet stattfindet: Dann erfährt die Begleitperson, worum es sich handelt und kann diese Informationen an die Heimleitung weitergeben. Auch werden Flüchtlinge, die von Deutschen begleitet werden, oft wesentlich positiver seitens der Ämter behandelt. Dass Verfahren verschleppt werden, weil die betroffene Person keine Ahnung hat, was von ihr erwartet wird, passiert so deutlich weniger.

– Deutschkurse dort, wo noch keine offiziellen angeboten werden oder zu wenig Plätze vorhanden sind. Wenn der offizielle Deutschkurs zwei Stunden pro Woche stattfindet, ist ebenfalls ehrenamtliche Hilfe nötig, damit es vorwärts geht.

– Sportliche Angebote, um nahe der engen Unterkünften (aber nicht darin) Druck abbauen zu können. Jogging, Fußball, Angebote in einer Sporthalle, die vom entsprechenden Verein zu bestimmten Zeiten zur Verfügung gestellt wird: Vieles ist ohne Mittel und mit wenig Aufwand möglich. Gezielte Angebote nur für Frauen sind eine Möglichkeit, dass sich nicht nur Männer dabei beteiligen.

 

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So sehr wir Deutschen eine umfangreiche Ausstattung lieben:
Es geht auch ohne.